Greg Gorman

Portraitfotograf der Hollywood-Stars
21.10.2010

Starfotograf Greg Gorman über künstliche Schönheitsideale, die Bedeutung des Blicks beim Portrait und die Krise der modernen Starfotografie.

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Greg Gorman bei einer Portraitsession mit dem König von Tonga

fotoMAGAZIN: In den 80er-Jahren waren Sie mit Herb Ritts und Bruce Weber prägend für eine Ästhetik, die die neoklassizistische Figur für die Fotografie wiederentdeckte. Haben Sie eine Erklärung, warum das damals passierte?
Greg Gorman: Damals war die Geburtsstunde einiger moderner Meister. Andy Warhols Interview-Magazin hat viel dazu beigetragen. Es hat auch Leute wie Herb Ritts, Matthew Rolston, Bruce Weber und Robert Mapplethorpe groß gemacht. Das war eine fruchtbare Zeit. Wir alle hatten unsere Nische und unsere Klientel gefunden. Ich machte mehr in der Filmindustrie, Herb mehr in der Mode obwohl er schließlich auch in den Prominentenbereich eingestiegen ist.
fM: Es scheint, dass sich in den Achtzigern die Fotografen noch intensiver mit dem Körper auseinandersetzten, als in den Siebzigern.
GG: Meine Körperstudien begannen Ende der Achtziger. Der Akt war für mich eine Abkehr von meinen kommerziellen Arbeiten, eine Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, weil mir bewusst wurde, dass die meisten bekannten Arbeiten ziemlich kommerzielle Portraits berühmter Persönlichkeiten waren. Ich machte damals nicht viel, das mir Vergnügen bereitete. So beschloss ich, Akte zu fotografieren und dabei das Licht zu verwenden, dass ich sonst auch einsetzte: starke Highlights und dramatische Schatten.
fM: Sie helfen heute jungen Fotografen, raten ihnen, einen eigenen Stil zu finden. Gerade das scheint am schwierigsten. Kann man hier eine Strategie einsetzen oder passieren die Dinge einfach? Wie war das bei Ihnen?
GG: Es war wohl nicht viel Strategie dahinter, eher das, was Sie eben erwähnten: Ich musste meinen Weg finden. Als ich Ende der Siebziger anfing, war mein Licht offener und direkter. Eines Tages sah ich mir meine Bilder an und dachte: mein Gott, die wirken so austauschbar. Die Leute sahen gut aus, waren aber alle großflächig ausgeleuchtet. Erst als ich anfing, das Licht von der Kamera fernzuhalten, passierte etwas. Dabei habe ich viel von einem meiner ersten Assistenten gelernt. David Jacobson brachte mich dazu, mit Spotlights und gerichtetem Seitenlicht zu arbeiten. Als ich damit anfing, wurde mir bewusst, dass nicht entscheidend war, was ich mit den Highlights betonte, sondern welche Information ich in den Schattenbereichen verbarg. Daraus entwickelte sich eine Situation, die den Betrachter stärker einbezog. Es blieb mehr Raum für die Vorstellungskraft.

 

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Portrait aus Gormans Kampagne für einen 
Brillenhersteller

Ohne das Vertrauen einer Person bekommst Du kein gutes Portrait. Das ist so, als ob die Menschen bei Dir ihre Kleidung ablegen


