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Das Sammler-Ehepaar Dr. Michael und Ingrid Schupmann
Dr. Michael Schupmann und seine Gattin Ingrid.
Foto: © Dr. Michael Schupmann

Michael Schupmann

Die Sammler
12.04.2021

Gemeinsam mit seiner Frau Ingrid hat der Landarzt Michael Schupmann über viele Jahre Fotografien gesammelt. Wir haben mit ihm über seine Sammlung, wie es zu ihr kam und welche Werke sich in ihr finden – und welche nicht – gesprochen.

Text Damian Zimmermann

fotoMAGAZIN: Ihre Sammlung ist sehr fokussiert auf deutsche Fotografen der analogen Schwarzweiß-Ära nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie kam es dazu?
Michael Schupmann: Ausgelöst wurde das Sammeln durch den Besuch einer Ausstellung mit (unter anderem) tschechischen Fotografen 1989 im Fotografie Forum Frankfurt. Ich wollte damals eigentlich nur ein paar hübsche Fotos für die Wohnzimmerwand kaufen und von den gezeigten Künstlern kannte ich bis auf Josef Sudek keinen. Das war für mich aber eine Art Damaskus-Erlebnis. Bei meinem nächsten Besuch kaufte ich noch etwas und das Ganze verselbstständigte sich. Ich merkte schnell, dass ich mich konzentrieren musste – zunächst auf tschechische und deutsche Fotografie. Selbst diese beiden Bereiche waren noch viel zu groß. Tschechien habe ich dann sofort gestrichen und mich auf deutsche Fotografie der Nachkriegszeit eingeschränkt. 

fotoMAGAZIN: Sie sammeln fast ausschließlich Schwarzweißfotos. Und die Becher-Schüler oder Wolfgang Tillmans finden wir nicht in Ihrer Sammlung ...
Michael Schupmann: Die Becher-Schule habe ich zuerst schlichtweg verschlafen und später waren die Preise dieser Fotografen für mich einfach viel zu hoch. Zudem glaube ich nicht, dass die Faszination eines Bildes mit dessen Größe zusammenhängt und bezweifle, ob man ein Portrait wirklich auf zwei Meter ziehen muss, nur weil es die technischen Möglichkeiten plötzlich zulassen.

Ein Bild, mit dem ich nichts anfangen konnte, habe ich nicht gesammelt.

fotoMAGAZIN: Kaufen Sie auch Kunst, die Ihnen nicht gefällt, die Sie aber der Vollständigkeit halber in Ihrer Sammlung haben wollen?
Michael Schupmann: Davon habe ich mich ziemlich fern gehalten. Mir war immer wichtig, dass ich einen ästhetischen Genuss habe und ein Bild, mit dem ich nichts anfangen konnte, habe ich nicht gesammelt. Das ist auch ein Grund, warum ich Wolfgang Tillmans nicht in meiner Sammlung habe – ich konnte damit größtenteils nichts anfangen. Das Gleiche gilt für Michael Schmidt und Gabriele und Helmut Nothhelfer, auf deren Fehlen in meiner Sammlung ich immer wieder angesprochen werde. Ich muss gestehen, dass ich nach meinem Geschmack entschieden habe, der ja aber nicht die deutsche Kunstgeschichte festlegt.

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Das Ehepaar Dr. Michael und Ingrid Schupmann

Ihre Sammlung umfasst deutsche Schwarzweißfotografie von 48 Billdermachern aus den Jahren zwischen 1945 und 2000.

© Dr. Michael Schupmann

fotoMAGAZIN: Sie sind beim Sammeln niemandem verpflichtet – das ist ja auch befreiend ...
Michael Schupmann: Als wir unsere Sammlung gerade im Museum im Kulturspeicher Würzburg zeigten, haben wir uns eine kleine „Frechheit“ erlaubt. Wir haben auf einer Wand eine Auswahl von Fotos von Bernd und Hilla Becher gehängt und gegenüber haben wir zwei Fotos von Georg Eurich gezeigt, den fast niemand kennt. Der war Schuldirektor im Vogelsberg und hat dort in den 1950er- Jahren auf höchstem Niveau das Landleben dokumentiert. Solch eine Gegenüberstellung kann sich eigentlich nur jemand leisten, der keinem Kanon verpflichtet ist.

fotoMAGAZIN: Haben Sie sich schon mal einen Kauf „verkniffen“, weil die Arbeit nicht in Ihre Sammlung passte?
Michael Schupmann: Ja. Aber ich musste meine finanziellen Mittel bündeln und deswegen war das kein Thema. Selbst ohne diese „Verlockungen“ war eine Konzentrierung nötig. Barbara Klemm habe ich in der Sammlung als Dokumentaristin der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung in der Bundesrepublik und Will McBride als Beobachter der sexuellen Revolution in den 60er-Jahren. Natürlich hätte man noch manche andere Reportagefotografen aufnehmen können, aber die Auswahl reichte mir, um bestimmte Aspekte der Fotografie zu zeigen. 

Die Fotografie ist ein Medium der Vervielfältigung.

fotoMAGAZIN: Für Fotosammlungen im musealen Kontext spielt auch die Art des Abzugs eine Rolle. War das für Sie als Sammler wichtig?
Michael Schupmann: Nicht sonderlich, denn die Fotografie ist ein Medium der Vervielfältigung. Mir war es jedoch immer wichtig, dass der Schöpfer des Bildes den Abzug auch selbst in der Hand hatte und es signiert hat. Damit ist es für mich authentisch. Ob es jetzt der erste oder der zehnte Abzug 40 Jahre nach der Belichtung des Negativs ist, ist für mich nicht relevant. 

Aktuelle Ausstellung

Das Landesmuseum Oldenburg stellt nun einen Teil der über 700 Arbeiten umfassenden Schupmann-Collection aus. Die Ausstellung „Schupmann Collection – Fotografie in Westdeutschland“ ist dort voraussichtlich bis zum 13. Juni 2021 (Stand: Anfang April 2021) zu sehen. Die Sammlung Schupmann versammelt Arbeiten deutscher Autorenfotografen und somit nennenswerter künstlerischer Strömungen in Westdeutschland von 1945 bis 2000: „subjektive“ und inszenierte Fotografie, Arbeiten des Visualismus der 1980er und 90er Jahre, berührende Reportagefotografien und nüchterne Dokumentaraufnahmen sowie bedeutende Werke der Mode- und Objektfotografie.

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
fotoMAGAZIN

1949 erschien die erste Ausgabe der ersten Fotozeitschrift im deutschsprachigen Raum. Seither begleiten wir die Fotogeschichte. Unsere Kamera- und Objektivtests unter Labor- und Praxisbedingungen helfen Einsteigern und Profis seit jeher bei der Kaufentscheidung. Mancher Fotograf wurde von uns entdeckt. Und seit Steven J. Sasson 1975 für Kodak die erste Digitalkamera entwickelte, haben wir die digitale Fotografie auf dem Schirm. Unsere Fotoexpertise ist Ihr Vorteil.

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