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„Die Ebenen von Somerset im Morgengrauen" fotografiert 1998 von McCullin
„Die Ebenen von Somerset im Morgengrauen, 1998“ Somerset ist eine Grafschaft im Südwesten Englands.
© Don McCullin/ Courtesy of the Artist and Hauser & Wirth

Don McCullin

Der Himmel über Somerset
29.05.2020

Erstmals stellte Don McCullin Anfang dieses Jahres jene Landschaftsfotos aus, die ihm bei der Verarbeitung eines Traumas als Kriegsfotograf geholfen haben. Wir trafen den 84-Jährigen zu einem Gespräch über Wolkenbilder und sein Lebenswerk.

Interview Tom Seymour

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Don McCullin, heute 84 Jahre alt

Der legendäre britische Kriegs- und Krisenfotograf Don McCullin wurde 2017 von Queen Elizabeth in den britischen Adelsstand erhoben.

© Jeff Spicer/ Getty Images

Sir Don McCullin  hat letzte Nacht schlecht geschlafen. „Das geht mir oft so“, erzählt der 84-jährige Kriegsreporter, während wir in den Räumen von Hauser & Wirth Somerset in Bruton stehen, einer Stadt im Südwesten Englands. McCullins Haus liegt nur fünf Minuten Autofahrt von hier entfernt. Er lebt seit Mitte der 80er-Jahre in Somerset. Jedes Bild seiner neuen Ausstellung hat der berühmte Fotograf selbst in einer ehemaligen Scheune seines Anwesens geprintet.
 
fotoMAGAZIN: Warum haben Sie sich entschieden, diese Arbeiten jetzt auszustellen?
Don McCullin: Ich glaube, ich habe diese Ausstellung bekommen, weil meine Galerie Angst hatte, ich würde bald sterben. Ich hatte das Gefühl, ich würde Somerset etwas schulden, seit ich vor etwa 80 Jahren als Kind hierher gekommen bin. Damals war ich fünf Jahre alt. Ich wurde während des Krieges evakuiert, verbrachte ein paar Jahre hier und ging dann zurück nach London und anschließend weiter, weil meine Mutter mich loswerden wollte. Somerset habe ich nie vergessen.

fotoMAGAZIN: Was hat Sie erneut in diese Gegend verschlagen?
Don McCullin: Ich bin vor etwa 36 Jahren zurückgekommen. Damals ging es mir nicht gut, ich war sehr depressiv. Ein Mann namens Andrew Neill hatte mir gerade bei der Sunday Times gekündigt. Auf einem Hügel außerhalb des Nachbardorfes fand ich ein Haus. Als ich dort ankam, schaute ich mich um und dachte, hier könnte ich zur Ruhe kommen.

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Landschaftsfotografie von Don McCullin

„Batcombe Vale“, 1992-1993
Erst spät in seiner Karriere hat der 1935 in London geborene Brite zur Landschaftsfotografie gefunden

© Don McCullin/ Courtesy of the Artist and Hauser & Wirth

fotoMAGAZIN: Wann haben Sie angefangen, die Landschaft von Somerset zu fotografieren?
Don McCullin: Rund um mich herum war nichts als Himmel. Mein Haus blickt Richtung Westen, von dort kommen unsere Wetterfronten her. Wenn ich in den Himmel schaute, hatte ich die Gemälde von John Constable vor meinem geistigen Auge. Ich erinnerte mich an Himmelsmotive, die er auf vier Leinwände gemalt hatte. Eines Morgens fragte ich mich bei diesem Blick auf den Himmel, ob es wohl möglich wäre, mal ein Landschaftsfoto zu machen. Und so begann meine Karriere als Landschaftsfotograf.

Ich habe gelernt, das Land zu lieben. Es hat mir Trost gespendet.

fotoMAGAZIN: Was hat Ihnen dieses Thema gegeben?
Don McCullin: Ich habe gelernt, das Land zu lieben. Es hat mir Trost gespendet, das festzuhalten, was von dieser wunderschönen Landschaft in Somerset übriggeblieben ist. Somerset hat diesen dunklen, metallisch leuchtenden Himmel, der dieser Grafschaft die Stimmung von etwas Betagtem und Abgelegenen gibt – als ob hier die Vergangenheit gegen die Zukunft kämpft. Die Ruhe und Stille und manchmal auch meine Einsamkeit regten meine Fantasie an. Es fühlt sich so an, als ob ich mit mir kämpfe, um meine Vergangenheit loslassen zu können.

