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Debi Cornwall
Die Fotografin: Debi Cornwall arbeitete 18 Jahre als Anwältin, bevor sie sich ganz der Fotografie widmete. Die konzeptionell arbeitende Bildermacherin zählte 2019 und 2020 zu den Finalisten des Tim Hetherington Trust Visionary Awards.
© Debi Cornwall/ Courtesy of the artist

Debi Cornwall

Krieg und Fiktion
10.05.2021

In ihrem Projekt „Necessary Fictions“ widmet sich Debi Cornwall inszenierten Kriegsszenarien in Ausbildungslagern des US-Militärs. Ein Gespräch über fiktive Annäherungen an die Realität des Krieges.

Text: Tom Seymour

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Necessary Fictions

Necessary Fictions – "Insurgent".

© Debi Cornwall

Debi Cornwall war viele Jahre Zivilrechtsanwältin, bevor sie sich vor sieben Jahren ganz der konzeptionellen Fotografie widmete. Ihr neuer Werkszyklus „Necessary Fictions“ zeigt uns Aufnahmen von Ausbildungslagern der US-Militärbasen. Das Militär nennt den fiktiven Ort der dortigen Szenarien „Atropia“ – stellvertretend für ein Land im Krieg mit Amerika. Die Menschen, die hier in nachgebauten Wüstendörfern die Rolle von Aufständischen und Zivilisten spielen, sind oft afghanische oder irakische Einwanderer, die aus ihren vom Krieg verwüsteten Heimatländern geflohen sind. Maskenbildner stehen bereit, um Zivilisten und Soldaten als Verwundete für ihren Einsatz in „Atropia“ zu schminken. Durch das Abbilden dieser künstlichen Kulissen hofft Cornwall, unsere Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was sie Amerikas „militärischen Entertainment-Komplex“ nennt – mit der Absicht, „imaginäre Realität zu inszenieren und sie zu benutzen, um zu hinterfragen, was tatsächlich gerade in Amerika passiert.“

fotoMAGAZIN: Was hat Sie beim Besuch dieser Ausbildungslager überrascht?
Debi Cornwall: Die erste Überraschung war, dass dort oft Hollywood-Filme gedreht wurden. Diese Nähe zur Unterhaltungsindustrie könnte man den militärischen Entertainment-Komplex nennen. Er wurde ein Leitfaden, dem ich bei meinen weiteren Recherchen folgte.

Ich würde diese Arbeit nicht machen, wenn ich nicht
davor Anwältin gewesen wäre.

fotoMAGAZIN: Wie hat sich Ihrer Meinung nach das Verlangen nach Spektakel und Unterhaltung auf die traditionelle Kriegsfotografie und ihren Platz in der Gesellschaft ausgewirkt?
Debi Cornwall: Seit etwa 30 Jahren ist ein Kriegsfotograf typischerweise beim Militär „embedded“. Das hatte großen Einfluss darauf, welche Art von Bildern entstanden. Diese Arbeit ist immer noch wichtig, aber zugleich schenken die Amerikaner diesen Bildern nicht viel Aufmerksamkeit – weil das alles „weit weg“ passiert. Teil meiner Strategie ist es, den Konflikt durch die Linse des Spektakels zu betrachten und zu versuchen, ein anderes Bild zu zeichnen – eines, das offen bleibt für die Perspektive des Publikums.

fotoMAGAZIN: Wer hat Sie bei Ihrer Beschäftigung mit der Idee der Performance in der Fotografie beeinflusst?
Debi Cornwall: Der Erste, der mir in den Sinn kommt, ist Max Pinckers. Max erkennt, wie wir die Dokumentation nach klassischer Definition als Mechanismus zur Wahrheitsfindung missverstehen. Indem er versteht, wie Inszenierung, Performance und Bildzusammenstellung funktionieren, sich das zurückerobert, imaginäre Realität inszeniert – und das wiederum benutzt, um zu hinterfragen, was tatsächlich passiert.

fotoMAGAZIN: Können Sie uns erklären, was wir uns unter einer „staatlich konstruierten Realität“ vorstellen sollen?
Debi Cornwall: Das ist meine Interpretation eines Zitats von George W. Bushs politischem Chefberater Karl Rove. Dieser sagte 2004: „Wir sind jetzt ein Imperium. Egal wie wir handeln, wir schaffen unsere eigene Realität.“
Das brachte genau auf den Punkt, was mich interessiert. Es kommentiert, wie die amerikanische Staatsmacht funktioniert, egal wer das Sagen hat.

fotoMAGAZIN: Sie haben sich vor Ihrer Karriere als Fotografin als Anwältin für die Bürgerrechte eingesetzt. Wie sehr hat sich das Rechtsdenken auf Ihre Tätigkeit als Fotografin ausgewirkt?
Debi Cornwall: Mein ursprünglicher Plan war es, die Juristerei komplett hinter mir zu lassen, doch es hat sich herausgestellt, dass meine juristische Ausbildung meine Herangehensweise und meine Präsentation komplett beeinflusst. Ich würde diese Arbeit nicht machen, wenn ich nicht davor Anwältin gewesen wäre.

fotoMAGAZIN: Könnten Sie sich vorstellen, beim Militär als „embedded“ Reporter von der Front zu berichten?
Debi Cornwall: Nein. Bei diesem Projekt gab es einen Moment, in dem ich überlegte, ob ich in den Irak oder nach Afghanistan reisen sollte – doch ich entschied mich dagegen. Ich hatte die Vorstellung, dass das Projekt zu einem Suchspiel werden könnte – was ist real und was ist Fake? Ich wollte herausfinden, was es bedeutet, einen fiktionalen Krieg zu inszenieren und afghanische und irakische Bürger in Rollen zu stecken, die ihr früheres Leben wiederspiegeln könnten, bzw. sie als Aufständische darzustellen. Diese Meta-Realität innerhalb der Fiktion interessierte mich. Dazu kommt, dass wir mit Bildern überflutet werden. Ich bin nicht überzeugt, dass wir alle Bilder von der Front sehen wollen. Zeigen Sie den Menschen hingegen schöne helle Bilder von etwas, das vielleicht Krieg sein könnte, bei denen aber irgendetwas nicht stimmt, dann fragt jeder: Was ist denn hier los? Das ist die Eintrittskarte.

> Zu Debi Cornwalls Website: www.debicornwall.com

Debi Cornwalls Bildband „Necessary Fictions“ ist bei Radius Books erschienen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
fotoMAGAZIN

1949 erschien die erste Ausgabe der ersten Fotozeitschrift im deutschsprachigen Raum. Seither begleiten wir die Fotogeschichte. Unsere Kamera- und Objektivtests unter Labor- und Praxisbedingungen helfen Einsteigern und Profis seit jeher bei der Kaufentscheidung. Mancher Fotograf wurde von uns entdeckt. Und seit Steven J. Sasson 1975 für Kodak die erste Digitalkamera entwickelte, haben wir die digitale Fotografie auf dem Schirm. Unsere Fotoexpertise ist Ihr Vorteil.

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