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Paparazzo George Bamby bei der Arbeit
Fotograf George Bamby
© Courtesy George Bamby

George Bamby

Der Paparazzo
15.12.2020

Der Brite George Bamby ist Großbritanniens berüchtigster Paparazzo. In unserem Exklusiv-Interview berichtet der 48-jährige Promi-Jäger, wie sich sein Metier verändert hat.

Text Tom Seymour

George Bamby ist bei Manchester aufgewachsen und wurde als Kind in Pflege genommen, nachdem er von seiner Mutter und seinem Stiefvater misshandelt worden war. Er verließ die Schule im Alter von 14 Jahren und jobbte als Hotelportier, als er dem Fußball-Star Wayne Rooney an einer Tankstelle in Manchester begegnete. Seine ersten Bilder als Paparazzo machte er an diesem Tag. Ein Passant hatte auf der Straße eine Einwegkamera verloren, die sich Bamby nun schnappte und damit den Fußball-Star von Manchester United knipste. „Rooney meinte nur, ich solle mich verpissen“, erzählt der Fotograf heute. Nachdem der Prominente verschwunden war, rief Bamby bei der Boulevardzeitung „The Sun“ an, die ihm 500 Pfund für seine Bilder anbot. „Ich dachte, verdammt, das ist gut“, sagt er. „Dann kaufte ich von dem Geld eine Kamera, blieb einige Wochen vor Waynes Haus und verdiente dabei ungefähr 3000 Pfund. So startete George Bambys Karriere als Promi-Jäger.

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George Bamby und seine Ausrüstung

George Bamby bezeichnet sich selbst als bester Paparazzo des Vereinigten Königreichs und ist stolz darauf, dass ihm der TV-Sender Chanel 4 eine eigene Sendereihe gewidmet hat.

© Courtesy George Bamby

fotoMAGAZIN: Heute sind Sie als einer der Besten Ihrer Branche bekannt ...
George Bamby: Ich bin die Nummer eins! Ich bin der erfolgreichste Paparazzo in der Geschichte des Landes, der einzige, der 250 Titelbilder bekommen hat. Meine Aufnahmen waren auf dem Cover jeder Zeitung im Land und auf allen Promi-Magazinen! Ich hatte eine eigene TV-Show.

fotoMAGAZIN: Welche besondere Begabung hat Sie zur Nummer eins gemacht?
George Bamby: Die meisten Paparazzi fotografieren beschissen. Jeder kann sich eine Kamera besorgen und auf den Auslöser drücken. Es kommt auf die Bilder an und es geht darum, wie sie diese erhalten. Was mich von allen anderen unterscheidet, ist, dass ich über den Tellerrand hinausschaue. In London stehen vielleicht 30 Paparazzi vor dem Restaurant „The Ivy“. Ich arbeite alleine. Ich finde die Menschen und fotografiere sie an Orten und in Situationen, die sonst niemand findet.

Ich bin irgendwann an dem Punkt angelangt, an dem ich das Geld nicht brauchte und mir alles wie ein großes Spiel vorkam. 

fotoMAGAZIN: Sie haben damit viel Geld verdient. Was treibt Sie an?
George Bamby: Ich bin irgendwann an dem Punkt angelangt, an dem ich das Geld nicht brauchte und mir alles wie ein großes Spiel vorkam. Wenn jeder andere Journalist nach einer Person sucht, möchte ich immer derjenige sein, der sie findet. So habe ich meinen Ruf gefestigt. Das ist wie Angeln. Und ich möchte jedes Mal den größten Fisch an Land ziehen.

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Aidan Turner am Set der BBC-Serie „Poldark" fotografiert von George Bamby

Aidan Turner am Set der BBC-Serie „Poldark“. Bambys Bilder in der Zeitung The Daily Mail belegten, dass Turner die Dreharbeiten mit seinen ständigen Vaping-Pausen verzögerte.

