Shanes Tätowierungen

Shanes Tätowierungen
Zunächst fühlte sich die Fotografin von Shakes Tätowierungen angezogen. Am Ende dokumentierte sie über eineinhalb Jahre seine Beziehung zu Maggie
Foto: Sara Naomi Lewkowicz

Interview: Sara Naomi Lewkowicz

Wir trafen die Bildjournalistin in London zu einem exklusiven Gespräch
13.09.2015

Die 31-jährige Fotostudentin Sara Naomi Lewkowicz gewinnt mit einem bewegenden Langzeitprojekt über das Leben eines Ex-Häftlings und häusliche Gewalt den renommierten Sony World Photography Award 2014.

London, 1. Mai 2014.

Sara Naomi Lewkowitz, 31, hat am Vorabend für ihre Bildserie „Shane und Maggie“ die Auszeichnung als „Photographer of the Year“ bei den Sony World Photography Awards 2014 überreicht bekommen. Was als Sozialstudie über ein junges Paar begann, kulminierte als bewegende Dokumentation häuslicher Gewalt. Die Fotostudentin kann ihr Erstaunen über die Ehrung beim Interview noch immer kaum verbergen.

Erste Begegnung mit dem Paar

Erste Begegnung mit dem Paar

Ein Bild von Sara Naomi Lewkowicz erster Begegnung mit dem Paar auf einem Rummelplatz in Ohio

Foto: Sara Naomi Lewkowicz

Bei der Arbeit an „Shane und Maggie“ entwickelte sich aus dem Nichts eine brutale Gewaltszene. Wie reagierten Sie in diesem Moment?

Sara Naomi Lewkowicz: Es mag seltsam klingen, aber ich habe nichts gefühlt. Ich fing an, die Situation zu analysieren. Was sollte jetzt passieren? Ich suchte mein Handy, durchwühlte meine Taschen und rannte zum Auto. Als ich schließlich mein Handy aus Shanes Hosentasche zog (um die Polizei zu rufen), hatte ich keine Angst. Ich machte mir jedoch bewusst, dass er auch mich schlagen könnte. Er hat es nicht getan.

Versuchte er, Ihre Kamera wegzunehmen?

Lewkowicz: Nein, er war auf seine Freundin fixiert und ihm war alles andere egal. Es kümmerte ihn nicht, dass ich dabei war.

Wie lange zog sich diese Szene hin?

Lewkowicz: Nicht lange. Die Polizei kam innerhalb weniger Minuten nach dem Anruf. Seltsam, mein Zeitgefühl ist komplett verdreht, weil alles zugleich total schnell und wie in Zeitlupe passierte. Es war ein wenig so, als ob Du bei einem Autounfall auf dem Beifahrersitz sitzt. Du triffst dabei keine Entscheidung, die den Weg des Fahrzeugs beeinflusst.

Die Geschichte des Paares endete mit der Gewaltszene. Haben sich die beiden je wiedergesehen?

Lewkowicz: Die beiden haben seit jenem Streit kein Wort miteinander gesprochen. Das ist bemerkenswert. Aus den verschiedensten Gründen bleiben viele Frauen in diesen Verhältnissen trotzdem in der Beziehung.

"Seid ihr mehr verärgert darüber, dass ich etwas zeige, das euch in Rage bringt, als darüber, dass sowas passiert?"

Halfen Ihre Bilder Maggie später, sich ihrer Situation bewusst zu werden?

Lewkowicz: Es gab diesen Augenblick. Die Polizei hatte Shane bereits mitgenommen und die Beamten wollten, dass Maggie Papiere zu Ihrem Schutz unterschreibt – sie war sich nicht sicher und ich sagte ihr: Schau Dir bitte die Bilder in meiner Kamera an. Als sie dann die Fotos sah, konnte sie nicht länger so tun, als ob das alles nicht so schlimm gewesen sei.

Kindliche Ohnmacht

Kindliche Ohnmacht

Kindliche Ohnmacht angesichts der Aggression: Shane schlägt Maggie beim Streit. Sara hat mittlerweile die Polizei verständigt

Foto: Sara Naomi Lewkowicz

Waren die Kinder traumatisiert nach dieser Eskalation der Gewalt?

Lewkowicz: Nein, sie hatten schon davor einen Vorfall mit ansehen müssen. Die Kinder schienen sich noch zu halten, obwohl man nie weiß, welche Nachwirkungen derlei Szenen haben. Nachdem die Beziehung zerbrochen war, sagte der Junge zu Maggie: Shane war böse, ich habe ihn nie gemocht.

Es gibt ein Foto des Jungen in der Badewanne, auf dem dieser komplett verloren dreinblickt …

Lewkowicz: Das ist eine Aufnahme, die ich bereits nach der Trennung von Shane in Alaska gemacht habe. Je mehr ich fotografiere, desto mehr versuche ich, Bilder von Adjektiven zu machen, anstelle von Verben und Substantiven. Ich sage jetzt nicht mehr: Hier ist jemand, der etwas macht. Stattdessen möchte ich das Feeling rüberbringen, das ich in der Situation bekomme.

Sie haben Ihre Arbeitsweise mal als intuitiv bezeichnet. Ist das noch immer so, oder gewinnt die Recherche heute mehr an Bedeutung?

