Der Kampf gegen Ebola

Der Kampf gegen Ebola
Foto: John Moore/Getty Images

Ebola: Interview mit Bildjournalist John Moore

„In den USA wurde ich stigmatisiert“
18.06.2015

Am 23. April 2015 hat der amerikanische Bildjournalist John Moore bei den Sony World Photography Awards 2015 den mit 25.000 Dollar dotierten Hauptpreis gewonnen. 

John Moore

John Moore

Der Fotograf: Der Amerikaner John Moore ist mehrfach mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet worden und war 2005 Teil jenes Fotografenteams von Associated Press, das mit dem Pulitzer-Preis für seine Bilder des Arabischen Frühlings ausgezeichnet wurde. Im gleichen Jahr wechselte Moore zur Getty Images Agentur, für die er zunächst in Pakistan stationiert war. Seit fünf Jahren lebt der Absolvent der University of Austin (Texas) wieder in den USA.

Foto: John Moore

Wir trafen den Fotografen in London zu einem Gespräch über seine preisgekrönte Ebola-Reportage, die Arbeit an Krisenherden und Momente, die er nie vergessen wird.

fotoMAGAZIN: Wie viel Risikomanagement können Sie bei einer Geschichte über Ebola überhaupt vorab betreiben?

John Moore: Das war natürlich eine Ausnahmesituation. Als ich hörte, dass die Médecins Sans Frontières (MSF) die Situation in Liberia als katastrophal einstufte, wurde ich aufmerksam. Ich suchte sofort online nach Kontaminierungs-Schutzanzügen. Dann habe ich mich mit Journalisten unterhalten, die über die Epidemie seit Monaten berichtet hatten. Durch die Internetsuche konnte ich Kontakt zu diesen Leuten aufnehmen. Manche reagierten und halfen mir dabei, zu verstehen, was das für ein Arbeitsumfeld ist. So gehst Du mit niedrigerem Risiko rein.

fotoMAGAZIN: Sie müssen Ihre eigenen Sicherheitsvorkehrungen treffen: Den „Dresscode“ bestimmen Sie selbst, oder?

Moore: Als ich nach Liberia reiste, nahm ich etwa zehnmal mehr Schutzkleidung als nötig mit. Ich trug diese Anzüge nur an speziellen Orten, etwa den Zentren zur Behandlung von Ebola oder unterwegs mit dem Team, das in die Häuser ging, um die Toten einzusammeln. Wenn ich draußen fotografierte, trug ich die Anzüge nicht. Du versuchst, nichts anzufassen. Ebola erscheint angsteinflößend, aber es ist keine mysteriöse Krankheit. Bei Ebola muss Körperflüssigkeit bei der Übertragung in die Augen oder den Mund gelangen. Das passiert nicht so leicht. Wenn Du Vorkehrungen triffst, bleibst Du einigermaßen sicher. Das einzige was bei uns Fotografen etwas berührt, sind die Schuhsohlen.

fotoMAGAZIN: Gibt es überhaupt Versicherungen für eine Reise wie diese?

Moore: Getty Images schließt für mich als Redaktionsfotograf Extra-Versicherungen ab, wenn ich in eine Krisenregion reise. Hier konnten wir jedoch nicht hundertprozentig eine medizinische Evakuierung garantieren, weil die Lage sehr unsicher war, als ich anreiste. Ich war einer der Ersten, die ins Land gingen. Das wusste ich, als ich loszog. Ich nahm Malaria-Tabletten, da Malaria dort sehr verbreitet ist. Hätte ich Malaria-Fieber bekommen, hätte jeder sofort vermutet, dass ich Ebola habe. Dann hätte man mich isoliert mit den Ebola-Patienten. Ich musste also sehr darauf achten, dass ich nicht anderweitig erkranke.

Bilder der Epidemie

Bilder der Epidemie

Bilder der Epidemie: Der US-Amerikaner John Moore dokumentierte in Liberia 2014 den Kampf gegen Ebola

Foto: John Moore/Getty Images

fotoMAGAZIN: Ich erinnere mich, dass ein Fotojournalist, der von einer Ebola-Reportage zurückkam, von der amerikanischen Syracuse Universität ausgeladen wurde. Er sollte einen Vortrag halten, doch man hatte Sorgen, dass er sich infiziert haben könnte.