© George Bamby/Courtesy of the Artist

fotoMAGAZIN: Wie hat sich die Boulevard-Presse im Laufe Ihrer Karriere verändert?
George Bamby: Vor zwanzig Jahren konnte man sich noch problemlos in einem Garten verstecken. Wir konnten über Zäune schauen und jemanden im Bikini fotografieren. Und wir konnten Leuten in ihren Autos folgen, bzw. diese jagen. Heute gibt es so viele Vorschriften. Du darfst niemand verfolgen, du darfst nicht in deren Garten. Doch wenn ich mal zufällig vor Victoria Beckhams Haus stehe und unschuldig auf mein Handy schaue und Victoria sich mir nicht zeigt, was soll ich dann machen? Wenn ich dann losfahre und hinter ihrem Auto stehe, ist das reiner Zufall. Eigentlich folge ich ihr nicht.

fotoMAGAZIN: Denken Sie, dass heute der Persönlichkeitsschutz die Meinungsfreiheit gefährdet?
George Bamby: Definitiv! Wenn all diese Prominenten ein Buch oder einen Film veröffentlichen, möchten sie, dass ich sie fotografiere. Sie wollen Werbung. Wenn dann der Film herausgekommen ist und du weiter fotografierst, werden sie plötzlich sauer. Sie können den Schalter nicht einfach umdrehen, wann es ihnen passt. Ich mag diese Datenschutzgesetze nicht. Heute müssen wir offenlegen, wo wir standen, als wir eine Aufnahme gemacht haben, welches Objektiv wir verwendet haben, ob wir den VIPs gefolgt sind. Wir müssen melden, wer mit uns dort war, und ob man uns gebeten hatte zu gehen, bevor wir die Bilder machten. Natürlich lügen wir nur noch, weil uns das nicht wirklich stört. Wer kann schon das Gegenteil beweisen? Den Boulevardblättern ist das egal, solange sie nicht belangt werden.

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Helena Bonham Carter fotografiert von George Bamby

Helena Bonham Carter während ihres Urlaubs am Polzeah Beach in Cornwall. Bambys Bilder der Schauspielerin kurz nach ihrem Surf-Unterricht wurden in der Boulevard-Zeitung The Mirror veröffentlicht.

© George Bamby/Courtesy of the Artist

fotoMAGAZIN: Was halten Sie von den Personen, die Sie fotografieren?
George Bamby: In England gibt es Leute, die lächerlich viel verdienen –  Millionen Pfund im Jahr. Und alles, worüber sich diese Leute Sorgen machen, ist, ob sie jemand fotografiert hat. Die können mich mal! Das sind egoistische Trottel, die in dieser Branche wegen ihres Narzissmus gelandet sind. Für mich besteht ein Teil meiner Arbeit darin, ihnen ihre Privatsphäre zu stehlen. So einfach ist das.

fotoMAGAZIN: Was würden Sie einem Paparazzo raten, der jetzt neu anfängt?
George Bamby: Du musst lügen, betrügen, stehlen, manipulieren – mach alles, um in eine Position zu gelangen, in der du die Bilder aufnehmen kannst. Ich war der Einzige, der in Großbritannien mit einer Kamera in das geheime Britney Spears-Konzert gekommen ist. Ich habe ein paar Bilder geknipst und weltweit verkauft, noch bevor Britney von der Bühne ging.

Du musst lügen, betrügen, stehlen, manipulieren – mach alles, um in eine Position zu gelangen, in der du die Bilder aufnehmen kannst.

fotoMAGAZIN: Glauben Sie, dass eine Karriere wie Ihre heute noch möglich wäre?
George Bamby: Nein, denn diese Branche ist tot. In fünf Jahren wird es keine Zeitungen mehr geben. Vor Jahren hast du ein Bild von David Cameron gemacht und dafür vielleicht 7000 Pfund bekommen. Nun bietet Ihnen „The Sun“ vielleicht 1000 Pfund. Die Jungs versuchen heute so verzweifelt, Geld zu verdienen, dass ihnen keine andere Wahl bleibt, als die Grenzen des Erlaubten zu überschreiten, um Bilder zu erhalten. Wenn Sie die Miete nicht bezahlen können, werden Sie jede Grenze überschreiten.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
fotoMAGAZIN

1949 erschien die erste Ausgabe der ersten Fotozeitschrift im deutschsprachigen Raum. Seither begleiten wir die Fotogeschichte. Unsere Kamera- und Objektivtests unter Labor- und Praxisbedingungen helfen Einsteigern und Profis seit jeher bei der Kaufentscheidung. Mancher Fotograf wurde von uns entdeckt. Und seit Steven J. Sasson 1975 für Kodak die erste Digitalkamera entwickelte, haben wir die digitale Fotografie auf dem Schirm. Unsere Fotoexpertise ist Ihr Vorteil.

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