Mark Seliger

Über seine Karriere und die Kunst des Geschichtenerzählers
10.02.2011

Im Oktober 2010 stellte 
Mark Seliger in Italien seinen neuen Kultkalender für den Kaffeeröster Lavazza vor. fotoMAGAZIN nutzte die Gelegenheit für ein Exklusiv-Interview mit dem berühmten Portraitfotografen.

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Mark Seliger
© Lavazza Kalender 2011

fotoMAGAZIN: Seit etwa fünf Jahren wenden Sie sich verstärkt der Modefotografie zu und haben mit der 401 Gallery in New York eine Non-Profit-Galerie eröffnet. Ist in jener Zeit etwas besonderes passiert, dass Sie plötzlich neue Wege eingeschlagen haben?
Mark Seliger: Nichts im Besonderen. Ich mochte schon immer die Idee, neue Dinge anzupacken, andere Sachen zu machen, ein wenig zu verändern.

fM: Ihr neues Buch Listen, das dieser Tage bei Rizzoli erschien, zeigt Arbeiten aus ganz unterschiedlichen Genrebereichen. Wollen Sie uns damit zeigen, dass man Sie zu lange in eine bestimmte Schublade gesteckt hat? In Ihrer Arbeit steckt viel mehr als der berühmte Portraitist.
Seliger: Was die Fotografie betrifft, habe ich begonnen, hier alles auf ein ganz einfaches Thema runterzubrechen: Einfache und allgemeine Themen wie Stills, Landschaften und Akte. Ich hatte in den vergangenen zehn Jahren etwa ein Dutzend Aufnahmen gemacht, die der Ausgangspunkt dafür waren. Sie sollten meine Grundthemen sein, zusammen mit der alten Technik der Platin/Paladiumprints, die das Projekt begleitete.

fM: Warum haben Sie sich für diesen alten Printprozess entschieden?
Seliger: Ich mag diese taktile Erfahrung der Fotografie. Mir ist es immer schon um die Wahrnehmung des Prints gegangen.

fM: Zu Beginn Ihrer Faszination mit dem Medium scheinen Sie eher ein Mann der Dunkelkammer, ein Laborant, als ein Fotograf gewesen zu sein!
Seliger: So fängt die Fotografie doch auch an, mit dieser grundlegenden, generellen Annäherung. In der Ausbildung lernt man, wie ein Film funktioniert, wie die chemischen Prozesse sind, was mit dem Papier passiert. Danach ist der Augenblick der Aufnahme in mancherlei Hinsicht jener Teil, der Spaß macht. Beim Verständnis der Grundprinzipien geht es aber wirklich um das Printen von Fotos.

fM: Was hat sich für Sie im digitalen Zeitalter verändert, abgesehen von den technischen Entwicklungen?
Seliger: Die Digitalfotografie ist einfach nur ein anderes Werkzeug. Sie ist nicht das böse Neugeborene. Sie ist großartig und erlaubt Dir, viele Dinge zu tun (und vorab schon zu sehen), die man vorher nicht machen konnte. Ich hatte früher immer (beim Testshooting) mit Polaroidmaterial gearbeitet.

Die Leute lieben Dinge, die ihnen eine Reaktion entlocken.

fM: Gibt es großen Druck, früher fertig zu werden als einst im Analogzeitalter?
Seliger: Vielleicht gibt es da jetzt unglücklicherweise eine stärkere Dringlichkeit.

fM: In einem Ihrer Bildbände erwähnen Sie, dass bei Ihnen zu Hause ein Arnold Newman-Portrait von Igor Strawinsky hängt. Haben Sie es noch immer, und was bedeutet Ihnen gerade dieses Bild?
Seliger: Ja. Dieses Bild wurde mir einst an der Schule von einem Professor erklärt, der mir sehr nahe stand. Dieser Mann hat mir meinen Atem als Fotograf eingehaucht. Und mir Newmans Komposition erklärt. Newman hatte schon fast konzeptionelle Bedeutung hinter seiner Art zu portraitieren. Zum Beispiel geht es bei dem Strawinsky-Bild darum, wie dieser das Klavier in seiner Pose aufgriff und eine Musiknote hier eine Rolle spielt. Diese Dinge sind alle in dem Portrait eingebettet. Und diese Seherfahrung führt den Betrachter schließlich dazu, eine neue Erfahrung zu machen, was ein Foto sein kann. So war das für mich nicht einfach nur ein Portrait, sondern ein stark komponiertes Foto.