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Motiv eines Flusses, das McCullin in den 90er Jahren fotografierte

„Der Fluss Alham, der durch mein Dorf in Somerset fließt“
McCullin hat das Motiv Mitte der 1990er-Jahre fotografiert.

© Don McCullin/ Courtesy of the Artist and Hauser & Wirth

fotoMAGAZIN: Warum fotografieren Sie mit 84 Jahren noch immer?
Don McCullin: Das mache ich aus freiem Willen. Niemand hat mich darum gebeten und keiner bezahlt mich dafür. Ich habe 1990 angefangen, in dieser Landschaft zu arbeiten, und nach all den Jahren habe ich jetzt meine Auswahl zusammengestellt. Ich habe jedes meiner Bilder selbst geprintet – dies nur nebenbei bemerkt, damit Sie sehen, wie ernst ich die Sache nehme.

fotoMAGAZIN: Glauben Sie, dass Sie jemals aufhören werden zu fotografieren?
Don McCullin: Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich lasse eben nichts liegen, wenn ich es interessant finde. Somerset bringt mich dazu, dass ich diese Motive fotografiere. Als ich vor zwei Wochen mit dem Zug aus London kam, stieg ich spontan auf die Eingangspforte eines Bauernhofes und machte ein Foto, weil ich diesen großartigen Himmel vor mir hatte. Es blieb mir gar keine andere Wahl. Ich musste das einfach tun.  

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Ein Landschaftsbild entstanden auf einer Norwegenreise

„Die extreme Arktis, Norwegen, 2019“
Ruhe, Stille und manchmal auch die Einsamkeit regen heute McCullins Fantasie an – im vergangenen Jahr bei einer Norwegenreise.

© Don McCullin/ Courtesy of the Artist and Hauser & Wirth

fotoMAGAZIN: Sie haben jeden Abzug der Ausstellung selbst gemacht. Wie arbeiten Sie in der Dunkelkammer?
Don McCullin: Ich besitze hinten in meinem Garten eine Scheune, in der ich mir eine Dunkelkammer eingerichtet habe. Wenn ich in diesen Raum komme und an den Bildern arbeite, dann werden Sie automatisch immer finsterer. In diesen Fotos steckt ganz viel von mir. Viel von meiner Integrität und viele meiner Emotionen. Sie sind wie die Geschichte der letzten 80 Jahre meines Lebens. Für mich war das eine großartige Reise. Nun überlasse ich es dem Betrachter, herauszufinden, ob ich die richtigen Entscheidungen getroffen habe. Ich möchte, dass Sie sich selbst darüber bewusst werden, was Sie hier vor sich sehen. Sonst hätte ich versagt.  

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Fotografie von Don McCullin
© Don McCullin/ Courtesy of the Artist and Hauser & Wirth

fotoMAGAZIN: Die Ausstellung zeigt Archivbilder und Landschaftsaufnahmen von Somerset. Welchen Bezug haben Sie heute zu den vielen Bildern, die Sie im Laufe Ihres Lebens aufgenommen haben?
Don McCullin: Ich habe in meinem Haus 60.000 Negative, die ich jetzt manchmal wieder betrachte. Viele wurden noch nie abgezogen, weil ich zum Zeitpunkt der Aufnahme nur das printete, was ich damals für das Beste hielt. Ich habe einen ganzen Stapel beiseite gelegt und schaue ihn jetzt zum ersten Mal an. Viele Fotos wurden in den 1960er-Jahren aufgenommen, sehen jetzt aber so aus, als wären sie 100 Jahre alt. Die meisten wurden bis zu dieser Ausstellung nie vergrößert – doch wenn ich sie jetzt betrachte, dann sind sie genauso wichtig wie jedes andere Foto, das ich je gemacht habe.

