Paolo Pellegrin

Der italienische Magnum-Fotograf über Sinnsuche & Bildwahrheiten
22.03.2012

Wenn Paolo Pellegrin in Kriegs- und Krisengebieten 
fotografiert, arbeitet er mit einer düstren Bildästhetik voller Schwärzen und harter Kontraste und metaphernreicher Bildsprache.

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Paolo Pellegrin

Paolo Pellegerin

© Kathriyn Cook

fotoMAGAZIN: Die Bandbreite Ihrer Arbeiten reicht heute von Aufnahmen des Elends und von Krisengebieten bis zu Starportraits. Wo führen all diese unterschiedlichen Facetten zusammen?
Pellegrin: Neunzig Prozent meiner Arbeit sieht so aus (zeigt auf seine Münchner Ausstellung). Hier liegen meine Interessen, dafür bin ich Fotograf geworden. Nachdem ich das gesagt habe, muss ich erzählen, dass man mich im Laufe meiner Karriere gebeten hat, in anderen Bereichen zu experimentieren wie bei den Hollywood-Schauspielern. In solchen Fällen versuche ich, die gleichen Fragen mitzubringen. Ich wollte keine Pop-Ikonen oder schöne Menschen zelebrieren, sondern psychologische Portraits von ihnen machen.

fotoMAGAZIN: Es geht Ihnen also letztlich um die Condition humaine?
Pellegrin: Ja, darauf will ich hinaus.

fotoMAGAZIN: Der große Kriegsreporter Don McCullin schrieb einst trocken in seiner Autobiographie Unreasonable Behavoir: Jene, die bei dieser Arbeit länger bleiben, sterben oft dabei, als er über seine Kriegsfotos berichtete. Denken Sie manchmal an derlei Dinge, wenn Sie in Kriegsgebieten arbeiten?
Pellegrin: Es ist nie einfach, sich in potenzielle Gefahr zu begeben, jedenfalls nicht für mich. Es gibt Fotografen, die mir tapferer erscheinen. Für mich ist das eine komplexe gedankliche Gleichung.  Zunächst muss ich entscheiden, ob das, worüber ich berichten möchte, wichtig ist und ich es so angehen kann, dass ich ihm gerecht werde. Im Nahen Osten ist das so, weil ich gelernt habe, die kulturellen Codes zu verstehen. So kann ich auf eine Weise arbeiten, die Sinn macht, die ich bis zu einem gewissen Maß kontrolliere.  Mich interessiert es nicht, über jeden Konflikt zu berichten.
Das schöne an der Fotografie ist, dass sie die direkte Übertragung eines Augenblicks durch den Fotografen ist. Sie geben Gedanken und Meinungen eine Stimme. Das Leben prägt diese Arbeit, doch wissen Sie was: das Leben ändert sich.
Ich bin jetzt Vater einer zweijährigen Tochter. Die ersten beiden Jahre war sie zwar das hübscheste Wesen in meinem Leben, aber ansonsten nicht präsent. Sie hat meine Arbeit nicht beeinflusst. Plötzlich hat sich da etwas verändert, als wir zusammen den Sommer verbrachten. Ich bin mal zwei Monate an einem Ort geblieben und das hat mich verändert. Jetzt versuche ich, Konsequenzen daraus zu ziehen.

fotoMAGAZIN: Hat das Auswirkungen auf Ihre Reaktion auf das Elend?
Pellegrin: Meine Reaktionen auf das Elend sind durch viele Dinge beeinflusst worden. Manchmal frage ich mich, ob man distanzierter oder zynischer wird angesichts der ständigen  Konfrontation mit dem Leid. Aber es passiert tatsächlich genau das Gegenteil. Ich werde immer sensibler und auf gewisse Weise wird es  so immer schwieriger, sich diesen Situationen auszusetzen.

