Peter Coeln

Der WestLicht-Chef über Kamerasammler & aktuelle Fotokunst
08.01.2014

Sein Auktionshaus versteigert die teuersten Kameras der Welt. WestLicht-Chef Peter Coeln über die Lust auf Leica, Markttrends und die neuen Sammler aus Fernost.

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Peter Coeln

Peter Coeln
© WestLicht

fotoMAGAZIN: Sie hatten schon 1994 in London einen Kamera-Laden. Wie hat sich der Markt für Kameras seitdem verändert?
Peter Coeln: Total! Wir haben vor 22 Jahren begonnen. Es war weltweit der erste und einzige Laden dieser Art. The One and Only Leica-Shop in the World. Das war meine Idee: Ein Leica-Shop! Der Standort in England war damals logisch, weil sich der Markt in England konzentrierte. Da gab es Christie´s mit Versteigerungen, es gab zehn Kamera-Geschäfte mit Vintage-Kameras. Gleichzeitig erlebten wir einen Sammel-Boom in Japan. Die Japaner kamen alle zum Kamerakauf nach England. So war es konsequent, dass wir dort einen Laden eröffneten. Ich habe das Intermezzo nach etwa drei Jahren beendet, weil ich merkte, dass ich das von Wien aus genauso machen konnte. Das war ja noch in Zeiten vor dem Internet, vor der sogenannten Homepage. Wir starteten später in Wien übrigens auch den ersten virtuellen Laden für Vintage-Kameras überhaupt.

fotoMAGAZIN: Was sagen Sie zur Entwicklung der Kamerapreise in den letzten Jahren?
Coeln: Da möchte ich die Kirche im Dorf lassen: Wir haben in unseren letzten Auktionen wahnsinnige Preise erzielt. Zwei Millionen für eine Kamera, die fünf Jahre davor nicht leicht für 300.000 Euro zu verkaufen war und ähnliche Dinge! Das Zehnfache der alten Preise ist nie gesund und gut. Ich falle hier weder in Euphorie noch sonst etwas.

fotoMAGAZIN: Aber das bringt Ihnen vermutlich gute Kameraangebote für künftige Auktionen ins Haus!
Coeln: Das bringt zunächst etwa 1000 E-Mails von russischen Leica-Fälschungen nach jeder Auktion. Unter den 1000 Mails ist ungefähr eine gute Kamera dabei. Umgekehrt ist das nun ein Goldrausch in der ganzen Welt geworden: Jeder, der eine nur etwas wertvolle Kamera hat, glaubt dass er zumindest das Geld bekommen muss, das bei dieser Auktion im Jahr 2012 (unter großer Medienaufmerksamkeit) erzielt wurde die wiederum eine ganz eigene Dynamik hatte. Das sind ja keine Käufer, die nach einem Vernunftsprinzip kaufen.

fotoMAGAZIN: Wer steckt hinter diesen Top-Käufern?
Coeln: Diese wahnsinnig reichen Menschen, die Preise explodieren lassen, sind ja nur ganz wenige. Das spiegelt nicht wirklich den Markt wieder. Die größte Wirkung spürten diejenigen, die diese Kameras verkauften. Auch wir haben einen kurzfristigen Erfolg, weil das ein enormer Umsatz ist, der aber mit ungeheurem Erwartungsdruck für unsere nächste und übernächste Auktion verbunden ist. Und die Firma Leica bekommt natürlich eine Mega-Werbung. Weltweit bleibt nur hängen: Zwei Millionen Euro für eine Leica! Der amerikanische TV-Zuschauer bekommt WestLicht nicht mit. Leica hat dadurch ein unglaubliches Werbemittel, was mich freut. Ich bin ja sehr Leica-affin.


fotoMAGAZIN: Sie sehen sich jetzt also eher unter Druck?
Coeln: Ich sehe mich unter Druck, weil die Ware immer weniger wird und sich alles so auf Leica konzentriert.

fotoMAGAZIN: Kameras der Frühzeit sind schon weg vom Auktionsmarkt?
Coeln: Nein, da gibt es immer noch tolle Sachen. Wesentlich mehr, als bei Leica. Nur dafür gibt es fast keine Sammler. Es konzentriert sich alles auf Leica, die seltenen Dinge neigen sich dem Ende zu und jene, die Kameras haben, denken, alles sei so viel wert, wie in einer einmaligen Stimmung (bei einer Auktion) geschehen. Ich möchte das anders erklären: Ich kann eine Kamera um eine Million in einer Auktion verkaufen und biete dann dem unterlegenen Bieter, der in der Auktion 950.000 Euro geboten hat, die gleiche Kamera für 700.000 Euro an. Er würde sie nicht kaufen, nicht einmal für 500.000 Euro. Er braucht die Dynamik der Auktion. Im Laden können wir diese Preise nicht erzielen.

fotoMAGAZIN: Weil bei Auktionen irrationale Entscheidungen in Sekundenbruchteilen getroffen werden?
Coeln: Völlig irrational. Deshalb versuche ich auch immer allen Kollegen, auch Händlerkollegen zu sagen: bleibt auf dem Boden. Das sind keine normalen Entwicklungen. Ich wehre mich auch dagegen, zu sagen, so sei der Markt jetzt, dass eine Leica 300.000 Euro, 500.000 Euro oder gar eine Million kostet.