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Lavazza Kalender 2011

Lavazza Kalender 2011 / Photographer Mark Seliger

fM: Sie haben dieses Bild jetzt schon lange Zeit betrachtet. Ist es noch immer so stark wie damals, als sie es entdeckten?
Seliger: Absolut. Dieses Bild bringt mich immer wieder an einen Ort zurück, der voller Simplizität und Ehrlichkeit ist. Daran müssen wir uns in dieser Welt immer wieder erinnern, in der es sehr wenig gibt, das nicht verändert werden kann. Hier ist ein Gefühl von Reinheit, ein puristischer Ort. Es ist nicht so, dass Fotografie hohe Kunst sein muss. Es ist, wie das Helmut Newton mal sagte: So etwas wie guten Geschmack gibt es nicht. Es gibt nur schlechten Geschmack (lacht). Die Leute lieben Dinge, die ihnen eine Reaktion entlocken. Solche Dinge sehen sie sich gerne an. Selbst die einfachsten Ideen sind deshalb sehr kontrovers.

fM: Ein wichtiger Aspekt Ihres Werkes und Ihres Erfolges ist Ihr Talent als Storyteller. Sie sind in der Lage, mit einem Bild eine Geschichte zu erzählen. Wie hat sich dieses Talent entwickelt?
Seliger: In vielen meiner frühen Bilder ging es um Humor. Ich habe immer versucht, ein wenig Sinn für Humor mit den Aufnahmen zu verbinden. Ob das ein Augenzwinkern war oder mehr. Ich denke, daraus hat sich letztlich alles entwickelt.

fM: Woher kommt das: steckt das in Ihnen, war es Teil Ihrer Erziehung?
Seliger: Ich merke, dass all die Jahre, in denen ich Slapstick-Komödien im Fernsehen gesehen habe einen Einfluss hatten. Mit meinen Brüdern führte ich ständig diese lustigen Dialoge. Jetzt mache ich als Erwachsener einfach das professionell weiter, was ich als Kind schon gemacht habe. Ich habe einfach Glück! (lacht)

fM: Sie sind schon seit langer Zeit auf hohem Niveau erfolgreich. Was hält Sie auf dem Boden?
Seliger: Es geht nicht so sehr darum, ob man erfolgreich ist, sondern ob man sich so wohlfühlt, wie man ist und was man verstehen möchte. Ich habe mich dazu verpflichtet, mir treu in meiner Arbeit zu bleiben und nicht das zu tun, was andere wollen. Das ist mein Rettungsanker. Es ist kein Platz in der Mitte, aber jede Menge Platz ganz oben. Wenn Du ganz oben angekommen bist, bist Du wirklich komplett in Deiner eigenen Welt. Du wirst nicht mehr in der Lage sein, das, was um Dich herum passiert, zu schätzen, wenn Du anfängst darüber nachzudenken, ob Du cool und trendy genug bist, ob das eine Richtung ist, zu der sich auch andere hingezogen fühlen. Du musst stets den Weg finden, der Dich glücklich macht.

fM:  Dabei muss ich jetzt an einen Spruch aus einem chinesischen Glückskeks denken: Das obere Ende der Leiter ist ein netter Ort, jedoch sehr einsam
Seliger: Es ist wirklich ein Geschenk der Fotografie, dass man mit so vielen unterschiedlichen Menschen Dinge auf ganz unterschiedliche Art teilen kann, indem man Ideen liefert, eine starke Zusammenarbeit mit den Leuten aufbaut. Ohne jetzt jemanden Puder unter den Rock zu blasen: die Arbeit mit Lavazza war eine wunderbare Erfahrung. Jeder hat hier auf höchstem Niveau gearbeitet um etwas zu schaffen, das meiner Meinung nach Lavazza noch nie gemacht hat. Alle Lavazza-Kalender sind schön, aber ich bin happy, denn ich denke, ich habe etwas gemacht, das sie so noch nicht umgesetzt hatten.