Manchmal frage ich mich, ob man zynischer und distanzierter bei all dem Leid wird. Bei mir passiert das Gegenteil.

fotoMAGAZIN: Für Sie hat die Fotografie die Funktion eines Dokuments, dass später Zeugnis gibt. Bedeutet das, dass sie glauben, die Fotografie könne etwas verändern?
Pellegrin: Selbst wenn ich jetzt naiv klinge – ich glaube zwar nicht unbedingt, dass meine Arbeit eine massive politische Situation zu verändern mag, aber ich kann sagen, dass sie mich verändert, während ich sie verrichte. Ich gehe als anderer Mensch da raus und denke, dass Menschen, die meine Arbeiten sehen, durch diese Erfahrung verändert werden können. Das ist eine Stimme und diese Stimme kann zusammen mit anderen kräftiger werden. Manchmal kann diese dann ein noch größeres Publikum und die öffentliche Meinung erreichen. Ich bin mir bewusst, dass wir bei der Arbeit enorme ethische Risiken eingehen, indem wir uns mit dem Sterben und Leiden anderer Menschen konfrontieren. Diese Risiken gehe ich auf die sensibelste und bewussteste Art ein, bevor ich ganz darauf verzichte, gewisse Dinge zu untersuchen.

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Libanon 2006

Zivilisten suchen nach Überlebenden kurz nach einem israelischen Luftangriff im südlichen Beirut. Libanon 2006

© Paolo Pellegrin/Magnum Photos/Agentur Focus

fotoMAGAZIN: Wir leben im Zeitalter des Bürgerreporters und der Amateurfotos per Mobiltelefon. Wie verändert das Ihre Rolle als Fotoreporter?
Pellegrin: Ich glaube nicht wirklich, dass das etwas verändert. Die technologischen Möglichkeiten, die wir als Bürger jetzt haben, Fotos und Videos zu produzieren und schnell zu verbreiten ist interessant und gut. Es bemächtigt gewissermaßen die Bevölkerung zu handeln, zum Beispiel in Syrien. Im Grunde mache ich aber etwas ganz anderes. Meine Arbeit ist engagierter, ich stecke mehr Zeit und wahrscheinlich auch mehr Überlegungen rein und mache nicht nur die Erfahrung eines Augenblicks.

fotoMAGAZIN: Das zweite große Thema in der Fotografie unserer Tage ist der Diskurs über die Wahrheit in der Fotografie im Zeitalter digitaler Manipulation. Das Vertrauen in die Fotografie scheint abzunehmen.
Wie gehen Sie damit um?
Pellegrin: Nicht sehr gut. Wir wussten immer, dass Manipulationen möglich sind, aber jetzt ist Photoshop ein starkes Werkzeug. Es macht Manipulationen sehr einfach und wird oft missbraucht. Das macht mir große Sorgen. Natürlich ist meine Perspektive anders als Ihre und diese Bilder sind alle subjektiv. Ich habe schwarzweiß gearbeitet, sie abgedunkelt, ich lenke den Betrachter emotional in eine Richtung. So betrachtet fange ich bereits an, eine Szenerie zu schaffen. Das finde ich unvermeidlich, aber auch interessant. Mich interessiert, wie Sie oder Josef Koudelka oder Gilles Perres die Welt sehen. Ich weiß, dass ich mit gewissen Interpretationen rechnen muss. Das ist in Ordnung. Nicht in Ordnung ist eine Manipulation, die danach passiert.

fotoMAGAZIN: Wie sehen Sie die Zukunft dieses Berufes?
Pellegrin: Ich sehe ihn am Scheideweg. Die digitale Technologie bringt die Fotografie immer näher zum Video und Fernsehen. Wir können bereits absehen, dass wir in unserem Leben noch Videofilme machen werden und daraus Einzelbilder nehmen. Das passiert, das kann man nicht aufhalten. Dann gibt es da aber noch eine andere Art von Arbeit, eine langsamere.

fotoMAGAZIN:  Wie passen Ästhetik und Elend zusammen ist eine gewisse Ästhetik nötig um eine Botschaft rüberzubringen?
Pellegrin: Man hat mich immer dafür kritisiert, dass ich schöne Bilder von tragischen Situationen mache. Darauf kann ich nur sagen: Form und Inhalt sind nicht voneinander zu trennen. Durch die Form bringen wir den Inhalt zum Ausdruck.  Sie ist die Eintrittskarte. Ich denke, dass es meine Pflicht als Fotograf selbst in den schrecklichsten Situationen ist, das bestmögliche Bild zu machen, weil ich mich durch diese Form ausdrücken kann. Speziell in der künstlerischen Tradition des Westens drücken wir Gefühle über die Schönheit aus. Sehen Sie sich die Kunstgeschichte an: (Der spanische Maler) Goya konnte über den Krieg auf schrecklichste Weise sprechen, doch er nutzt dafür die Form seines Mediums bestens. Das Formale ist einer meiner Wege, Situationen und Menschen zu respektieren, denen ich begegne, um meine Arbeit so gut wie möglich zu machen. Ich denke, dass man letztlich nur durch eine Form von Schönheit beim Betrachter die Voraussetzungen schaffen kann, dass er sich reinversetzt und engagiert.

