Interview: Natur-Fotograf Theo Allofs

"Ich arbeite wie ein Jäger"
20.09.2015

Er ist monatelang unterwegs, ihn schrecken weder eisige Kälte noch brüllende Hitze oder Insektenschwärme: Theo Allofs gehört zu den weltbesten Natur-Fotografen. Im Interview verrät der Deutsche, warum er vorallem Geduld haben muss

Der Natur-Fotograf Theo Allofs

Der Natur-Fotograf Theo Allofs

Der Fotograf: Seit 25 Jahren ist Theo Allofs einer der Namen für Wildlife-Fotografie. Preisüberschüttet – alleine elf Auszeichnungen beim BBC Wildlife Photographer of the Year – werden seine Bilder in allen großen Magazinen gedruckt. In Deutschland geboren, lebt Allofs heute in Kanada/ Yukon.

theoallofs.photoshelter.com

Foto: Theo Allofs

Sie fliegen mit dem Gleitschirm, blicken wilden Tieren ins Maul, reisen durch unzugängliche Gebiete ... Gibt es eigentlich noch jemanden der Sie lebensversichert?

Theo Allofs: Ich habe keine Lebensversicherung; ich vertraue auf meinen gesunden Menschenverstand.

Wie oft im Jahr sind Sie unterwegs?

Theo Allofs: Das ist sehr unterschiedlich. Ich war öfter acht Monate unterwegs und habe einmal innerhalb eines Jahres alle Kontinente besucht. In diesem Jahr werden es nur fünf Monate sein. Ich konzentriere mich zur Zeit auf Afrika, vor allem auf Luftaufnahmen von Landschaften und Herden.

Wie muss ich mir eine Ihrer Reisen vorstellen? Arbeiten Sie alleine, mit Führern vor Ort? Schlafen Sie in der Steppe im Zelt oder fahren Sie jeden Abend ins Camp zurück?

Theo Allofs: Auch das ist sehr unterschiedlich. Meistens ist meine Frau mit dabei. Wir arbeiten bis auf wenige Ausnahmen alleine. In Afrika haben wir unser eigenes Allradfahrzeug mit Dachzelt. Wir verbringen die Nächte entweder alleine im afrikanischen Busch oder in Nationalparks auf Campgrounds. Ich glaube, wenn ich alle Nächte zusammenzähle, die ich im Zelt erbracht habe, komme ich auf über zehn Jahre. Gelegentlich operieren wir auch von Lodges aus. Ein sehr geschätzter Luxus, der uns das Wäschewaschen und Kochen erspart.

"Ich rufe immernoch manchmal Hallelujah!"

Welche Rolle spielt bei Ihren Outdoor-Einsätzen noch fotografische Technik? Oder sind Sie vielmehr Tierverhaltensforscher, Überlebenskünstler, Meteorologe …?

Der Altiplano

Der Altiplano

Der Altiplano, Anden, Bolivien: Langzeitbelichtung bei Vollmond

Foto: Theo Allofs

Theo Allofs: In meinem Beruf als Naturfotograf spielen viele Faktoren eine wichtige Rolle. Wissen über das Verhalten der Tiere ist eine Grundvoraussetzung. Je mehr man weiß, um so eher kann man Situationen voraussehen und entsprechend fotografisch verwerten. Nicht jeder kommt mit eisiger Kälte, brüllender Hitze, Dauerregen und Insektenschwärmen zurecht. Die Elemente der Natur können einem schon arg zusetzen und lähmen. Die Technik ist ebenso wichtig wie eh und je. Nicht nur was die Ausrüstung betrifft, sondern auch die technische Gestaltung eines Bildes. Heute, im digitalen Zeitalter, wo der Markt mit Fotos überflutet wird, ist es besonders wichtig, neue Blickwinkel und Ideen zu entwickeln, um noch„am Ball“ zu bleiben. Deshalb habe ich mich vor wenigen Jahren entschlossen, das Fliegen mit einem motorisierten Paraglider zu erlernen, um damit Luftaufnahmen zu machen. Dieses Fluggerät erlaubt mir, in geringer Höhe Tiere zu fotografieren, aber auch Landschaftsaufnahmen aus Höhen von 2000 Meter und darüber zu machen. Ich habe den Paraglider immer dabei.

Haben Sie ein Lieblingstier?

Theo Allofs: Es gibt mehrere Tiere, an den ich besonders hänge und ebenso großes Interesse habe. In Afrika ist es der Elefant, in Südamerika der Jaguar. Müsste ich mich für ein Lieblingstier entscheiden, dann wäre dies der Tiger. Vielleicht liegt es an meinem ersten Zoobesuch mit meinen Eltern, als ich als kleiner Junge mit großer Bewunderung meinen ersten Tiger sah. Bis heute ist für mich der Tiger das schönste Säuge- und Raubtier, das die Natur geschaffen hat. Aus diesem Grunde war ich schon oft in Indien, um Tiger in der Wildnis zu fotografieren.

Ihr liebster Fotoort?

Theo Allofs: Momentan die Namib-Wüste.

"Der Markt ist mit Bildern überflutet"

Kündigt sich der perfekte Fotomoment an? Oder bedeutet die Naturfotografie vor allem warten können?

