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© Eva Mühlbacher

Florian Kaps

"Das Digitale ist nicht in dieser Welt"
10.10.2016

Als Gründer des Impossible Projects kennt er sich mit der Rettung analoger Bildformate bestens aus – deswegen lässt er sich auch dieses Mal nicht davon abhalten. Seine neueste Mission: die Rettung des Trennbildfilms! Auf der photokina 2016 stand uns Florian Kaps Rede und Antwort

 

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Florian Kaps im großen fM-Interview

Florian "Doc" Kaps: Er rettete nicht nur das Polaroid-Format vor dem Verschwinden, auch gründete er 2014 Supersense. Der Laden in Wien vereint analoge Manufaktur, Büro und Concept Store in einem, getrieben von dem Wille analoge Technologien zu bewahren und ihr Fortleben in der digitalen Welt zu sichern

© Peter Kubelka

Als Florian Kaps Mitte September verkünden ließ den Trennbildfilm retten zu wollen, war dies ein Grund zur Freude für analoge Sofortbildfans weltweit. Denn es ist nur wenige Monate her, da hat Fujifilm das Produktionsende für den FP-100C erklärt: Dies bedeutete zugleich das Aus für den letzten Packfilm, der dieser Tage überhaupt noch hergestellt wurde. Umgehend reiste Kaps nach Japan, um mit Fujifilm in Verhandlungen zu treten – doch vergebens. Die Maschinen blieben, sofern diese nicht schon längst demontiert wurden, in Japan. Doch Florian Kaps aka "Doc" blieb hartnäckig. Er suchte nach anderen Möglichkeiten, denn dieses schöne Bildmedium einfach sterben zu lassen war nicht akzeptabel für den Wiener – und er wurde fündig. Nicht etwa in Japan, sondern in Ashland/Massachusetts.

Wir haben uns mit dem Supersense-Inhaber auf der photokina zusammengesetzt, um mehr über seine aktuellen Projekte zu erfahren und philosophische Ansätze für das Fotografieren mit dem Sofortbild zu finden.

Kooperation mit der New55 Film Manufaktur

Vorbei sind die Zeiten internationaler Verbindlichkeiten und Fixkosten in Millionenhöhe, denn jetzt wird kooperiert: "Da gibt´s verrückte Leute in Ashland, die innerhalb von nur sechs Jahren diese Handmanufaktur mit ihrer eigenen Kohle aus dem Boden gestampft haben und ein unglaublich interessantes Produkt machen." Und genau mit diesen passionierten Menschen arbeitet Kaps nun zusammen. "Man investiert gemeinsam und profitiert gemeinsamt", so Kaps.

Seine Expertise sei vor allem das Netzwerk an Leuten, die das Analoge wiederentdecken, denn der Kontakt zur Branche brach auch nach dem Ausstieg bei Impossible nie ab. So könne innerhalb der neu entstandenen Kooperation jeder das machen, was er am besten kann. "Ohne, dass man gleich über große Investitionen spricht oder mehrere Wochen damit verbringt, Verträge auszuarbeiten." Das Thema Crowdfunding spiele hierbei eine große Rolle, denn am Ende müsse der Verbraucher entscheiden, ob der Trennbildfilm weiterhin relevant ist oder nicht: "Das Erste, das wir jetzt anpacken möchten, ist eine Kickstarter-Kampagne", so Kaps.

fotoMAGAZIN: Ihr bastelt jetzt also an einem neuen Film oder wie geht das jetzt alles los?
Florian Kaps: Als aller erstes wollen wir herausfinden, ob es wirklich so überraschend einfach ist, einen neuen Trennbildfilm zu machen. Das wirklich Spannende: Die Geschichte ist genau das Gegenteil vom dem, wie es bei Impossible war: 2008 hatten wir die Maschinen, aber keinerlei Materialien, die wir reinfüllen konnten. Damals  versuchte ich zum ersten Mal, Fujifilm zur Mitarbeit zu bewegen aber das ist nicht gut gelaufen. Wir standen vor einer riesigen Challenge. Dieses Mal ist es genau das Gegenteil: Wir haben mehrere Optionen in Bezug auf das Material, mit dem wir sofort die Produktion starten könnten.

