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Fotografin und Filmemacherin, Lauren Greenfield
Die Fotografin und Filmemacherin: Lauren Greenfield. FOTO: © COURTESY LAUREN GREENFIELD

Lauren Greenfield

„Trump ist ein Symptom unserer Pathologie"
22.12.2019

Aktuell zeigt Fotografin und Filmemacherin Lauren Greenfield ihr Werk noch bis zum 16. Februar 2020 in einer Ausstellung im Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk, Denmark.

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Lauren Greenfield, Beverly Hills, Generation Wealth, Versace

Jackie (41) und ihre Freundinnen, Versace Store, Beverly Hills 2007 – Versace-Fan Jackie kaufte regelmäßig bei den monatlichen Lieferungen neuer Ware, die ihr das Designhaus nach Hause schickte.

© LAUREN GREENFIELD/ INSTITUTE

In ihrem Langzeitprojekt „Generation Wealth“ und einem begleitenden Dokumentarfilm betrachtet die Amerikanerin Lauren Greenfield das gesellschaftliche Streben nach Geld, Luxus und Schönheit.

fotoMAGAZIN: Bereits während Ihres Studiums haben Sie sich mit der französischen Upper Class beschäftigt. Wie kam es zu diesem frühen Interesse?
Lauren Greenfield: Warum interessierten mich eigentlich diese Dinge? Damit habe ich mich auch in meinem Film „Generation Wealth“ beschäftigt. Das interessierte mich genauso wie die Gründe, warum meine Interviewpartner süchtig nach Geld, Sex und Schönheit waren. Alles beginnt für mich damit, wie ich als Kind in Los Angeles aufwuchs, wie ich von den Werten Hollywoods geprägt wurde: Extremer Materialismus, exaltierter Celebrity-Kult, Image-Denken. Ich komme aus der Mittelschicht, meine Eltern sind beide Akademiker. Zusammen mit vielen Hollywood-Kids habe ich eine feine, private Highschool besucht. Ich bin also in einer Welt aufgewachsen, in der die Menschen Designer-Klamotten, schicke Autos und eine Menge Connections hatten. Als Teenager wollte ich dazugehören, doch meine Eltern interessierte das nicht. Sie meinten, es sei nicht richtig, derlei Prioritäten zu setzen. Ich musste also einen Weg finden, mit diesem Konflikt umzugehen. Das war der Ausgangspunkt für mein Interesse an diesem Thema. Im Alter von 14 Jahren verbrachte ich ein Jahr mit einer aristokratischen Familie in Frankreich. Diese Aristokraten hatten kein Geld. Das war neu für mich. In Los Angeles hatte ich gelernt, dass die gesellschaftliche Zugehörigkeit sich durch Geld definiert. Nun stellte sich mir die Frage, was es bedeutet, eine Elite ohne Geld zu haben. Daraus entwickelte sich mein erstes Projekt. Ich dachte darüber nach, was diese Gesellschaft zusammenhält.

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Lauren Greenfield, Kardashians, Los Angeles, Generation Wealth

Kim Kardashian (12) und ihre Schwester Kourtney (13) bei einem Schulball, Bel-Air, Los Angeles 1992 – Die Reality-TV-Sendung „Keeping Up with the Kardashians“ wurde 2007 erstmals ausgestrahlt. Laut Forbes machte die Show die Familie zu den bestbezahlten TV-Stars der Welt.

© LAUREN GREENFIELD/ INSTITUTE

fotoMAGAZIN: Ist die Gier die treibende Kraft unserer Gesellschaft?
Lauren Greenfield: Als ich „Generation Wealth“ begann, dachte ich auch, es ginge um Gier. Heute glaube ich, dass es hier um Sucht geht. Die Gier ist nur eine Ausprägung der Sucht. Die Schauspielerin Jamie Lee Curtis erklärt in meinem Projekt „Beauty Culture“, wir seien alle süchtig nach dem Schönem. Ich denke, das macht das Unersättliche der Gier mit uns. Ich würde nicht dem Einzelnen die Schuld geben, sondern betrachte eher das System des Kapitalismus und des Konsums, das eine Leere in uns erzeugt, die wir mit Dingen füllen wollen. Und eine Unzufriedenheit, die nach mehr verlangt.