Lewkowicz: Das hängt komplett von der Story ab. Essays können entweder themenbezogen oder personenbezogen sein. Die besten Storys entstehen, wenn beides zusammenkommt. Jeder hat eine Geschichte zu erzählen: Fotostudenten setzen das oft sehr direkt um und merken nicht, was die echte Geschichte ist. Ich machte beispielsweise eine Geschichte über Hühnerbrater für meine Hochschule. Dabei stellte ich fest, dass der Bruder des Besitzers ein Lokal hatte, bis sein Sohn in Vietnam starb. Danach war er so zermürbt, dass er den Laden verkaufte. Es ging also um Verlust. Man sollte nach dem emotionalen Ansatz Ausschau halten.

Welche Stärken haben Sie an sich entdeckt bei Ihren bisherigen Jobs?

Lewkowicz: Ich bin ganz gut im Gespräch mit den Leuten. Seltsamerweise fühle ich mich manchmal wie eine Hochstaplerin. Dann frage ich mich, wie ich überhaupt soweit kommen konnte. Und fühle mich wie eine Zwölfjährige, die zwei Klassen übersprungen hat. Alle anderen wissen, was sie zu tun haben. Ich bin noch nicht bereit für das hier. Jetzt fokussiere ich mich darauf, meine Bilder mehr „sophisticated“ zu gestalten.

Wie geht das?

Lewkowicz: Ich möchte abstrakter über Bilder nachdenken. Sie sollen subtiler werden. Ich will an interessanten, vielschichtigen Kompositionen arbeiten. Es gibt immer diesen Kampf zwischen Inhalt und Komposition. Wenn ich den Inhalt habe, reagiere ich schnell, interpretiere die Dinge sehr schnell. Jetzt arbeite ich daran, ein Bild zu komponieren und dann auf die Aufnahme zu warten.

Umzug nach Alaska

Umzug nach Alaska

Nach dem Streit zog Maggie mit ihren Kindern nach Alaska. Dort lebt der Vater von Memphis und Kayden

Foto: Sara Naomi Lewkowicz

Wie stehen Sie zu der alten Idee der humanistisch geprägten Fotografie?

Lewkowicz: Ich bin in New York aufgewachsen und dort gibt es eine lange Tradition humanistisch gesinnter Fotografie. Diane Arbus ist in meiner Nachbarschaft aufgewachsen, in der Upper West Side. In ihrer Biographie schreibt Patricia Bosworth, wie Dianes Kindermädchen mal ihre Augen bedeckte, als die beiden durch den Central Park gingen. Dieser Gedanke, dass jemand hinsehen möchte, während ihm die Augen verdeckt werden! Wenn sich jemand über meine Fotos ärgert, muss ich fragen: Seid Ihr mehr verärgert darüber, dass Ihr etwas sehen müsst, das Euch in Rage bringt, als darüber, dass so etwas passiert? Ihr müsst Euch über diese Sache aufregen! Und reagieren.

Glauben Sie daran, dass Fotos etwas verändern können?

Lewkowicz: Das tun sie, auf eine subtile Art, die wir meist nicht sehen und definitiv auf einer niedrigen Ebene. Ich habe viele E-Mails von Frauen bekommen, die Opfer von Gewalt wurden. Eine Frau erzählte mir, als ich diese Story veröffentlichte, hatte sie gerade ihren Mann rausgeworfen. Und dachte darüber nach, ihn wieder reinzulassen. Meine Bilder hätten Sie überzeugt, den Mann nicht mehr ins Haus zu lassen.

"Manchmal fühle ich mich wie eine Hochstaplerin. Dann frage ich mich, wie ich überhaupt soweit kommen konnte"

Warum wollten Sie Fotografin werden?

Lewkowicz: Ich bin in einer visuell orientierten Familie aufgewachsen. Meine Mutter ist Künstlerin und Kunsterzieherin. Mein Vater macht Filmdokumentationen zu geschichtlichen Themen. Schreiben ist mir zunächst leichter gefallen als das Fotografieren. Aber irgendetwas hat das Bildermachen an sich. Weil ich selbst stark auf Bilder reagiere, habe ich wohl das Verlangen, ebenfalls solche Bilder zu produzieren.

Mary Ellen Mark berichtet, die Nachfrage des Zeitschriftenmarktes habe sie von der Bildreportage zum Portrait gebracht. Wie sehen Sie Ihre Position in der Magazinwelt?

Lewkowicz: Eine meiner Mentorinnen ist Zeitungsfotografin in Tampa/Florida und hat einen Pulitzer-Preis gewonnen. Sie hat mich gelehrt, dass dieser Job ein Balanceakt ist zwischen dem Futter für die Bestie und Futter für Deine Seele. Du musst erkennen, dass das noch immer ein Job ist. Du musst die schnellen Jobs annehmen und etwas daraus machen. Doch Du brauchst auch Projekte, in denen Deine Leidenschaft steckt. Die sind vielleicht seltener, aber viel bereichernder. In diesem Semester gehe ich zurück an die Hochschule. So bekomme ich noch etwas Zeit. Ich muss erst meinen Abschluss machen.

Ist es für Sie als Fotografin wichtig, bei einem Wettbewerb wie den Sony World Photography Awards mitzu- machen, um die öffentliche Aufmerksamkeit für Ihr Thema zu finden?

Lewkowicz: Es ist ein Weg, sich zu promoten. Es gibt da draußen so viele gute Fotografen, die nicht wahrgenommen werden und tausend Mal besser als ich sind. Solch ein Award hilft Dir, Dich vor die Leute zu stellen und bringt Dir Aufmerksamkeit bei den Redakteuren. Aber letztlich ist die Arbeit am wichtigsten.

Dieses Interview ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 08/2014 erschienen.

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Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.