Moore: Das war ein Freund von mir, Michel du Cille von der Washington Post. Er war sehr verärgert über diese Sache, denn das hätte den Studenten die Möglichkeit gegeben, diese irrationale Hysterie zu überwinden. Ich denke, die meisten medizinischen Helfer und Journalisten, die von dort zurückkamen, wurden stigmatisiert.

fotoMAGAZIN: Auch Sie?

Moore: Absolut! Die Leute waren zwar nett, aber ... Ich respektierte natürlich auch die Ängste der Menschen, schüttelte niemandem die Hand und umarmte keinen. Als ich von meiner zweiten Reise zurückkam, ging ich in diese 21-tägige Quarantäne. Der Staat Connecticut hatte mich gebeten, das zu tun. Ich fühlte mich zwar nicht unwohl in meiner Situation, langweilte mich aber fürchterlich.

Ich möchte schwierige Orte besuchen und Dinge tun, die Andere für unmöglich halten

fotoMAGAZIN: Wussten Sie vorab, wohin Sie bei der Ebola-Story wollten, oder ließen Sie sich vor Ort treiben?

Moore: Ich versuche, vorab zu planen, soweit das möglich ist. Am wichtigsten ist es mir, festzulegen, mit wem ich zusammenarbeite. Ich organisiere mir fast immer vorab einen „Fixer“ (der bei der Planung hilft) und einen Fahrer. Dabei arbeite ich mit Leuten, die mir andere Journalisten empfohlen haben. In Liberia hatte ich nur eine Person: Er war mein Fahrer, Übersetzer und er half mir beim Organisieren. Vergangene Woche war ich im Irak. Dort musste ich einen Fahrer unabhängig vom Fixer haben, der wiederum auch übersetzte. Ich übernachtete im Haus der Agence France Press. Hier gibt es ein Zimmer, dass an externe Journalisten vermietet wird. Das Gebäude ist in einer abgesperrten Straße mit France Presse, BBC, Reuters, AP und der New York Times. Von diesem Sicherheitsnetz konnte ich Gebrauch machen. Als ich rausging, hatte ich keine Security dabei.

Liberia 2014

Liberia 2014

Mit seiner Ebola-Reportage gewann Moore die Iris d ́Or, den mit 25.000 US-Dollar dotierten Hauptpreis der Sony World Photography Awards 2015

Foto: John Moore/Getty Images

fotoMAGAZIN: Die Situation hat sich für Fotojournalisten dramatisch verändert. Heute sind Sie in Kriegsgebieten immer eine potenzielle Geisel. Wie gehen Sie damit um?

Moore: In einer Situation wie im Irak gibt es klar definierte Fronten. Da sind Gegenden, die die irakische Regierung kontrolliert. Der Islamische Staat (IS) kontrolliert eine andere Gegend. In diesem Krieg kannst Du die Fronten nie überqueren. Normalerweise reise ich im Konvoi, dabei überquerst Du nicht zufällig die Grenzlinie. Zumindest theoretisch. Meine Schritte waren gründlich vorbereitet, mit einer Gruppe anderer Journalisten. Manchmal zog jeder allein los, meist jedoch die ganze Gruppe gemeinsam. Wir trafen viele Sicherheitsvorkehrungen. Ich muss sagen, dass ich selbst nach 25 Jahren im Business noch immer mehr Bilder verpasse, als ich mache. Oft sehe ich etwas in der Entfernung, das ein tolles Bild geben würde. Und ich habe keine Chance, dort sicher hinzukommen. Das muss ich akzeptieren um zu überleben.

Respektvoll

Respektvoll

"Seine Fotos sind intim und respektvoll, sie ergreifen uns mit ihrem Mut und ihrer journalistischen Integrität." - Jury des Sony World Photography Awards

Foto: John Moore/Getty Images

fotoMAGAZIN: Beobachten Sie heute mehr junge Journalisten, die bereit sind, das Risiko einzugehen?