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Afghanistan 2006

Ein Hubschrauber, der von der US-Drug Enforcement Administration und afghanischen
Truppen im Kampf gegen Drogen eingesetzt wird. Afghanistan 2006 


© Paolo Pellegrin/Magnum Photos

fotoMAGAZIN: Kann die schöne Ästhetik eines Fotos nicht von der Tragödie ablenken?
Pellegrin: Ich denke, sie schafft die Bedingungen für einen Dialog, der mich interessiert. Ich glaube nicht, dass ein schlechteres Bild einem Thema mehr gerecht wird, eine Geschichte besser wiedergibt als ein gutes. Ganz im Gegenteil.

fotoMAGAZIN: Gibt es eine Grenze für all das Elend, das sie noch verarbeiten können?
Pellegrin: Es wird komplizierter, je älter ich werde. Die Dinge fallen mir nicht einfach so zu. Ich muss immer darüber nachdenken und ihnen eine gedankliche Plattform schaffen, so dass ich spüre: Was ich mache, hat einen Sinn. Ich habe viel Elend gesehen. Ich weiß, dass mein Maß voll wird. Im Leben geht es auch nicht nur um diese Dinge. Wir tun einander schreckliche Dinge an, aber ich möchte auch andere Dinge zelebrieren. Das bedeutet jetzt nicht, dass ich künftig Landschaften fotografiere.

fotoMAGAZIN: Man liest in Ihrer Vita, Sie hätten die 90er-Jahre dazu genutzt, eine eigene Ästhetik zu entwickeln. Wie macht man so etwas?
Pellegrin: Es ist wie bei einer Fremdsprache. Als ich anfing zu fotografieren,  war das noch eine andere Ära. Wir hatten noch kein Internet, den Zugang zu den Arbeiten anderer Fotografen bekam man wirklich nur über Bücher.
Ich weiß nicht warum, aber ich verordnete mir 8 bis 10 Jahre harten Trainings. Das lag auch an meiner Unsicherheit. Ich dachte nie, dass ich bereit wäre, mit ernsten Situationen umzugehen. Das Bildermachen ist nur der letzte Schritt eines Prozesses. Wie entwickelt man eine Ästhetik? Ich sagte mir: die Fotografie ist ein reichhaltiges Medium, ich muss erst lernen, diese Sprache zu sprechen. Das bedeutet, ihre Grammatik, ihren Syntax studieren.

fotoMAGAZIN: Wenn wir Ihre Bildästhetik betrachten, fallen die Schatten, die Schwärzen, die Unschärfen, die starken Kontraste in Ihren Bildern auf, verbunden mit Ihrer Fähigkeit, nah an den Personen zu bleiben und zugleich die Umgebung mit ins Bild einzubeziehen. Können Sie uns Ihre Annäherungsweise erklären?
Pellegrin: Eines der Dinge, die ich gelernt habe ist, dass das entscheidene Element in der Fotografie der Abstand ist. Wenn ich die richtige Distanz suche, versuche ich nah dran zu bleiben, aber gleichzeitig auch draußen. In den Spannungsbogen zwischen diesen beiden Punkten versuche ich zu arbeiten. Es steckt auch noch der Gedanke der Fotografie als Fenster und Spiegel drin. Und natürlich der Fotograf selbst, allein durch die Dinge die wir tun wir sind da und zugleich auch nicht, weil wir dort nicht wirklich hingehören.

Das  Interview wurde im fotoMAGAZIN 1/2012 veröffentlicht.

Factfile: Paolo Pellegrin

Paolo Pellegrin wurde am 11. März 1964 in Rom geboren. Der Sohn eines Architektenpaares studierte zunächst drei Jahre Architektur, bevor er sich ganz der Fotografie widmete. Seit 2005 ist er Vollmitglied der Fotografenvereinigung Magnum und wurde seit 1995 u. a. mehrfach mit World Press Photo Awards ausgezeichnet. Bis 20. Februar 2012 zeigt die Versicherungskammer Bayern in ihrem Münchner Kunstfoyer eine große Retrospektive des Italieners. Zur Ausstellung erscheint eine vom Künstler signierte, limitierte Paolo Pellegrin-Buchedition.

 

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.