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Harry Borden
Der Fotograf Harry Borden ist einer der großen britischen Portraitisten von heute. Über 100 seiner Bilder befinden sich in der ständigen Sammlung der National Portrait Gallery in London.
Foto: © Harry Borden

Harry Borden

Single-Väter
29.08.2021

In seinem Bildband „Single Dads“ portraitiert Harry Borden Beziehungsdynamik britischer Single-Väter und ihrer Kinder. Noch während der Arbeit an dem Projekt scheiterte auch die Ehe des Porträtfotografen.

Interview: Tom Seymour

Harry Borden ist heute einer der angesehensten Portraitfotografen Großbritanniens. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat er einige der bekanntesten Aufnahmen von Persönlichkeiten wie Margaret Thatcher, Hillary Clinton, David Beckham, Boris Johnson und vielen anderer Berühmtheiten gemacht. Seit einiger Zeit widmet sich Borden öfter ganz persönlichen Langzeitprojekten. „Single Dad“, Bordens jüngstes Projekt, wurde Anfang März 2021 als Bildband bei Hoxton Mini Press veröffentlicht. Acht Jahre lang arbeitete der Brite an dieser Fotoserie, die Portraits von 48 Single-Vätern aus ganz Großbritannien vereint. Zu jedem Bild bat der Fotograf die Portraitierten, aufzuschreiben, wie sie zu Single-Vätern wurden und wie sie diese Erfahrung geprägt hat.

Seit Kurzem ist auch Harry Borden ein ein Single-Dad. Sein Projekt wurde jedoch zunächst geprägt von den Erfahrungen mit seinem gefühlskalten Vater.

fotoMAGAZIN: Können Sie uns ein wenig von Ihrer Beziehung zu Ihrem Vater und der eigenen Kindheit
erzählen?
Harry Borden: „Single Dad“ ist ein Exkurs in die Kindheit und auch in meine Psyche. Mein Vater besaß keinerlei väterliche Instinkte. Meine Mutter hatte nur wenige emotionale Ressourcen und meine Geschwister und ich konkurrierten ständig zusammen mit meinem Vater um ihre Aufmerksamkeit. Sie kam aus der oberen Mittelschicht und wurde als Kind auf eine Privatschule geschickt – in ein Umfeld, dem es an Zuneigung mangelte. Mein Vater war meiner Meinung nach während unserer gesamten Kindheit depressiv. Er blieb sehr distanziert und wir mussten hart daran arbeiten, seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Wenn er wirklich mal versuchte, etwas mit uns anzufangen, dann boxte er mit meinem Bruder und mir. Er konnte schon ein furchterregender und einschüchternder Typ sein.

Mein Vater hat uns nicht wirklich gemocht.

fotoMAGAZIN: Haben Sie das schon so als Kind gesehen?
Harry Borden: Familien neigen dazu, sich ihre eigene Mythologie aufzubauen. Ich war stolz auf meinen Vater, als ich aufwuchs. Ich fand es cool, dass ich einen Vater hatte, der wie Woody Allen klang und ein klugscheißender New Yorker war. Und ich war stolz darauf, dass er solch ein Norman Mailer-artiger Macho war. Doch er interssierte sich nicht im Geringsten für Kinder. Als junger Mann war er bei den Marines; ein Jude, der falsche Angaben zu seinem Alter machte, damit er gegen Hitler kämpfen konnte. Später arbeitete er als Art Director in der Werbung in New York und dann in London – als einer dieser „Mad Men“-Typen. Viele in der Werbeszene der 1950er-Jahre kamen aus der Armee; sie waren ein wenig verrückt und hatten dunkle Geheimnisse in dieser hypermaskulinen Welt. Danach erwarb er eine Schweinefarm in Devon und versuchte, drei Kinder auf eine sehr dysfunktionale Art aufzuziehen. Ich denke, er war ziemlich angeschlagen.

fotoMAGAZIN: Wie hat sich das auf Ihre Sicht von Männlichkeit ausgewirkt?
Harry Borden: Ich dachte, so seien die Männer eben – oder so sollten sie sein. Klugscheißer. Gut im Sport. Sie betrachten das Leben als Excel-Tabelle und möchten sich stets in der Spalte mit den Gewinnern finden und nicht unter den Verlierern. Und das ist mir gut zu Gesicht gestanden, als es darum ging, in der Wettbewerbs-  hierarchie der Fotografie aufzusteigen. Dieses Buch ermöglichte mir jedoch eine direkte Konfrontation mit dem Vatersein. Es geht hier darum, sich mit Männern auseinanderzusetzen, denen ihre Kinder wichtig sind. Mein Vater hat uns nicht wirklich gemocht. In „Single Dad“ präsentiere ich eine andere Idee von Maskulinität als die, die ich von ihm gelernt habe.

fotoMAGAZIN: Haben Sie das Projekt begonnen, weil Sie wussten, dass es von Ihren eigenen Erfahrungen geprägt sein würde?
Harry Borden: Nein, doch ich erinnere mich, dass ich etwas zu Martin Usborne von Hoxton Mini Press gesagt habe, der das Buch veröffentlicht. Ich meinte: „Ich glaube nicht, dass mein Vater jemals Kinder wollte.“ Und von da an versuchte Martin immer wieder, mich dazu zu bringen, hier weiter in mich zu gehen.

fotoMAGAZIN: Heute sind Sie selbst Vater von vier Kindern. Wie würden Sie Ihre Erfahrungen beschreiben?
Harry Borden: Wenn du Kinder hast, siehst du die Welt anders. Das Leben ist dadurch definiert, dass du jemand anderen über dich stellst. Man ist in diese bedingungslose Liebe eingebunden und das kann sehr schmerzhaft sein. Du bist dazu verdammt, dir für den Rest deines Lebens Sorgen um deine Kinder zu machen.

  • Harry Bordens Bildband „Single Dad“ ist am 3. März 2021 in Großbritannien bei Hoxton Mini Press veröffentlicht worden.
Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
fotoMAGAZIN

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