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Interview-Max-Pinckers-Aufmacher
© Max Pinckers

Max Pinckers

"Meine Arbeit ist auch ein Kommentar zum Medium selbst"
13.04.2017

Seine Bilder haben etwas Surreales und doch arbeitet er mit einem ganz realen Phänomen: dem Klischee. Max Pinckers über den Zusammenhang zwischen Realität und Klischee in der Fotografie

 

Der 1988 in Brüssel geborene Fotograf Max Pinckers verbrachte zwei Monate in der japanischen Präfektur Saitama. Im Rahmen des zweimonatigen Stipendienprogramms European Eyes on Japan bekam er die Gelegenheit, seinen Blick auf das zu dokumentieren, was in der westlichen Welt als "typisch" japanisch gilt. Dabei versuchte Pinckers vor allem mittels Fotografie herauszufinden, wieviel Wirklichkeit in der Abbildung der Realität steckt. Mit dieser Arbeit zählte er zu den Finalisten bei den Leica Oskar Barnack Awards 2016. Wir hatten die Gelegenheit, den Finalisten bei der Preisverleihung exklusiv zu interviewen. Wir verraten Ihnen, ob sich Pinckers Klischees bewahrheitet haben.
 

fotoMAGAZIN: Was hat Sie zu diesem Projekt gebracht?
Max Pinckers: Diese Arbeit ist ursprünglich für das japanische Programm „European Eyes on Japan“ entstanden. Seit 15 Jahren wird jedes Jahr ein europäischer Fotograf eingeladen, in einer der 47 japanischen Präfekturen zu arbeiten. So entsteht eine Art flächendeckende Dokumentation aus europäischer Sicht.

fM: Konnten Sie die Region selbst auswählen?
Pinckers: Nein, die wurde mir zugewiesen. In meinem Fall war das Saitama, direkt nördlich von Tokio, eine Art Pendlerstadt. Es ist dort sehr ruhig, die Stadt besteht fast nur aus Wohngebieten. Die Menschen schlafen dort, wachen auf und fahren dann zur Arbeit. Für mich war das mein erster Japanbesuch, allerdings bin ich in Asien aufgewachsen bis ich 18 war: in Indonesien, Indien, Singapur.

fM: Haben Sie vorab recherchiert oder wollten Sie sich von der Region überraschen lassen?
Pinckers: Ich habe ein wenig recherchiert, wollte mich aber nicht vorher bereits auf ein Thema festlegen. Meine Vorgabe war, dass ich Saitama nicht verlassen durfte. Und als ich dort ankam, war ich wirklich überrascht, dass ich nichts davon sah, was ich in Japan erwartete. Meine Erwartungen basierten natürlich vor allem auf Klischees. Das hat mich zum Nachdenken gebracht, wie es kommt, dass wir in der westlichen Welt oder in Europa so viel über die japanische Kultur wissen. Überall gibt es Sushi-Restaurants, jeder weiß, was ein Sumo-Ringer ist.

Ich fragte mich: Wie kann ich die Bilder machen, von denen ich dachte, dass sie existieren, die es aber gar nicht gibt?

fM: Welche Erklärung haben Sie für sich gefunden?
Pinckers: Nach dem Zweiten Weltkrieg musste sich Japan enorm wandeln. Es gab dort ein sehr schnelles Wirtschaftswachstum. Ein Teil von Japans Etablierung als asiatische Supermacht war, dass das Land sich kulturell extrem gut promoten musste. Es war also ein Eigeninteresse, ihre Identität zu promoten. Das Interesse der Menschen sollte damit geweckt und Investoren gefunden werden. Genau das wurde das Thema meines Projekts. Ich fragte mich: Wie kann ich die Bilder machen, von denen ich dachte, dass sie existieren, die es aber gar nicht gibt? Dann habe ich angefangen, verschiedene Szenen zu inszenieren, die lediglich meiner Idee von Japan entsprachen. Nichts davon existierte.

fM: Haben Sie dafür Skizzen gemacht?
Pinckers: Ja, ich habe auch Skizzen angefertigt. Meine Sicht auf Japan ist zum Beispiel wesentlich durch die Fotografien beeinflusst, die ich von dem Land gesehen habe. Jeff Wall war eine große Inspiration für mich. Er hat ein Bild gemacht, das sich an einen Holztafeldruck von Hokusai anlehnt, auf den ich dann auch Bezug genommen habe. Das ist ein Beispiel dafür, wie sich Bilder Referenzen nehmen.

fM: Auch in einem fotohistorischen Kontext?
Pinckers: Manchmal. Man sieht, dass Vorstellungen auch nur in einer Welt der Bilder existieren können und in real nicht mehr da sind. Der Bonsai zum Beispiel: Ein japanischer Mann erzählte mir, dass der Bonsai für ihn nichts Japanisches mehr sei. Du kannst Bonsais überall kaufen, sie haben sich so globalisiert und komplett von der Tradition gelöst – für ihn zumindest. Es gibt natürlich noch Bonsais in Tokio. Das fand ich aber sehr interessant: Wie erleben wir diese kulturellen Symbole, die durch eine Art globales, verwestlichtes System konsumiert wurden? Das war die Idee.