fotoMAGAZIN: Sie haben eben eine Leica von David Douglas Duncan versteigert.
Coeln: Da war nicht entscheidend, dass diese Leica von Duncan kam. Entscheidend war sein extrem seltenes Kamera-Modell. Es ist natürlich gut, wenn der Besitzer ein berühmter Fotograf war, aber hier ist entscheidend, dass von dieser Kamera nur vier Stück produziert worden sind.

fotoMAGAZIN: Die Provenienz ist nicht so wichtig wie in anderen Kunstbereichen?
Coeln: Sehen Sie, wir hatten die erste Leica von Robert Capa in der gleichen Auktion. Mit guter Provenienz. Die Kamera hat natürlich für mich einen unglaublich hohen emotionalen Wert. Am Ende brachte sie fünf Prozent vom Wert der Duncan-Kamera ein, weil das kein seltenes Modell war.

fotoMAGAZIN: Sind diese Sammler Technik-Fanatiker, die die Provenienz nicht interessiert?
Coeln: Die finden das schon toll. Das bringt vielleicht noch 20 Prozent Aufpreis, aber entscheidend ist die Rarität.

fotoMAGAZIN: Wie finden Sie solche Kameras oder finden diese Kameras heute Sie?
Coeln: Mittlerweile finden sie mich. Wobei ich natürlich heute weiß, wer was besitzt und wir natürlich auch Leute ansprechen, ob sie das verkaufen. Die meisten Sachen haben mich immer gefunden.

fotoMAGAZIN: Hinter Kameras berühmter Fotografen steckte oft eine Mischung aus Technik- und Bildgeschichte.
Coeln: Für mich völlig klar, aber aus meiner Erfahrung als Händler und Auktionator kann ich sagen, dass die großen Käufer die Technik wesentlich mehr interessiert.Wir hatten jetzt zum Beispiel auch Charles Lindberghs Kamera, mit der er über den Atlantik geflogen ist. Wahnsinniges Teil, für mich mega-historisch.

fotoMAGAZIN: Wie groß ist der Sammlermarkt für Kamera-Raritäten heute?
Coeln: Der Markt hat sich total verändert. Als ich begann, gab es viele, die Photographica sammelten oder Kameras. Die hatten durchaus ernstzunehmende große Sammlungen. Menschen, die die ganze Kamerageschichte sammelten. Die gibt es fast nicht mehr, ich kenne kaum noch jemand. Das sind vielleicht noch eine Handvoll Kunden. Selbst die Flohmärkte und Fotobörsen verschwinden immer mehr. Das ist jetzt alles bei Ebay. Ernstzunehmende Sammler mit höherem materiellen Einsatz verschwinden. Wir haben ja viele Vorlässe und Nachlässe gekauft von Leuten, die ihre Sammlung auflösten.

fotoMAGAZIN: Wie sieht der zeitgenössische Sammlermarkt aus?
Coeln: Heute gibt es Spezialisten, die vielleicht Leica M sammeln oder Zubehör, Sucher, Objektive. Es sind Sammler, die sich auf ein Gebiet konzentrieren.

fotoMAGAZIN: Wieviele Sammler gibt es, die für eine jener Kameras in Frage kommen, die Top-Preise erzielen?
Coeln: Maximal fünf bis zehn. Am Ende bleiben dann vielleicht zwei bis drei übrig. Das ist eine Nische, die man mit dem Kunstmarkt nicht vergleichen kann. Jetzt gibt es fast nur noch Spezialisten und die allgemeinen Kamerasammler sind fast verschwunden.

fotoMAGAZIN: In welchem Land finden sich die meisten Kamerasammler?
Coeln: China,  das ist wahrscheinlich jetzt mit Abstand der größte Markt.

fotoMAGAZIN: Würde es sich für Sie lohnen, Auktionen in China zu machen?
Coeln: Ich habe überlegt, Auktionen in Hongkong zu veranstalten, habe das aber verworfen wegen meiner Sammler, die seit ewigen Zeiten zweimal im Jahr nach Wien kommen. Die will ich nicht vergraulen, nur um diesem Goldrausch zu folgen.

fotoMAGAZIN: Apropos neue Märkte: Interessieren sich die reichen Russen dieser Tage für Kameras?
Coeln: Wenige. Und in den arabischen Ländern interessieren mehr die teuren neuen Sachen. Dort sitzen eher Image-Käufer. In Japan gibt es zwar noch Sammler, aber diese sind nicht bereit, den hohen Preisen zu folgen. Viele traditionelle Sammler, die vielleicht auch viel Geld besitzen, machen bei diesen Preisen nicht mehr mit. 

FACTFILE: PETER COELN

Geboren 1956, Absolvent der Graphischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt. 1975-2000 Werbefotograf; 1991 Gründer des Leica-Shops Wien, 1994 Gründer der Rare Camera Company in London;  Eigentümer der Wiener Galerien WestLicht (2001) und OstLicht (2012) und des WestLicht-Auktionshauses (2002); Vizepräsident der Photographischen Gesellschaft Wien, Fotosammler und prägende Persönlichkeit der österreichischen Fotoszene.

Das Interview wurde im fotoMAGAZIN 8/2013 veröffentlicht.

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.