 

Das ist der erste Schritt des Kickstarter-Projektes. Wir arbeiten gerade daran herauszufinden, wie wir es schaffen dieses Trennbild-Filmmaterial herzustellen. Und wollen gleichzeitig mit Hilfe einer Machbarkeitsstudie herausfinden, wie wir damit umgehen können, dass die Maschinen von Fuji weg sind. Dies war zunächst ein Schock, ist zugleich aber auch eine riesige Chance, um jetzt mit modernen Technologien an die Sache heranzugehen.

fM: Helfen Ihnen da noch Ihre alten Kontakte?
Kaps: Ich habe mein Netzwerk glücklicherweise nie abgebaut. Das Ganze ist natürlich eine komplette Nische. Als wir 2008 begonnen haben, haben wir das für Leute in unserem Alter gemacht. Menschen, die romantische Gefühle hatten und dachten, dass es doch schön wäre, das Sofortbild am Leben zu halten. Das hat sich total gedreht. Man muss sich ja nur anschauen, was bei den Ständen los ist und wer dort hinkommt: Das sind die jungen Leute, die digital aufgewachsen sind.

fM:  Und die haben jetzt keine romantischen Gefühle mehr?
Kaps: Nein, diese Gefühle kannst du ja nur haben, wenn du etwas Romantisches erlebt hast mit dem Zeug. Die sehen das Sofortbild zum ersten Mal und haben von Edwin Land noch nie etwas gehört.

fM: Mir erscheint ist es heute noch immer eine romantische Idee, wenn man analog unterwegs ist. Das ist eine Art digitales Foto-Aussteigertum.
Kaps: Eine Revolution! Aber Revolution und Romantik sind ja nicht dasselbe.

fM: Es ist wie Urban Gardening-Revolution und Romantik in einem. Was Sie machen, ist Urban Gardening mit dem Sofortbild!
Kaps: Aber Urban Gardening ist ja auch kein Trend von Hipstern. Eigentlich ist es ein ganz logischer Schritt, dass die Leute sich nicht länger verarschen lassen wollen. Zuerst hieß es, dass das Digitale das Analoge auslöschen wird, sobald das Digitale so gut ist wie das Analoge. Was dann passiert ist – als das Digitale schon lange so gut war wie das Analoge – ist Folgendes: Die Leute sind darauf gekommen, dass ihnen etwas fehlt, dass die Bilder aus der Realität verschwinden, dass das Digitale immer nur zweidimensional ist. Man kann es hinter einer Glasscheibe anschauen, man kann es sich bei einem Video anhören, aber man kann es nie anfassen. Das Haptische fehlt ihnen und das ist das riesige Problem.

Das Digitale ist nicht in dieser Welt.

Die Fotoalben verschwinden, es werden immer weniger Bilder gedruckt, man kann das Digitale nicht anfassen, man kann es nicht übergeben. Das ist dasselbe wie bei der Musik: Die Leute lieben es, sich wieder Platten anzuschaffen.

Ich glaube nicht, dass die Industrie es schaffen wird, den Leuten wieder Grund zu geben, Bilder zu drucken. Die Leute werden ja auch faul im Digitalen, sie möchten nicht drucken. Bei dem Sofortbild ist es plötzlich nicht mehr das Bild, das sie sofort sehen, sondern ein Bild, das sie auch direkt in der Hand halten. Und das ist ein riesengroßer Unterschied.

fM: Es kommt noch dazu, dass das Internet den Fehler zelebriert. Die Perfektion geht hier verloren. Man findet sich schnell mit dem Zweitbesten ab. Insofern kann es durchaus sein, dass man in der Fotografie sagt: die Bilder sind mir zu glatt, ich möchte Ecken und Kanten im Bild.
Kaps: Und auch die Umweltfaktoren. Wenn ich ein Polaroid mache und es draußen heiß ist, dann hat es zum Beispiel eine andere Tönung. Wo die digitale Fotografie früher als größte Bedrohung für das Analoge galt, ist sie heute vielmehr die größte Chance. Genauso wie es viele neue Bereiche abdeckt und viele Vorteile hat digital zu fotografieren, reißt es auch eine Lücke auf.

Die Menschen sind nun mal analog, sie haben fünf Sinne und nicht zwei und lieben es, diese wieder einzusetzen beziehungsweise zu entdecken. 

fM: Können Sie das auch in Zahlen belegen, was Sie hier beschreiben? Zeigt sich die Wiederentdeckung analoger Fotografie bei den Umsätzen?
Kaps: Fuji ist ein super Symbol dafür, dass ich Recht habe. Oder auch Leica: Dass die sich überhaupt mit dem Thema Sofortbild beschäftigen, der Wahnsinn …

fM: Aber der große Unterschied liegt letztlich nur in der Haptik?
Kaps: In der Haptik, im Geruch, der Begeisterung … Ich habe da ein Buch drüber geschrieben, das bald erscheinen wird: „Die Magie des Polaroids“. Es erscheint am 03. November 2016 und beschäftigt sich mit der Geschichte des Sofortbildes an sich, sowie meiner eigenen Geschichte und Sichtweise dieses Themas.

