Richard Sporleder

Richard Sporleder
Foto: Manfred Zollner

Fotobuch-Talks: Interview mit Richard Sporleder

„Ich sehe die Vorphase einer Marktbereinigung“
08.06.2015

Wir sprachen mit dem Kölner Fotobuchhändler Richard Sporleder (Café Lehmitz Photobooks) über die Gesetze des Fotobuchmarktes und die essenziellen Dinge, die ein Sammler unbedingt beachten sollte.

fotoMAGAZIN: Wie hat sich der Fotobuchmarkt in den letzten Jahren verändert?

Richard Sporleder: Es erscheinen inzwischen viel mehr neue Titel, was damit zusammen hängt, dass sich neben den etablierten Verlagen immer mehr kleine Verlage auf dem Markt tummeln und auch die Fotografen mit selbst verlegten Titeln auftreten, die sie zum Teil auch selbst vermarkten. Dadurch tauchen neben der ehemals so selbstverständlichen Form - Hardcover oder Paperback - auch andere Buchformen auf: Leporellos, Spiralbindungen, offene Bindung, Kalender, zu einzelnen Seiten locker geheftete Magazine verstärkt auf.

fotoMAGAZIN: Welche Tendenzen erkennen Sie momentan?

Sporleder: Es werden mit Sicherheit auch zukünftig mehr von Kleinstverlagen und den Fotografen selbst verlegte Fotobücher auf den Markt kommen. Die technischen Möglichkeiten sowie die neuen Vermarktungskanäle (Soziale Netzwerke) und -wege (Fotobuchmessen und Events mit Fotobuchbereichen) begünstigen diese Tendenz. Ich habe die – wenn auch: geringe – Hoffnung, dass sich die etablierten Verlage den kreativen Möglichkeiten, die der Buchmarkt bietet, öffnen und ein bisschen mehr Risiko gehen. Es gibt ausreichend Beispiele dafür, dass auch unbekannte Fotografen Bücher hervorbringen können, deren Produktion sich rechnet und die trotzdem Spaß machen.

Künftig werden mehr selbst verlegte Fotobücher auf den Markt kommen

fotoMAGAZIN: Welchen Ratschlag haben Sie für junge Fotografen mit einem guten Fotobuchprojekt?

Sporleder: Für mich ist es dann ein gutes Fotobuchprojekt, wenn Form und Inhalt übereinstimmen. Das bedeutet immer öfter nach eigenen Gestaltungsideen neben dem Alltäglichen zu suchen. Die für die Verwirklichung dieser Idee wahrscheinlich höheren Produktionskosten mögen den vorsichtigen, knapp kalkulierenden Verlag vielleicht abschrecken. Daher haltet Euch an mutige Verleger oder gründet selbst eine eigene Gruppe, ein Kollektiv, wo Ihr Euch gegenseitig  mit Kontakten, Ideen, konstruktiver Kritik unterstützt und die Präsentation Eures Buchprojekts übt. Tragt diese Idee dann in die sozialen Netzwerke, nutzt die entsprechenden Plattformen, um Euer Projekt selbst vorzustellen!

fotoMAGAZIN: Woher kommen momentan die für Sie spannendsten Fotobücher?

Sporleder: Es ist schwer, eine geografische Richtung festzulegen. Manches Mal ist es die finanzielle Not, die erfinderisch macht, wie zum Beispiel bei Titeln aus Spanien. Ein anderes Mal sind es immer wieder kreative Lösungen aus den Niederlanden, von den Designern Sybren Kuiper und Hans Gremmen, um nur zwei Namen zu nennen. Spannende Fotobücher bringen auch immer wieder die Verleger Hannes Wanderer (peperoni Books, Berlin) und Michael Mack (Mack Books, UK) auf dem Markt.

fotoMAGAZIN: Werden derzeit zu viele Bildbände produziert?

Sporleder: Es wurden schon immer und werden auch aktuell zu viele Bildbände produziert. Da sind zum Einen die traditionellen, etablierten Verlage, für die eine höhere Auflage eines Buchtitels die Kosten für jedes einzelne Exemplar senkt. Die überzähligen Exemplare eines Titels werden, die Lagerkosten einsparend, an das 'moderne Antiquariat' weiter gegeben. Das rechnet sich im Rahmen der Mischkalkulation immer noch, da der Ramsch, wie auch der Vertrieb über Amazon, im Neupreis bereits einkalkuliert ist. 
Zum Anderen gibt es noch jene Titel, die vom Künstler selbst zu viel produziert werden, weil auch hier wieder der Herstellungspreis je Exemplar sinkt und dadurch mehr Geld beim Fotobuchproduzenten bleibt. Dabei denkt der selbst verlegende Fotograf nicht an den ihm verbleibenden Gewinn, sondern an einen möglichst geringen Verlust, denn er ist sehr oft eigentlich schon mit dem nächsten (Buch?)Projekt beschäftigt und versteht sich selbst nicht als Händler.

fotoMAGAZIN: Was halten Sie von den Druckkostenzuschuss-Modellen bei einigen Verlagen?

Sporleder: Aus Sicht der/des Fotografen sollten sich Kosten und Nutzen unbedingt die Waage halten. Für meinen Geschmack sollte der Verleger in der Lage sein, ein berechenbares Risiko selbst zu tragen und dieses Risiko nicht an den Fotografen weiter zu reichen. Der Fotograf bleibt (neben dem zu oft vergessenen Buchdesigner) immer noch der kreative Part in der Buchproduktion. Hier ist eine größere Transparenz der Verlage notwendig, z.B. muss der Fotograf jederzeit eine genaue Kenntnis davon haben, wie viele Exemplare seines Buches noch regulär zu erwerben sind. Ansonsten muss er seine eigene Arbeit später teuer einkaufen, wenn das Buch unter Käufern und Sammlern ein 'Hit' werden sollte. 
Wenn also mit dem Druckkostenzuschuss ein echtes Mitspracherecht bei der Produktion und Vermarktung einhergeht, Fotograf und Verleger also gleichwertige Partner sind, ist die Zuschusslösung für beide Seiten ein gangbarer Weg. Man darf dabei auch nicht außer Acht lassen, dass auch heute noch die Publikation in einem etablierten Kunstverlag ein Türöffner in den Kunstmarkt sein kann!