fM: Wie kann man eine Person portraitieren und dabei etwas Mysteriöses im Bild verstecken?
GG: Das entwickelt sich in einer Fotosession. Generell schaue ich jeder Person ins Gesicht und überlege, was ich akzentuieren möchte. Ich mag das Licht vielleicht vorab ausgerichtet haben, doch dann erlaube ich den Leuten, sich zu öffnen und alles auszuspielen. Manchmal wenden sie sich dem Licht zu, manchmal drehen sie sich weg. Natürlich sind für mich die Augen am wichtigsten. Ich mache selten Bilder, in denen Du nicht durch den Blick einer Person erkennst, wer sie ist. Hier ist mein Fokus.
fM: Sind die Augen also das Fenster der Seele?
GG: Daran glaube ich absolut. Ich verbringe viel Zeit damit, herauszufinden, wer die Person ist, sie zu entspannen und ihr Selbstvertrauen zu geben. Ohne ihr Vertrauen bekommst Du kein gutes Portrait. Das ist so, als ob die Leute ihre Kleidung ablegen. Es macht keinen Unterschied, ob sie tatsächlich bekleidet sind. Um ein Portrait glaubhaft und ehrlich erscheinen zu lassen, muss Vertrauen da sein.
fM: Geht es letztlich darum: Steht das Vertrauen beim Portrait im Mittelpunkt?
GG: Fotografen haben da ganz unterschiedliche Vorstellungen. Mir geht es stark um Vertrauen, Zutrauen und Verständnis. Annie Leibovitz, deren Arbeiten ich auch sehr bewundere, hat wieder einen anderen Ansatz. Sie hat ein Vertrauenslevel, bringt aber die Bilder auf eine andere Ebene mit einer erweiterten Interpretation. Mein Ansatz ist einer mit minimalistischen Hintergründen und dunklen Farben. Ich möchte zeigen, wer die Person ist.
fM: Ist das bei Prominenten heute nicht immer schwieriger?
GG: Ja. Und das ist einer der Gründe, warum ich heute Fotografie lehre, nebenher eigenen Wein produziere und Dinge mache, die außerhalb der Sphäre der VIPs stattfinden. Nach 40 Jahren habe ich das Gefühl, alles schon gesehen und gemacht zu haben. Heute ist das mehr wie ein Katalog-Shooting geworden.
fM: Sie sind mit vielen Stars befreundet. Haben Sie da keine andere Ausgangsposition?
GG: Sicher ist das bei meinen Freunden anders. Wenn ich mit Bette Midler oder Pierce Brosnan arbeite, gibt es diese Vertrauensebene und da steht niemand beim Shooting rum. Doch es gibt viele Aufträge für Zeitschriften, bei denen Agenten und Presseleute dabei sind. Jetzt haben die ihr eigenes Team für Haare und das Make-up. So geben die Stylisten vor, welche Art von Kleidung die Stars tragen werden. Sie diktieren, was Du mit den Bildern anfangen kannst.

 