fM: Was macht die Magie des Polaroids für Sie aus? Ist das nicht schon wieder ein romantischer Gedanke?
Kaps: Wenn man die Wiederentdeckung der eigenen Sinne als romantisch bezeichnet, dann ja. Aber das ist ja ganz normal: Das ist einfach das, was wir sind, das ist multisensorisch, das ist die Welt, in der wir leben. Je mehr sensorische Reize du gibst und je besser sich die Leute fühlen, wenn sie etwas machen, desto erfolgreicher wird das Produkt sein. Das ist ja nichts Neues. Autohersteller sprühen Lederspray ins Auto und es fühlt sich gut an.

Das Schöne an der analogen Fotografie ist ja, dass du die Menschen nicht nur für ein Produkt begeisterst, sondern ihnen außerdem die Chance gibst, Fußspuren auf dieser Welt zu hinterlassen.

fM: Hoffentlich bleiben diese Spuren dann auch erhalten ...
Kaps: Die Chancen bei etwas Analogem sind immer höher. Das haltbarste Speichermedium, das bis jetzt erfunden wurde, sind die Höhlenzeichnungen von anno dazumal.

fM: Ist die Sofortbild-Fotografie nicht wie eine Art Yoga: Man muss sich richtig strecken und verbiegen, damit ein ordentliches Bild rauskommt?
Kaps: Ja, klar. Man muss sich den Arsch aufreißen, aber das ist ja das Schöne daran … (lacht).

fM: Sind Sie noch immer ein bisschen Impossible?
Kaps: Das ist mein Baby! Wir haben es gestartet, großgezogen und dann sind immer mehr Leute dazugekommen … und irgendwann wird’s halt so groß, dass es auf eigenen Beinen steht. Das ist einfach ein fortlaufender Prozess.

fM: Haben Sie schon mal über eine Analog-Messe nachgedacht, die das alles zusammenbringt? Es sind ja unglaublich viele analoge Anbieter hier …
Kaps: Es wird auch viel Schindluder getrieben bei dieser Wiederentdeckung des Analogen. Gerade in Berlin gibt es so viele, die einen Vollbart haben, sich tätowieren lassen und jeder hat dann gleich einen Foodtruck, macht Urban Gardening und trägt eine analoge Kamera um den Hals, weil es cool aussieht …

Was ich suche, das sind diese Wahnsinnigen, die oft vier, fünf, sechs, sieben Jahre lang etwas mit aller Leidenschaft und Risiko machen. Das ist dann keine Modeerscheinung, da gibt es ein anderes Level. Und es braucht diese Tiefe! Es gibt in Österreich beispielsweise einen Hersteller, den sie sechs Jahre lang ausgelacht haben, weil er noch immer Plattenspieler produziert. Jetzt ist er Weltmarktführer: Das sind die spannenden Leute! Mit ihnen müssen wir zusammenarbeiten. Darum ärgert mich so etwas wie mit Leica irgendwie auch, die als zusätzliches Ding mal eben eine Sofortbildkamera aus dem Ärmel schütteln. Dann geben sie wahrscheinlich ein paar Millionen für das Branding aus, alle sind begeistert und sie spielen mit, nur um mitspielen zu können. Mit Leidenschaft hat das nur leider nichts zu tun.

fM: Gleichzeitig muss das doch eine Art Bestätigung für Sie sein?
Kaps: Absolut. Auch was die Lomographen machen. Doch die haben eben auch eine extrem entscheidende Rolle bei der Wiederentdeckung des Analogen gespielt. Wenn all diese Wahnsinnigen nicht dafür gesorgt hätten, dann wäre heute schon viel mehr der alten Technik verschwunden …

fM: Wenn Sie sich alle mal zusammensetzen würden, würden Sie noch viel weiter kommen, meinen Sie nicht?
Kaps: Das habe ich auch schon gedacht! Das Erste, was ich dem Matthias Fiegl von der Lomographischen Gesellschaft gesagt habe, ist: „Wir machen mal eine weltweite Competition: Die Lomo LC-A – die für mich auch eine der geilsten Kameras ist – gegen die Polaroid SX-70. Dann veranstalten wir ein "Race of Legends".

Also hier auch noch einmal meine Einladung: Ich bin bereit, die Lomo LC-A gegen die beste und schönste Sofortbildkamera aller Zeiten antreten zu lassen!

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.