fotoMAGAZIN: Auf kommerzieller Ebene scheint unser Konsumverlangen die perfekte Lösung für diese Sucht zu sein.
Lauren Greenfield: Wir Menschen haben eben unsere Schwächen und das Konsumsystem hat das perfekte Design, um sie auszubeuten. Meine Arbeit ist zwar ein kritischer Gesellschaftskommentar, doch ich identifiziere mich mit vielen der Interviewten und ihren Wünschen. Und ich benutze meine Arbeit, um sie genauer anzusehen. Meine Arbeiten sind kritisch und zugleich sympathisieren sie auch. Ich versuche, noch kritischer heranzugehen, indem ich die menschliche Natur zeige. Es wäre leicht, ein Urteil über jemanden zu fällen, aber das ist nicht so spannend. Ich schaue mir lieber an, warum die Menschen das tun, was sie tun. Insbesondere, wenn es um Dinge geht, die wir zunächst einmal verstehen möchten. Wir können sagen, dass Trump eine schreckliche Entwicklung in Amerika darstellt und seit seiner Präsidentschaft viele fürchterliche Dinge passiert sind. Dem stimme ich zu. Doch die viel wichtigere Frage ist: Wie konnte er überhaupt unser Präsident werden? Was ist die Schwäche, die Krankheit in unserer Kultur, die uns die Antwort auf diese Frage gibt?

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Lauren Greenfield, Atlanta, Generation Wealth, Stripperin

Secret Moneii (28) Stripperin in Magic City, Atlanta 2015 – Die Stripperin verdiente bereits in ihrer ersten Woche im Strip Club fast 20.000 Dollar. Davor konnte die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern in zwei Jobs kaum für deren Unterhalt sorgen.

© LAUREN GREENFIELD/ INSTITUTE

fotoMAGAZIN: Ihren Arbeiten liegt immer ein größeres Thema zu Grunde: Die Suche der Menschen nach dem Glück. In welcher Beziehung steht sie zur Gier?
Lauren Greenfield: Hier sind meine Ansichten vielleicht ein wenig vom Buddhismus geprägt. Wenn du um jeden Preis glücklich sein willst, dann wirst du es nicht. Was wir bei all diesen Menschen sehen, ist, dass jeder versucht, etwas zu bekommen, was er noch nicht besitzt. Das führt automatisch zu Unzufriedenheit und zum Unglücklichsein.

fotoMAGAZIN: Und sobald du etwas hast, dann verlangst du ohnehin nach dem nächsten Ding ...
Lauren Greenfield: Was ich von diesen Leuten gelernt habe ist, dass Glück und Zufriedenheit sich aus den einfachsten Dingen generieren: Beziehungen, Familie, Gemeinschaft, sehen und gehört zu werden. Eine sinnvolle Arbeit zu verrichten! Wir entdecken das durch meine Arbeiten und die Geschichten dieser Leute.

„Jeder dieser Menschen versucht, etwas zu bekommen, das er noch nicht besitzt.  Das führt automatisch zur Unzufriedenheit.“

fotoMAGAZIN: Was haben Sie für sich persönlich bei diesem Projekt gelernt?
Lauren Greenfield: Ich habe immer eine innere Ausgeglichenheit als nicht erstrebenswert empfunden und meinte, das sei nichts für Künstler oder seriöse Menschen (lacht). Auf diese Arbeit war ich komplett fixiert, doch sie hat mich auch auf die Konsequenzen aufmerksam gemacht. Wenn du diese erkennst, dann führt das dazu, dass du andere Präferenzen setzt. Ich habe für mich gelernt, dass ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen möchte. Niemand kann dir die abgelaufene Zeit zurückgeben. Und ich habe gelernt, den Moment mehr zu genießen und ihn intensiv zu leben. Darum geht es letztlich auch bei der Fotografie: Den Moment sehen, ihn festzuhalten.

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Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.