Für meinen Geschmack sollte der Verleger in der Lage sein, ein berechenbares Risiko selbst zu tragen und dieses Risiko nicht an den Fotografen weiterzureichen

fotoMAGAZIN: Haben Selfpublishing-Modelle heute eine Chance?

Sporleder: Das steht für mich außer Frage. Heute bedarf es für ein selbst verlegtes Fotobuch keines riesigen finanziellen Budgets mehr und neben der Kulturförderung der Länder gibt für etwas größere Investitionen gibt es zudem die Möglichkeit des Crowdfunding, wo sich Sammler und Förderer an der Verwirklichung mit der Spende für sie verkraftbarer Beträge beteiligen können. Am Ende ist es aber die Kraft des Projektes und der Einsatz des Fotografen, die darüber entscheiden, ob ein Fotobuch entsteht.

fotoMAGAZIN: Was macht den Charme/die Stärke eines guten Fotobuchs aus?

Sporleder: Wie bereits beschrieben, ist es der Objektcharakter eines Buches, will heißen: die Stimmigkeit zwischen Inhalt und Gestaltung, die mich interessiert. Immer wieder stelle ich fest, dass Einband, Editing und Papierwahl den positiven Eindruck eines interessanten Projekts steigern können, hin zu einem wirklich starken Fotobuch. Auf der anderen Seite darf das Design nicht dem Selbstzweck dienen, dann wirkt das Buch schon bald wie eine leere Hülle. Vielen Fotobuch-Sammlern jedoch ist der wertvolle Platz im Regal dafür zu Recht zu kostbar.

fotoMAGAZIN: Worauf sollte ein neu beginnender Sammler achten?

Sporleder: Auf zwei Dinge: a) Gestaltung und b) Auflagenhöhe (=Preis/Leistung-Relation):
a) Interessant gestaltete Fotobücher sind immer sammelwürdiger als konventionell hergestellte, vielleicht zum größten Teil industriell gefertigte Bücher. Das besondere Augenmerk auf das Design erhöht meistens den Herstellungspreis und ist daher für etablierte Verlage, die Gewinn einfahren müssen, oft uninteressant. Hier werden Fotobücher interessant, die von Kleinverlegern oder den Fotografen selbst verlegt worden sind. Bei beiden überwiegt oft ein künstlerisches Interesse - und das ist die Schnittmenge zum kulturell interessierten Sammler.

b) Vor allem wenn der Sammler die Gewinnmaximierung im Sinn hat, lohnen sich in hoher Auflage erschienene Fotobuchtitel kaum, da es im Zeitalter des Internet lange dauern kann, bis die Nachfrage das Angebot übersteigt und das Buch an merkantilem Wert gewinnt. Daher ist das Verhältnis zwischen aktuellem Marktpreis und Auflagenhöhe wichtig: je geringer die Auflage, desto interessanter ist die wirtschaftliche Perspektive, wenn der Preis zudem gering ist. Das Buch sollte zudem früh erworben werden.
Natürlich ist es am Schönsten wenn sich beide Gründe, Fotobücher zu sammeln, ergänzen. Ich habe beobachten können, dass sich wirkliche Sammler ganz genau an Ort und Zeitpunkt des Erwerbs ihres Lieblingsbuchs erinnern können.

Sporleder und das fotoMAGAZIN

Sporleder und das fotoMAGAZIN

Beim Stand-Bestücken auf dem Fotobookfestival erwischt: Sporleder packt das fotoMAGAZIN aus.

Foto: Manfred Zollner

fotoMAGAZIN: Platzt die momentane Fotobuch-Blase und der künstliche Hype demnächst?

Sporleder: Ich sehe keine Fotobuch-Blase oder künstlichen Hype, sondern eher eine Vorphase der Marktbereinigung, aus der die wirklich interessanten Titel gestärkt hervor gehen werden und an Preis und Ansehen zunehmen werden. An anderen Werken wird der Konsument/Fotobuch-Sammler sein Interesse verlieren und sie auf den Markt werfen mit den üblichen Mechanismen: der Preis dafür wird sinken, aber auch phasenweise wieder steigen. Das wird die Zeit zeigen, weil auch das Fotobuch Moden unterworfen ist.

Das gilt im Übrigen auch für Verleger, Urheber und Designer, sowie die mehr oder weniger gut beratenden Händler.

Der Buchmarkt hat sich von jeher angepasst

fotoMAGAZIN: Hat der Fotobuchmarkt in seiner heutigen Form eine Zukunft?

Sporleder: Der Buchmarkt hat sich von jeher angepasst, so wird es aus meiner Sicht auch dem allgemeinen Fotobuchmarkt gehen. Bei besonderen Büchern sollte sich der gut beratene Händler eher zum Kurator oder Galeristen wandeln.

Hintergrundinformationen zu diesem Fotobuch-Thema finden Sie in der Reportage "Der BücherBoom" von Manfred Zollner, die in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 06/2015 erschienen ist.

Mehr Interview-Bonusmaterial zum Thema Bildbände und Fotobuch auf unserer Übersichtsseite "Dialoge über die Zukunft des Bildbandes".

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.