Ich verbrachte meist meine Zeit  damit, Kriege, Revolutionen und miese Orte aufzusuchen.

fotoMAGAZIN: Gibt es hier ein Foto, das für Sie von besonderer Bedeutung ist?
Don McCullin: Ich schaue mir immer wieder ein Foto an, das ich 1965 in Scarborough aufgenommen habe. Es zeigt ein paar Jungs, die inmitten dieser brutalen Industrielandschaft Fußball spielen. Ich erinnere mich, dass ich damals auf eigene Faust allein angereist bin. Ich verbrachte meist meine Zeit damit, Kriege, Revolutionen und miese Orte aufzusuchen. So kam ich nach Hause und verließ sofort meine junge Familie wieder, um in den Norden Englands zu reisen. Damals habe ich mich blöd verhalten, doch ich wollte einfach weitermachen. Ich war wie ein wilder Hund – völlig außer Kontrolle.

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McCullin hat jedes seiner Bilder der Ausstellung selbst geprintet

„Die Straße zur Somme, Frankreich, 1999“
Alle Fotografien seiner Ausstellung in Somerset hat Don McCullin selbst als Silbergelatine-Prints abgezogen.

© Don McCullin/ Courtesy of the Artist and Hauser & Wirth

fotoMAGAZIN: Sehen Sie Ihre Bilder heute anders als damals, als Sie diese aufgenommen haben?
Don McCullin: Sie machen heute Sinn! Ich sah Menschen, die nie im Leben einen fairen Teil vom Kuchen abbekommen haben und immer schwer schuften mussten. Ich habe jetzt das Gefühl, dass ich mich dem Unglück anderer Menschen, den Unterprivilegierten, hingegeben habe. Vergessen Sie nicht, dass ich selbst aus sehr benachteiligten Verhältnissen komme. Deshalb glaubte ich zu verstehen, was ich sah. Ich jagte diesen Geschichten hinterher, weil ich in einem Haus mit einem kranken Vater aufgewachsen bin, der mir wegstarb, als ich dreizehn Jahre alt war. Wir hatten einen Raum, in dem alle schliefen, meine Mutter, mein Vater, meine Brüder und ich. Es gab kein Bad und keine Toilette. Ich ging mit den gleichen Klamotten zur Schule, in denen ich geschlafen hatte. Ich weiß also, was Armut bedeutet. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das genauso verstanden hätte, wenn ich eine Universität besucht oder eine gute Erziehung bekommen hätte. Ich war der Beste, der hier den Auslöser drücken konnte.  

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Don McCullin fotografierte viel in Kriegs- und Krisengebieten

"Blick auf das Tal der Gräber, die vom IS zerstört worden sind“
McCullin dokumentierte hier 2016 die Verwüstungen im syrischen Palmyra, dem bedeutenden UNESCO-Weltkulturerbe.

© Don McCullin/ Courtesy of the Artist and Hauser & Wirth

fotoMAGAZIN: Vermissen Sie manchmal die Kriegszonen?
Don McCullin: Ich denke oft an die Männer, die in den Krieg ziehen, heimkommen und feststellen, dass es nicht sonderlich spannend ist, in den Straßen, in denen sie aufgewachsen sind, spazieren zu gehen. Sie fangen an, sich zu langweilen und vermissen das Adrenalin, die Action und die Nahtoderfahrungen. Ich bin zu alt, um in den Krieg zu gehen. Mit meinen 84 Jahren gibt mein Körper auf. Ich habe jedoch noch immer den alten Schwung und den Antrieb in mir. Wenn ich nur ein wenig jünger wäre, wäre mir schon manchmal danach, verdammt nochmal dort zu sein. Andererseits frage ich mich, wenn ich zurückblicke, was ich eigentlich beweisen wollte. Du wirst die Kriege nie beenden. Sobald einer endet, fängt anderswo ein neuer schrecklicher Krieg an. Und glauben Sie mir: Das wird immer so weitergehen.

Die Austellung "Don McCullin: The Stillness of Life" war bis zum 4. Mai 2020 in der Galerie Hauser & Wirth in Somerset (Großbritannien) zu sehen.

Das Interview ist in der 5/2020 Ausgabe des fotoMAGAZIN erschienen.

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Fotografie von Don McCullin
© Don McCullin/ Courtesy of the Artist and Hauser & Wirth

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
fotoMAGAZIN

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