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Lavazza Kalender 2011

Lavazza Kalender 2011/Photographer Mark Seliger

fM: Sie sollten sich zum Thema Falling in Love in Italy Bilder von Italien ausdenken. Hatten Sie nicht ein wenig Angst, dies in einem Land zu machen, das Ihnen letztlich fremd ist?
Seliger: Ja. Uns wurde aber vieles klarer, als wir wussten, dass wir diese Setbauer hatten: diese hochtalentierten Handwerker haben mit uns gearbeitet und wir wussten, dass wir mit ihrem Niveau eine Sache wie das Verona-Motiv weit pushen konnten. Die Fassade ist in ein paar Tagen aus einem Stück Styropor geschnitzt worden! Wenn Sie sich das jetzt ansehen, wirkt es wie eine Wand.

fM: Wieviel Zeit hatten Sie für das komplette Kalender-Shooting?
Seliger: Ich hätte dort acht Tage sein sollen. Drei Tage zum Einleuchten, fünf Tage für das Shooting. Dann brach in Island der Vulkan aus und wir konnten erst zum ersten Tag des Shootings einfliegen. Unsere Models kamen aus aller Welt. Wir hatten keine Zeit zum Einleuchten, ich kam mit Grippe an und wir legten das Licht erst beim Fotografieren fest.

Ich mag die Beleuchtung und die Widersprüche in Licht und Farbe.

fM: Wie stark haben Sie sich hier in das Thema Italien eingearbeitet?
Seliger: Anstelle der Lektüre haben wir so viele visuelle Anhaltspunkte wie möglich angesehen. Zum Beispiel schauten wir uns beim Thema Toskana an, wie dort ein goldenes Feld aussieht, welche Textur es hat. Wie sieht dort ein Strohballen aus? Wie die Zypressen, die Olivenbäume. Wir versuchten, viele Dinge einzubauen, die von dieser Landschaft erzählten. Im Idealfall wäre ich einen Monat rumgereist.

fM: Im implizierten Surrealismus einiger Bilder Ihres Kalenders kommt die Lavazza-Bilderwelt mit Ihrem sonstigen Werkszyklus zusammen. Was fasziniert Sie so am Surrealismus?
Seliger: Ich mag die Beleuchtung und die Widersprüche in Licht und Farbe. Wenn ich mir etwas ansehe, möchte ich mein Vergnügen damit haben. Die Arbeiten der surrealistischen und der dadaistischen Maler sind ganz nach meinem Geschmack was Farbe, Intensität und Komposition betrifft. Wenn ich ein Bild mache, wird es ein Ausdruck des Lichtes sein, das zu dieser Idee passt. Aber das ändert sich gerade: Bei meinen neuen Arbeiten mit traditionellen Prints geht es um die reine Schwarzweißskala, ganz minimalistisch.

fM: Sie arbeiten oft mit Skizzen. Gilt das auch für Ihre Schwarzweißbilder?
Seliger: Ja. Die Skizzen legen nicht fest, wie ich sie umsetzen werde. Sie geben nur eine allgemeine Idee wieder. Und dann entscheide ich, ob es chinesische, mexikanische oder französische Gerichte zum Essen gibt.

fM: Haben Sie bereits während Ihrer Fotoausbildung diese Skizzen gemacht?
Seliger: Ja, ich habe immer meine Ideen hingekritzelt. Ich bin nicht sehr gut, aber es funktioniert.

Factfile: Mark Seliger

1959 geboren im texanischen Amarillo, aufgewachsen in Houston. Entdeckte schon als Kind die Dunkelkammer. Kunststudium an der Texas State University. 1984 Umzug nach New York. Assistiert u. a. bei Jan Groover und George Hurrell. Von 1992 bis 2002 leitender Fotograf der US-Illustrierten Rolling Stone, fotografiert dort über 100 Cover. Seliger erzählt in seinen Bildern gerne kleine Geschichten. Er ist heute einer der berühmtesten Portraitfotografen und arbeitet für Condé Nast-Publikationen wie Vanity Fair und GQ. Im Oktober ist Seligers neuer Bildband Listen (Rizzoli, 75 US Dollar) erschienen. Vor fünf Jahren öffnete das kreative Multitalent die Non-Profit-Fotogalerie 401 Projects in New York.

Der Lavazza-Kalender

Einige der berühmtesten Fotografen der Welt haben die Kalender des italienischen Kaffeerösters fotografiert: Nach Helmut Newton (1993), Albert Watson (1995), David LaChapelle (2002), Annie Leibovitz (2000) wurde nun der große Inszenierer Mark Seliger verpflichtet. Der Amerikaner liefert die große Oper, eine Welt der Gefühle unter dem Motto Falling in Love in Italy. Das aufwändige Set-Design stammt von den genialen Bühnenbildnern, von denen auch Kollege LaChapelle gerne seine Phantasie-Arrangements entwerfen lässt. Sechs Liebesgeschichten in italienischer Traumlandschaft.

Dieses Interview wurde im fotoMAGAZIN  1/2011 veröffentlicht.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.