Moore: Ja, ich sehe diese jungen Leute ohne angemessene Vorbereitung. Heute gibt es Organisationen wie Risk in New York, die Freelancern mehrmals im Jahr gratis eine Ausbildung für Krisengebiete geben. Das ist sehr wichtig. Genauso wichtig ist es, mit einem Auftrag anzureisen. Journalisten, die ohne Connection zu Nachrichtenagenturen in Krisenregionen kommen, gehen ein unglaubliches Risiko ein. Wir kommen doch alle nicht ohne Rückfahrkarte! Wir alle haben mal jung angefangen: Es ist lediglich wichtig, ein Portfolio aufzubauen. Mein Ratschlag: Du musst das nicht in Krisenregionen machen. Stelle es Dir zuerst zusammen und werde gut genug, respektiert genug, dass Dich eine Nachrichtenagentur dort hinschickt. Dann wirst Du zumindest die Garantie bekommen, dass sie Deine Arbeit annimmt. Und falls Du in Schwierigkeiten steckst, gibt es eine Organisation, die Dir helfen wird.

Suspect

Suspect

„Es ist ein schmaler Grat zwischen ausbeuterischen Bildern und jenen, die die gleiche Situation mit Herz, Leidenschaft und Verständnis zeigen." - Jury des Sony World Photography Award

Foto: John Moore/Getty Images

fotoMAGAZIN: Man hört heute Geschichten von Helfern, die gegen Geld die Seiten wechseln und Journalisten plötzlich ausliefern, für deren Schutz sie sorgen sollten. Die Lage wird für Journalisten sehr gefährlich.

Moore: Das stimmt. Jede Krisenregion ist da jedoch anders. Zum Beispiel ist es in der Ost-Ukraine üblich, dass Journalisten von der pro-russischen zur ukrainischen Seite wechseln. Im Irak wäre das Selbstmord. Die IS sieht ganz klar den Propagandawert in Journalisten: Die haben klar zum Ausdruck gebracht, dass sie mehr Journalisten kidnappen möchten, um mit ihnen mehr Hinrichtungsfilme zu produzieren. Für mich ist das Risiko viel zu groß, jetzt nach Syrien zu gehen. Wenn ich jedoch nach Bagdad reise, kann ich die gleiche Geschichte mit viel geringerem Risiko machen. Zugegeben: Die Bilder aus Syrien waren in den letzten beiden Jahren sehr intensiv. Dafür ist es im Irak viel sicherer.

fotoMAGAZIN: Wie sind Sie an Ihre Ebola-Geschichte herangegangen: Wie lässt sich eine solch tödliche Krankheit visualisieren?

Moore: Noch viel wirkungsvoller, als die Opfer zu zeigen, ist es zu versuchen, Zugang zu Familienangehörigen zu bekommen. Zu den Menschen, die übriggeblieben sind. Ich konnte mit den Familien sprechen, bevor ich meine Aufnahmen machte. Sie kannten mich und wussten, was ich mache, denn ich hatte mich ihnen vorgestellt und erklärt, wie wichtig es ist, ihre Geschichte zu zeigen. Fast alle waren einverstanden, dass ich Fotos von ihnen machte. Wenn Du die Menschen respektvoll behandelst und ihnen erklärst, warum dieser Tag so wichtig ist, werden sie Dir meist die Türen öffnen. So konnte ich in diesen Familien ganz intime und schwierige Situationen fotografieren.

Eindrücke aus Liberia 2014

Eindrücke aus Liberia 2014
Foto: John Moore/Getty Images

fotoMAGAZIN: Haben Sie an solchen Orten oft das Gefühl, dass Sie besser informiert sind als die direkt betroffenen Menschen?

Moore: Ich war besser informiert. Die Aufklärungskampagne der UN und der liberianischen Regierung versuchte dort schlicht zu erklären: Ebola gibt es wirklich! Ein hoher Prozentsatz der Menschen glaubte, dass Ebola keine Krankheit ist. Sie dachten, dahinter stecke ein großer Schwindel der Regierung, der die internationale Staatengemeinschaft ins Land bringen sollte. Ein gigantischer Betrug, der Hilfsgelder brachte. Ich sah also zu, wie die Helfer versuchten, die Menschen zu überzeugen. Schließlich haben die Leute ihr Verhalten geändert.

fotoMAGAZIN: Was ist Ihr Hauptinteresse als Fotojournalist?