Theo Allofs: Geduld und warten, warten, warten ... und das gewürzt mit einer Prise Glück ist das beste Rezept für einmalige und ungewöhnliche Tier- und Landschaftsaufnahmen. Nur selten ist man sofort zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Man weiß vorher nie genau, was die Natur einem bieten wird. Doch wenn man lange beobachtet und wartet kann man Situationen erahnen. So zum Beispiel, als bei meiner letzten Reise eine kleine Herde von Zebrahengsten zu dem Wasserloch kam, an dem ich schon seit Stunden gewartet hatte. Schon von weitem sah ich die Zebras in spielerischer Stimmung. Einige kämpften miteinander, es sah jedoch eher nach einem Trainingssparring aus. Ich wartete bis die Herde näher kam. Zunächst waren die Tiere scheu wegen meiner Nähe zum Wasserloch. Doch nach etwa einer Stunde vergaßen sie mich und führten ihre Balgerei unweit von mir in perfekter Fotografierdistanz fort.

Benutzen Sie in solchen Fällen eine Tarnung oder geben Sie sich den Tieren zu erkennen?

Theo Allofs: In diesem Fall saß ich in meinem Geländefahrzeug. Ich arbeite selten vom Tarnzelt aus. Wenn man ruhig ist und sich nicht viel bewegt, kann man sehr viel ohne Tarnzelt erreichen. Die Tiere gewöhnen sich an einen. Es gibt natürlich Ausnahmen, zum Beispiel besonders in der Vogelfotografie.

Ihr liebstes Objektiv?

Theo Allofs: Das Distagon 2,8/21mm von Zeiss.

Sie haben gesagt, es sei heute wichtig, neue Blickwinkel und Ideen zu entwickeln, um am Ball zu bleiben. Naturbilder sind heute auch dank Internet allgegenwärtig. Was zeichnet Ihrer Meinung nach ein perfektes Naturbild aus? Gibt es diesen Moment, der alles andere in den Schatten stellt, in dem auch Sie noch „Wow“ sagen, nach so vielen Jahren unterwegs?

Theo Allofs: Ein perfektes Naturfoto ist für mich ein Bild, das unmöglich kopiert werden kann. Zumindest nicht ohne Hilfe oder digitale Manipulation. Es handelt sich um eine einmalige Situation in der Natur, sei es in der Landschaft oder Tierwelt, ein ungewöhnliches Licht oder Wetter, oder ein ungewöhnliches Tierverhalten, und das eingerahmt in eine meisterhafte Komposition. Es kommt auch bei mir immer noch vor, dass ich „Hallelujah“ rufe, wenn ich etwas außerordentlich Spektakuläres in der Natur sehe. Dies sind die Momente, die meinen Beruf so spannend machen und – wichtiger –, die es mir ermöglichen, oft lange zu warten und Geduld zu bewahren. Leider erlebe ich solch dramatische Momente nicht auf jeder Reise.

"Ein perfektes Naturfoto kann unmöglich kopiert werden"

Bearbeiten Sie Ihre Bilder nach?

Zebras in der Namib-Wüste

Zebras in der Namib-Wüste

Zebras in der Namib-Wüste

Foto: Theo Allofs

Theo Allofs: Ich fotografiere im Raw-Format und muss daher meine Bilder in gewisser Form bearbeiten, so dass Ihr Magazin, meine Agenturen und andere Kunden die Bilder zum Druck verwenden können. Dazu benutze ich Photoshop. Ich korrigiere den Kontrast, die Belichtung und gebe Farbsättigung hinzu, wenn es nötig ist. In den meisten Fällen verlasse ich mich auf den automatischen Weissabgleich in der Kamera. Was ich aber nicht tue, ist den Inhalt des Bildes zu manipulieren. Ich nehme nichts weg, nicht einmal einen Grashalm, und füge nichts hinzu. Ich arbeite wie ein Jäger, allerdings nicht mit Gewehr sondern mit der Kamera. Der Weg zum Bild ist für mich das Ziel. Wenn ich Bilder am Computer zusammenbasteln würde, wie das heute leider sehr häufig vorkommt, dann bräuchte ich nicht mehr raus in die Natur zu gehen und würde mich nicht als Naturfotograf bezeichnen.

Wann kam der Moment, als Sie sich sagten, ich muss außer meiner fotografischen Tätigkeit mehr tun und begonnen haben, sich in der ILCP zu engagieren, bzw. diese mit zu gründen?

Theo Allofs: Schon früh in meiner Karriere als Naturfotograf habe ich mich vorwiegend mit bedrohten Tieren und Lebensräumen beschäftigt. Von daher ergab es sich wie von selbst, einer der Begründer der ILCP (Interna- tional League of Conservation Photographers) zu sein. Auch wenn wir Naturfotografen mit Unterstützung der ILCP nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sind im Vergleich zur rasend fortschreitenden Umweltzerstörung, fühle ich mich schuldig, nichts gegen diese Zerstörung zu tun.

Dieses Interview ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 09/2014 erschienen.

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Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Thorsten Hoege

Das  Herz von fotoMAGAZIN-Chefredakteur Thorsten Höge schlägt für guten Journalismus, ganz egal ob er gedruckt in einem Magazin oder online erscheint. Seine Karriere begann als erster Online-Volontär bei SPIEGEL online. Inzwischen war er Chefredakteur für Fachmagazine wie SEGELN, Brot, Warum! und heute dem fotoMAGAZIN.