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das der Popstar liebte

fM: Es ist also wenig Vertrauen in die Fotografen übrig geblieben.
GG: Die Macht der Prominenten hat sich in den letzten 25-30 Jahren enorm verändert. Jeder wird Ihnen das erzählen, selbst die Schauspieler. Früher nahm ich Kevin Costner mit zum dreitägigen Shooting nach Santa Barbara. Versuchen Sie das mal heute!
fM: Warum hat sich da etwas verändert?
GG: Die Leute wollen einfach nicht mehr die gleiche Zeit und Energie aufwenden wie früher.
fM: War das der Hauptgrund, warum Sie sich ein Plätzchen am Meer in Mendocino gesucht haben?
GG: Ich lebe in Los Angeles, aber mein Landsitz ist in Mendocino. Ich bekomme noch immer große Jobs und stürze mich dann nach wie vor ganz rein. Doch habe ich noch immer die Energie und Leidenschaft, das auf dem gleichen Level wie vor zwanzig Jahren zu machen? Nicht wirklich. Bin ich müde und erschöpft? Überhaupt nicht.
fM: War das ein Grund, warum Sie Ihr großartiges Studio in Los Angeles aufgegeben haben?
GG: Ich hatte eines der schönsten Studios im Land, aber jetzt bin ich viel unterwegs, stecke meine Zeit in Projekte, die mich mehr interessieren. Also brauchte ich nicht diese Overhead-Kosten. So verkaufte ich es, bevor der Immobilienmarkt zusammenbrach. Mein Studio brachte ich zurück in mein Haus. Ich mache nicht so viele riesige Produktionen. Und wenn, dann miete ich ein Studio an. Jetzt im Digitalzeitalter habe ich mein Labor bei mir. Das ist schon prima.
fM: Wie hat das digitale Zeitalter Ihre Schwarzweißfotografie verändert?
GG: Zunächst war ich sehr ängstlich. Auf gewisse Weise war ich einer der ersten Fotografen der alten Schule, die sich der Digitalfotografie geöffnet haben, aber gleichzeitig auch ein Spätentwickler. Ich kaufte meinen ersten Computer im Jahr 2000. Dann wurde mir bewusst, dass die meisten Kampagnen, die ich gemacht hatte, gescannt wurden und anschließend digital fertiggestellt. Ich merkte, dass ich diese Kunst lernen und verstehen musste. Von Anfang an mochte ich digitale Kompakte, doch zunächst hatten Digitalkameras nicht genügend Pixel, um mit einer Mittelformatkamera mithalten zu können. Erst als Canon die EOS 1 DS brachte, bekam ich das Gefühl, dass da eine Kamera ist, die mithalten kann. So brachte ich mir Photoshop bei, lernte, wie ich meine Farbaufnahmen schwarzweiß konvertieren konnte.
fM: Welchen Vorteil hat digitale Schwarzweißfotografie für Sie?
GG: Heute hat man mehr Kontrolle. Sicher gibt es beim Film einen Look, den Du digital nicht wirklich bekommst. Dennoch denke ich, dass ich in der Lage bin, die Tonwerte zu kontrollieren, die einzelnen Kanäle anzupassen. Im Grunde geht es darum, Schwarzweiß zu sehen, während Du farbig fotografierst. Gegenüber der Konvertierung meiner Farbdias früher habe ich viel mehr Einfluss auf eine Digitalaufnahme. Ich bin jedoch froh, dass ich 35 Jahre Erfahrung mit Film habe. Ich weiß, wie das, was ich habe, gut in Schwarzweiß aussieht. Heute, wo alles Autofokus ist und automatisch auslöst, kann jeder ein Fotograf sein. Sie nehmen eine Kamera, machen ein tolles Bild, aber wenn man sie bitten würde, das Bild noch einmal zu machen, hätten sie Probleme. Das ist einer der Gründe, warum ich in meinen Workshops den Leuten sage, sie sollen ihre Kamera auf manuellen Modus einstellen und einen manuellen Belichtungsmesser benutzen.


Heute, wo alles automatisch auslöst, kann jeder ein Fotograf sein, aber wenn man die Leute bitten würde, ein Foto noch einmal zu machen, hätten sie Probleme

