Gerhard Steidl

Gerhard Steidl
Foto: Koto Bolofo

Fotobuch-Talks: Interview mit Gerhard Steidl

"Wir haben mehr Käufer unserer Fotobücher in Hongkong, als in ganz Deutschland"
04.06.2015

Vom 4. bis 7. Juni 2015 findet in Kassel das 7. Internationale Fotobookfestival statt. Zum Start veröffentlichen wir ein Interview, das wir mit dem Göttinger Fotobuch-Verleger Gerhard Steidl geführt haben. 

fotoMAGAZIN: Herr Steidl, was war das erste Fotobuchprojekt, das Sie in Ihrem Verlag veröffentlicht haben?

Gerhard Steidl: Die ersten Fotobücher, die bei Steidl Ende der 1980er-Jahre erschienen, waren die Bücher von Dirk Reinartz. Er ist leider viel zu früh verstorben, seine Arbeit liebe ich bis heute, und ich verlege immer noch seine Bücher.

fotoMAGAZIN: Was hat Sie damals bewogen, sich in diesem Segment des Buchmarktes zu engagieren?

Steidl:  Damals habe ich mich nicht bewusst für eine bestimmtes Segment entschieden. Ich habe ja meinen Verlag mit Kunstbüchern begonnen (das erste Buch „Befragung zur Documenta“ erschien 1972). Erst später sind Sachbücher und literarische Titel hinzugekommen. Die Mischung ist mir wichtig, weil sie meine Interessen spiegelt. Visuelle Bücher haben immer zum Steidl Verlag gehört. Bevor ich diesen Bereich auch international ausgebaut habe, sind allerdings ein paar Jahre ins Land gegangen. Ich wollte mein drucktechnisches Knowhow erst so weiterentwickeln, wie es meinen hohen Qualitätsanforderungen entspricht und wie es, meiner Ansicht nach, nötig ist, um den Künstlern gerecht zu werden. Das war dann 1995 der Fall.

Ich bin sehr daran interessiert, Künstler zu verlegen, die ein ganzes Werk geschaffen haben

Early Color

Early Color

Steidl-Bücher wie Saul Leiters "Early Color" sind bei Sammlern sehr begehrt

Foto: Steidl Verlag

fotoMAGAZIN: Welche Mindestauflage streben Sie bei Fotobuchprojekten an?

Steidl: Wir drucken unsere Fotobücher in einer Mindestauflage von 1500 bis 3000 Stück und vertreiben sie weltweit. Da ich ja in der glücklichen Lage bin, eine Druckerei zu besitzen, kann ich jederzeit nachdrucken.

fotoMAGAZIN: Wie hat sich der Fotobuchmarkt seit Ihren Anfängen in der Branche verändert?

Steidl: Als ich anfing, war das Interesse an Fotobüchern lange nicht so groß wie heute, und es gab nur wenige Verlage, die sich auf Fotobücher spezialisiert hatten. Inzwischen gibt es einen sehr stabilen weltweiten Sammlermarkt. Es erscheinen viele wunderbare Bücher, leider aber auch viele belanglose. 

fotoMAGAZIN: Nach welchen Kriterien wählen Sie heute Fotobuchprojekte aus?

Steidl: Zum einen bin ich sehr daran interessiert, Künstler zu verlegen, die ein ganzes Werk geschaffen haben. Ich finde es hochspannend, verfolgen zu können, wie sich jemand im Laufe seine Lebens weiterentwickelt hat, welche Wege er geht und gegangen ist. Im Grunde entscheide ich ganz altmodisch subjektiv. Das Projekt muss mir gefallen. Kommerzielle Aspekte interessieren mich weniger.

fotoMAGAZIN: Welches Finanzierungsmodell verwenden Sie: Müssen sich Fotografen bei Ihnen mit einer Produktionskostenbeteiligung einbringen?

Steidl: Nein, auch da sind wir ganz altmodisch. Der Verlag trägt das Risiko. Wenn eine Stiftung oder Organisation unterstützt, ist das natürlich auch wunderbar, aber der Künstler selbst muss sich an den Produktionskosten nicht beteiligen.

Der Verlag trägt das Risiko, da sind wir ganz altmodisch. Der Künstler muss sich nicht an den Produktionskosten beteiligen

fotoMAGAZIN: Sind derzeit zu viele Fotobücher auf dem Markt – und wenn ja: warum?

Steidl: Das finde ich schon. Aber die Überproduktion betrifft den gesamten Buchmarkt, nicht nur die Fotografie. Vielleicht meint man, die fehlenden Umsätze mit dem einzelnen Buch durch schiere Masse auszugleichen zu können. Die Zunahme von Fotobüchern hat aber wohl auch mit veränderten Gewohnheiten zu tun. Die Gesellschaft heute ist viel visueller ausgerichtet als noch vor einigen Jahren. 

fotoMAGAZIN: Was halten Sie von den derzeitig beliebten Selfpublishing-Tendenzen unter Fotografen?

Steidl: Wenn jemand Geschmack und Knowhow hat, um seine Bücher selbst zu verlegen, mag es ok sein. Aber ein sorgfältiges Lektorat (das gilt für Text und Bilder), vom Verlag beigesteuert, hat noch keinem Buch geschadet. 

Bruce Davidsons Subway

Bruce Davidsons Subway

Bruce Davidsons "Subway" zählt eben so zu einem der begehrteren Steidle-Büchern bei Sammlern

Foto: Steidl Verlag

fotoMAGAZIN: Ist der heutige Fotobuchboom ein vorübergehendes Phänomen des Büchermarktes, sehen Sie womöglich ein baldiges Ende der momentanen Bücherflut?

Steidl: Der Markt ist doch irgendwann gesättigt. Diese Überproduktion kann auf die Dauer nicht gut gehen. Viele Titel finden dann keine Käufer und landen auf dem Ramsch, das ist weder für den Verlag noch für den Künstler erfreulich. Bücher wollen begehrt werden, ich bin daher sehr dafür, genau zu überlegen, was man veröffentlicht.

fotoMAGAZIN: Wie groß ist Ihrer Meinung nach der Markt der Fotobuch-Sammler in Deutschland?

Steidl: Relativ klein. Wir haben mehr Kunden in Hongkong als in ganz Deutschland.

Hintergrundinformationen zu diesem Fotobuch-Thema finden Sie in der Reportage "Der BücherBoom" von Manfred Zollner, die in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 06/2015 erschienen ist.

Mehr Interview-Bonusmaterial zum Thema Bildbände und Fotobuch auf unserer Übersichtsseite "Dialoge über die Zukunft des Bildbandes".

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.