Du solltest Symbolik und Metaphern verwenden können und es sollte nicht alles auf dem Gedanken aufbauen, dass das, was wir sehen, „wahr“ ist.

fM: Wie viel von dem, was Sie nun tun, finden Sie im Kontext der japanischen Fotografie wieder?
Pinckers: Das ist ein ganz anderer Kontext, was Sie zum Beispiel an der Provoke-Bewegung sehen. Zu zwei meiner Ausstellungen habe ich Daisuke Yokota eingeladen, einen japanischen Fotografen, der in Saitama geboren ist. Es war sehr interessant, beide Sichtweisen zusammenzubringen, meine sehr verwestlichte Sicht (auch in Bezug auf die ästhetischen Entscheidungen) und im Kontrast dazu Daisukes Bilder.

fM: Daisuke reflektiert die Ästhetik des Mediums an sich sehr viel.
Pinckers: Und die Materialität. Aber meine Arbeit ist auch ein Kommentar zum Medium selbst, weil diese Vorstellungen nur in Bildern und Fotografien existieren.

fM: Ihre Bilder haben einen surrealen Aspekt. Wie würden Sie Ihren Zugang beschreiben und warum haben Sie diesen gewählt?
Pinckers: Das kommt wohl, weil ich Belgier bin. (lacht) Ich beschäftige mich auch schon eine ganze Weile mit der Dokumentarfotografie und denke darüber nach, wie eine Dokumentation funktionieren kann, ohne direkt die Wahrheit erzählen zu müssen.

fM: Würden Sie Ihren Zugang als neue Form der Dokumentation bezeichnen?
Pinckers: Nein. Ich denke aber, dass diese Art des Zugangs das Format der Dokumentation einschließen und nicht ausgrenzen sollte. Du solltest Symbolik und Metaphern verwenden können und es sollte nicht alles auf dem Gedanken aufbauen, dass das, was wir sehen, „wahr“ ist.

Das Bild mit dem Mann, der eine Linie zeichnet, heißt zum Beispiel „Because a Diagonal Always Works“.

fM: Was wir hier sehen, ist zusammengefasst eine Art „öffentliche Uniform“ der Menschen. Warum haben Sie einen solch formellen Aspekt ausgesucht?
Pinckers: Das rührt von den japanischen „Salarymen“ her, was auch wieder eine Sache ist, die mit der Geschichte und den Klischees zu tun hat. Für mich steht der Anzug aber auch für etwas Universelles. Und das ist etwas, wonach ich immer suche; etwas, das überall oder aus jeder Zeit sein könnte. Die Art, wie Menschen gekleidet sind, war für mich schon immer etwas, das mit einer Region verbunden ist.

fM: Es überwiegt das Gefühl, Sie wollen, dass hier die Idee der Inszenierung stets mitpräsentiert wird. Der Betrachter hat so eine Art Bühnengefühl.
Pinckers: Das war früher viel mehr meine Absicht als heute. Heute steht das für mich nicht mehr im Vordergrund. Das künstliche Licht macht hier viel aus. Dass Sie jedoch über all das nachdenken, reicht mir schon.

fM: Gibt es einen Start- und einen Endpunkt Ihrer Geschichte, gibt es überhaupt einen Handlungsstrang oder handelt es sich hier um Einzelbilder?
Pinckers: Was Sie hier sehen, ist nicht die komplette Serie. Die umfasst 48 Bilder.

fM: Ist diese Serie als Buch gedacht?
Pinckers: Nein, nur für eine Ausstellung. Wir haben aber gerade einen Ausstellungskatalog herausgebracht, in dem Sie sehen, wie die Arbeiten von Daisuke und mir zusammenkommen.

Und eine andere Arbeit fotografiere ich in Kenia, bei der es um die Mau-Mau-Veteranen, also die Männer geht, die in den 1950ern gegen die Briten gekämpft haben.

fM: Wie wichtig sind Bildunterschriften bei diesem Konzept?
Pinckers: Die sind sehr wichtig, weil sie einem Bild eine andere Bedeutung verleihen können. Das Bild mit dem Mann, der eine Linie zeichnet, heißt zum Beispiel „Because a Diagonal Always Works“. Da meine Arbeit sich mit Stereotypen auseinandersetzt, habe ich entschieden, die Fotos so frech wie möglich zu betiteln. Andere Bilder heißen zum Beispiel „Kimono“, „Salarymen“ oder „Bonsai“. In anderen Arbeiten von mir sind sie deutlich politischer oder sie beziehen sich auf Lieder, Bücher, Texte.

fM: Haben Sie den Eindruck, dass es genug Potential gebe, um an der Serie weiterzumachen? Ich habe das Gefühl, dass Sie momentan lediglich etwas streifen
Pinckers: Ja, jede Arbeit ist ein Schritt in die Richtung von etwas anderem. Ich arbeite bereits auf andere Projekte hin, die denselben Arten von Ideen folgen.

fM: Können Sie darüber sprechen?
Pinckers: Ein bisschen. Ich mache ein Projekt in Amerika.

fM: Die wieder mit Klischees zu tun hat?
Pinckers: Nein, das wäre zu viel der Klischees. Es geht um den Unterhaltungswert von Medien. Und eine andere Arbeit fotografiere ich in Kenia, bei der es um die Mau-Mau-Veteranen, also die Männer geht, die in den 1950ern gegen die Briten gekämpft haben.

fM: Wie sind Sie darauf gekommen?
Pinckers: Die Briten hatten in den 1950ern eine mächtige Propaganda-Maschinerie, die die Mau-Maus als verrückte Bestien darstellte, die jeden umgebracht hätten. Ein Großteil der Geschichte wurde nicht erzählt. Die Briten haben jede Menge Menschen umgebracht und gefoltert. Jetzt arbeite ich mit den Mau-Maus daran, Dinge nachvollziehbar zu machen. Meine Ansprechpartner sind mittlerweile 80 bis 90 Jahre alt.

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.