fM: Wie definieren Sie Schönheit?
GG: Bei meiner Arbeit ist Schönheit vielleicht für viele ein äußerliches Merkmal, aber für mich ist das Äußerliche nur Teil eines doppelbödigen Prozesses. Ob eine Person in Ihren Augen oder nach Ansicht anderer physisch schön ist oder nicht Schönheit muss aus der Seele kommen, aus dem Inneren. Aus Liebe und Vertrauen. Vertrauen kann auch Schönheit ausstrahlen, weil die Person ihre Schönheit und ihren Spirit kontrolliert. Wenn eine schöne Person unsicher und sich nicht über sich selbst bewusst ist, dann kommt die Schönheit nicht so rüber wie sie sollte. Schönheit kann auch im Alter und in der Weisheit liegen. Das mag eine tiefergehende und realere Form von Schönheit sein. Wie Sie wissen, liegt die Schönheit auch im Auge des Betrachters.
fM: Ich finde, dass das gesellschaftliche Konzept der Schönheit immer künstlicher wird ...
GG: Sie haben absolut Recht. Kommen Sie mal nach Hollywood. Kürzlich war ich bei einer Beerdigung. Die anwesenden Frauen waren zwischen 35 und 70 Jahre alt und sahen alle aus, als wären sie Mitglieder desselben Stammes: Nasen, Lippen, Gesicht, Haare, Kleidung! Echte Schönheit scheint nicht mehr zu existieren. Leute ohne Facelifting und andere Operationen sind die einzigen, die Dir die Möglichkeit und das Potenzial eines Bildes echter Schönheit bieten.
fM: Die Menschen scheinen es reizvoll zu finden, nach etwas Künstlichem zu streben.
GG: Ich weiß, und es ist definitiv krank, wie die Leute mit Schönheitsoperationen umgehen. Sie können nicht mehr aufhören, bis zu dem Punkt, an dem man sie nicht mehr erkennt. Es ist traurig. Filmstudios nehmen heute in Verträge das Verbot auf, etwas an sich verändern zu lassen. Sie haben eine schwere Zeit beim Casting: Die Leute sehen nicht mehr echt aus, sie sind ausdruckslos.
fM: Wie würden Sie Ihren Ansatz als Portraitfotograf definieren?
GG: Ich versuche, nicht zu vorbereitet zum Set zu kommen und habe kein Interesse daran, mir alle Arbeiten anzusehen, die vor mir gemacht worden sind. Ich möchte nicht mit einer vorgefertigten Idee kommen. Eine Session soll sich entwickeln, ich will meine Gefühle zu einer Person aus meinen eigenen Erfahrungen mit ihr entwickeln. Bei einer Portraitsitzung lasse ich meine Assistenten vor dem Shooting den Set ausleuchten. Dann komme ich und das Finetuning beginnt. Jetzt kann sich alles total ändern.
fM: Heute bleibt viel weniger Zeit für die Fotosession als früher. Das verändert aber sicher das Erlebnis, das Sie aus einem Shooting machen!
GG: Das tut es, aber die Digitalisierung hat auch vieles einfacher gemacht. Früher schossen wir erst Polaroids und dann 20 Rollen Film. Heute ist Dein Ergebnis ein kleines Bild auf Deinem Kamerarückteil und Du denkst Dir, jetzt hab ich´s. Wenn Du es vergrößerst, merkst Du manchmal, dass es nicht so gut ist, wie Du dachtest. Positiv ist: Du fotografierst, hast Dein Bild und ich erkenne dabei, dass ich mich so weiter pushen kann. Ich würde sonst nicht so viel riskieren wie heute, wenn ich meinen Schuss bereits habe. Heute haben aber auch die Portraitierten mehr Kontrolle, weil sie die Ergebnisse sofort sehen. Das kann manchmal ein Problem sein.
fM: Wir haben über die technischen Aspekte gesprochen. Wie hat sich das Business des Fotografen sonst verändert?
GG: Das Digitale nimmt mich mehr in Anspruch. Früher gab es viele Leute, die ich viel machen ließ. Jetzt stelle ich all meine Bilder selbst her. Mit der Digitalisierung will jeder alles sofort sehen. So lade ich die Bilder in Web-Galerien oder mache digitale Kontaktabzüge. Es ist jetzt viel mehr Arbeit und das wird von der Zeit genommen, die fürs Shooting bleibt.
fM: Sie sagten mal, bei einer Portraitsession müsse der Fotograf ein wenig Psychologe sein. Haben Sie sich da eingearbeitet?
GG: Prominente fühlen sich oft wohler, wenn Sie in einem Film eine Rolle spielen, als wenn sie vor meiner Kamera sie selbst sein sollen. Ich verdiente mein Geld, wenn diese Leute zurückkamen und mich für ihre Projekte anheuerten. Sie müssen merken, dass ich sie schützen werde. Ihre Fehler, ihre Ängste und Unsicherheiten werden immer unter uns bleiben. Wir sind wie zwei Menschen des gleichen Footballteams. Ich blockiere, ich attackiere wenn es nötig ist und bin derjenige, auf den sich alle stürzen.    

Factfile Greg Gorman

Geboren 1949 in Kansas City. 1967-69 Fotojournalismus-Studium an der University of Kansas. 1972 Abschluss im Fach Filmwissenschaft in Los Angeles. Entwickelte Ende der 80er-Jahre mit skulpturalen Akten und dramatisch ausgeleuchteten Portraits einen individuellen Stil, der Generationen geprägt hat. Unser Interview wurde Anfang Juni während des Zingster Fotofestivals Horizonte aufgezeichnet.

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.