Erwin Olaf

Der große Geschichtenerzähler
05.07.2021

Der Niederländer Erwin Olaf ist einer der großen Storyteller unter den Fotokünstlern der Gegenwart. Seine bis ins kleinste Detail inszenierten Großtableaus beschäftigen sich mit den großen Themen des Lebens.

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Erwin Olaf

Der Fotokünstler Erwin Olaf.

© Erwin Olaf

Gender, Sexualität, Ethnizität und Migration und Tod und Vergänglichkeit. In seinen makellosen Farb- und Designkonzepten und einer aus der Werbung vertrauten Bildästhetik bringt Erwin Olaf uns oft durchaus tabubesetzte Themen nahe und legt dabei seine Emotionen und quälendsten Gedanken schonungslos offen. Erwin Olafs von den alten Meistern der Malerei inspirierte Arbeiten sind ein ständiges Plädoyer für gesellschaftliche Toleranz.

Mit seiner großen Retrospektive in der Münchner Kunsthalle ist ihm nun auch in Deutschland der Durchbruch in die Riege der Megastars der Fotokunst gelungen.

Die Ausstellung „Erwin Olaf: Unheimlich schön“, ist noch bis zum 26. September 2021 in der Kunsthalle München zu sehen.
Infos unter: www.kunsthalle-muc.de

Wir haben bereits im Sommer 2011 den Fotokünstler in Mailand getroffen und mit ihm über Selbstporträts und Bilder von Seelenzuständen gesprochen.

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Erwin Olaf

Palm Springs, American dream, Selfportrait with Alex, 2018.

© Erwin Olaf/Courtesy Galerie Ron Mandos Amsterdam

fotoMAGAZIN: Herr Olaf, was sollte ein gutes Selbstporträt für Sie beinhalten?
Erwin Olaf: Zuerst einmal Ehrlichkeit. Und keine Eitelkeit! Man sollte etwas von seiner Seele geben. Etwas, das Dich beschäftigt oder zeigt, wie Du bist und was Du bist! Eine Nacktheit, ohne nackt zu sein.

fotoMAGAZIN: Hatten Ihre Selbstporträts einen Einfluss auf Ihre Arbeit als Porträtist?
Erwin Olaf: Im Gegenteil. Manchmal benötige ich die Technik, die ich im Umgang mit Modellen gelernt habe, um etwas in meinen Selbstporträts rüberzubringen. Ich lerne mehr aus meinen Porträts von anderen.

fotoMAGAZIN: Aus technischer oder psychologischer Perspektive?
Erwin Olaf: Beides. Wenn man Menschen fotografiert, schaut die Kamera manchmal in die Seele. Sie sieht Unsicherheit, Zweifel und auch den Narzissmus. Sie sieht Komplimente, die man gibt. Manchmal ist ein Selbstporträt die Folge von etwas, das ich Jahre davor fotografiert habe. Und wenn ich Glück habe, ist es der Beginn von etwas Neuem.

fotoMAGAZIN: Sie setzen in Ihren Bildern eine atmosphärische Grundstimmung durch Farben, Licht und die Architektur des Raums. Was passiert dabei?
Erwin Olaf: Wenn man sich für ein Individuum interessiert, dann erzählt uns ein Mensch sehr viel über seine Haltung, die Augen und Formen. Nach zwanzig Jahren fange ich an, auch etwas über Kleidung und die  Einrichtung zu erzählen. Wo bewegt man sich, wie ist das Licht? Wie sitzt jemand auf einem Stuhl? Das ist alles bis auf den letzten Zentimeter geplant. Das finde ich allerdings etwas schlecht an meiner Arbeit: Vieles ist mir noch zu steif. Ich denke da in ästhetischen Dimensionen. Wie groß ist der Abstand, wie sitzt man, wie ist die Position der Füße? Wie denkt jemand nach?

fotoMAGAZIN: Welche Bedeutung haben Selbstporträts in Ihrer Arbeit?
Erwin Olaf: 1985 habe ich mein erstes gemacht. Ich versuche alle zehn Jahre ein Selbstportrait zu machen. Als ich dreißig Jahre alt wurde, mit Vierzig und zu meinem fünfzigsten Geburtstag machte ich Bilder.

Ich habe eine unheilbare Krankheit. Selbstportraits waren für mich eine richtige Therapie.

fotoMAGAZIN: Hatten Sie gleich an eine Veröffentlichung gedacht, als Sie die Serie begannen?
Erwin Olaf: Wenn man Models fotografiert, die immer verwundbar vor der Kamera sind, dann sollte man ab und zu die gleiche Verletzlichkeit empfinden. Deshalb fing ich das an.

fotoMAGAZIN: Inszenierten Sie sich dabei auf eine bestimmte Art?
Erwin Olaf: Mein letztes Selbstporträt bestand aus drei Teilen:

  • „Ich wünschte“ mit mir als junger, muskulöser Mensch.
  • „Ich bin“, völlig ohne jede Retusche und:
  • „Ich werde sein“: Weil ich ein Lungenemphysem habe, habe ich mich hier mit Schläuchen in der Nase fotografiert.  

fotoMAGAZIN: Es gibt viele Fotografen, die sich nicht gerne fotografieren lassen. Wie geht es Ihnen dabei?  
Erwin Olaf: Das kann auch eine Art Therapie sein. „Ich wünschte. Ich bin. Ich werde sein“ war für mich eine richtige Therapie, denn ich habe eine unheilbare Krankheit.
Sie wird immer schlimmer und vor zwei Jahren dachte ich: Ich muss jetzt etwas dazu machen. Mein Porträt hat dann wesentlich dazu beigetragen, dass ich gelernt habe, die Krankheit zu akzeptieren.  

fotoMAGAZIN: Trügt der Eindruck, dass Sie generell immer öfter Bilder von Seelenzuständen machen?
Erwin Olaf: Stimmt. Bei eigenen Arbeiten denke ich, ein Künstler sollte etwas erzählen über seinen Seelenzustand. Sonst hat es keinen Zweck, etwas zu machen. Wir warten nicht auf Kitsch und hohle Bilder. Hier sollte man etwas von sich geben, das einen beschäftigt. Mich interessiert immer das Individuum.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.