Moore: Mich interessieren immer die schwierigen Geschichten. Ich möchte Orte besuchen und Dinge tun, die andere für unmöglich halten. Manchmal bedeutet das, dass man in eine Ebola-Zone reist, manchmal, dass man in ein Kriegsgebiet kommt. Diese Projekte sind schwierig und deshalb zieht es mich hin, nicht weil es dort gefährlich ist. Manche meiner Storys handeln von ökonomischen Dingen wie der Immobilienkrise in den USA, als die Menschen ihre Häuser verloren. Da musste ich einen Weg finden, vor Ort zu sein, als man ihnen bei Zwangsvollstreckungen das Eigenheim nahm. Das war nicht gefährlich, aber auch schwierig.

Ebola 2014 Liberia

Ebola 2014 Liberia
Foto: John Moore/Getty Images

fotoMAGAZIN: Sie sind vor kurzem Vater geworden: Verändert das Ihre Einstellung zur Arbeit in Krisenregionen?

Moore: Es macht mich sensibler, wenn ich Kinder sehe, die leiden. Diese Situationen nehmen mich emotional sehr mit und ich kann sie sehr schwer fotografieren. Zum Beispiel das Newtown-Massaker (der Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School im Dezember 2012). Ich musste dort die Beerdigungen fotografieren und das hat mich fast zerlegt. Fürchterlich! (Schluckt)
Verändert das meine Arbeit? Nicht wirklich. Statistiken zeigen, dass Journalisten – selbst jene, die in Krisenregionen arbeiten – am häufigsten bei Verkehrsunfällen verletzt werden. In Ländern wie Indien oder Pakistan ist es wahrscheinlicher, dass Dich ein Auto überfährt oder Dein Fahrer zu wild rumkurvt. Meine stärkste Waffe gegen Unfälle ist deshalb nicht die kugelsichere Weste, nicht der Schutzhelm und nicht der Anti-Kontaminierungsanzug – es ist der Sicherheitsgurt!

fotoMAGAZIN: Wie häufig verfolgen Sie Fotos später, lange nach der Aufnahme?

Moore: Es gibt tatsächlich einige Aufnahmen, die mir noch immer Tränen in die Augen treiben. Ich habe vor ein paar Jahren eine Frau auf dem Friedhof von Arlington (bei Washington) fotografiert, als sie auf dem Grab ihres verstorbenen Verlobten lag. Sie lag dort und sprach in sanften Tönen mit dem Grabstein. Dieser Moment berührt mich noch immer. Mich nehmen nicht nur Action-Bilder mit. Manchmal sind es diese ruhigen Augenblicke. Die berühren auch andere mehr, als Situationen, die unter hohem persönlichen Risiko aufgenommen wurden.

Ebola in Liberia 2014

Ebola in Liberia 2014
Foto: John Moore/Getty Images

fotoMAGAZIN: Gibt es ein Bild, das Sie nicht gemacht haben und Ihnen deshalb nun nicht mehr aus dem Kopf gehen will?

Moore: Ich war 1995 in Ruanda und wollte dort Berggorillas fotografieren. Auf einem Hügel entdeckte ich welche, aber mein Guide weigerte sich, mit mir hochzuklettern. Also wanderte ich allein nach oben. Von weitem erkannte ich die Familie eines riesigen Silberrückens, die mich beobachtete. Es wurde nebelig, wie im Hollywood-Film. Als ich endlich ganz oben angelangt war und mich aufrichtete, hatte der Silberrücken seine Familie weggeschickt und der 250kg- Koloss stand 30 Meter von mir entfernt. Er starrte mich an. Man hatte mir beigebracht, ihm nicht in die Augen zu sehen und ein grunzendes Geräusch der Unterwerfung zu machen. Ich beugte mich also zu Boden, blickte auf die Erde. Jetzt kamen zwei behaarte Füße direkt vor mir in mein Sichtfeld. Ich grunzte. Dann hörte ich ein klopfendes Geräusch. Irgendwann wagte ich einen kurzen Blick nach oben. Der Gorilla hatte sich aufgerichtet, hämmerte wild seine Fäuste an die Brust und hatte das Maul bedrohlich weit aufgerissen. Ich grunzte weiter, starrte auf den Boden und ganz langsam entfernten sich die Füße wieder. Jetzt stolperte ich den Hügel runter, zurück zu meinem Guide, der mich angrinste. Und mir wurde bewusst: Ich hatte kein einziges Foto gemacht.

Dieses Interview ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 07/2015 erschienen. 

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.