David LaChapelle

Der Künstler leidet.
17.11.2011

Vor der Vernissage seiner neuen Ausstellung in der Kestnergesellschaft hat der schmerzgeplagte David LaChapelle in Hannover einen Neurologenbesuch und eine unangenehme Zahnwurzelbehandlung hinter sich gebracht.

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David LaChapelle

David LaChapelle

© Courtesy Kestnergesellschaft Hannover/Grosse-Stragman

Unser erster Interviewtermin musste deshalb kurzfristig abgesagt werden. Am Folgetag, wenige Stunden 
vor der Ausstellungseröffnung, nimmt sich der amerikanische Starfotograf ausführlich Zeit für ein Treffen. Es ist fast zehn Jahre her, dass LaChapelle mit uns über seine Bilder sprach. Seitdem hat sich sein Leben und seine Fotografie verändert. Darüber sollten wir sprechen ...

fotoMAGAZIN: In den letzten fünf Jahren haben Sie eine Bio-Farm auf Hawaii gekauft, die Magazinfotografie aufgegeben und sich ganz der Fotokunst gewidmet. Gab es einen Punkt in Ihrem Leben, an dem Sie beschlossen, etwas zu ändern?
David LaChapelle: Seit meiner Kindheit habe ich mich gefragt, was ich der Welt geben könnte. In der Fotografie war für mich nie die Frage, was ich da für mich rausziehen konnte. Zu Beginn meiner Karriere stellte ich meine Fotos in Galerien aus. Dann fing ich an, für Andy Warhols Interview zu arbeiten und es folgten 20 Jahre Zeitschriftenarbeit. Es ist nichts verkehrt dabei, mit Britney Spears oder Christina Aguilera zu arbeiten. Ich wusste jedoch nicht, ob ich zur Welt der populären Kultur weiter solche Beiträge machen wollte. Es schien mir an der Zeit, damit aufzuhören. Als ich 1991 aus der Galerienszene kam, konntest Du nicht Karriere mit kommerzieller Fotografie machen und Kunst produzieren. Alles war stark getrennt. Deshalb dachte ich, ich könnte nicht mehr in Galerien ausstellen. Ich wollte Farmer werden. Im Grunde folgte ich nur meinem Herzen und dachte, das sei das Richtige. Ich fragte mich, welches Leben ich leben wollte.

fM: Wann genau passierte das alles?
LaChapelle: Ende 2005

fM: Hat die Neuorientierung Ihre Arbeitsweise beim Fotografieren verändert?
LaChapelle: Sehr stark sogar. Ich stecke jetzt viel mehr Zeit und Gedanken in meine Fotos. An meiner neuen Blumenserie habe ich über ein Jahr gearbeitet, nicht ausschließlich, aber es dauerte lange. Jetzt verbringe ich viel Zeit mit den Bildern und denke mehr darüber nach, was die Dinge in einem Foto bedeuten. Von einem Foto in einer Galerie oder in einem Museum wird mehr erwartet, als von einem Foto in einer Modezeitschrift.

fM: Fühlen Sie sich stärker unter Druck?
LaChapelle: Es ist jetzt eine andere Art von Druck. Früher hatte ich negativen Druck von Agenten und Redakteuren. Es war ein harter Kampf. Der neue Druck liegt ganz an mir. Ich halte jetzt mein Leben im Gleichgewicht, passe auf mich auf und so kann ich auch auf die Leute aufpassen, die mir nahe stehen. Ich habe früher mich und andere ausgenutzt.

fM: Hat sich auch Ihr Lifestyle verändert?
LaChapelle: Ja. Als ich der Kommerz-welt den Rücken kehrte, kaufte ich die Farm. Ich bin in der Natur aufgewachsen, war früher immer in den Wäldern. Meiner Mutter war die Natur und ihr Garten wichtig. Ich spielte ständig im Garten, streifte durch die Wälder und liebte das Alleinsein. Als Kind war ich viel allein. Ich brauche das jetzt in meinem Leben.

fM: Führen Sie heute ein weniger hedonistisches Leben als früher?
LaChapelle: Ich bin jedenfalls nicht selbstsüchtig. Ich genieße das Leben. Wenn Hedonismus bedeutet, dass man morgens aufwacht, im Meer schwimmen geht und gutes Essen isst,  Sex hat all das sind Geschenke des Lebens. Sie machen das Leben lebenswert. Kreativität, die Zeit Dinge zu schaffen ist mir sehr wichtig. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber Hedonismus im Sinne von Ausschweifungen und Dekadenz nein danke!

Vom Look der Fotokunst habe ich mich immer fern gehalten

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"Kayne West: Passion of Christ", 2006

"Kayne West: Passion of Christ", 2006
© David LaChapelle/Courtesy Fred Torres Colaborations; Galerie Rafael Jablonka, Köln

David LaChapelle

fM: Im Jahr 2002 resümierten Sie bei unserem Gespräch, dass es bei Ihren Bildern darum ginge, im Augenblick zu leben und das Beste daraus zu machen. Würden Sie das heute noch so formulieren?
LaChapelle: Ich würde nicht mehr sagen, dass es darum geht. Ich versuche, in meinen Fotos Geschichten zu erzählen, Ideen zu kommunizieren. Dies ist keine intellektuelle Kunst. Diese akademische Annäherung an die Fotografie ist nichts für mich. Mir ist wichtig, was die Bilder zum Ausdruck bringen. Ich versuche, mich verständlich auszudrücken. Es geht nicht nur um die Oberfläche, die Sie anzieht. Da ist Symbolismus, da sind Dinge, die etwas bedeuten. Ob das nun Ängste oder Fragen sind, die ich über das Leben habe; immer versuche ich dabei, mit der Schönheit zu arbeiten. Wissen Sie, ich habe Hoffnung für die Menschheit und ich will das in meinen Bildern rüberbringen. 

fM: Sie sagten mal, in der Kunstszene würde man Jesus uncool finden, wenn man ihn nicht in einer ironischen Perspektive darstellt. Wie gehen Sie damit um?
LaChapelle: Es gibt in der zeitgenössischen Kunst diese coole Liga, aber ich bin schon lange dabei. Ich lebte mal im (New Yorker) East Village, meine Freunde waren Maler. Damals kannte ich Keith Haring, Jean-Michel Basquiat und auch viele, aus denen nichts geworden ist. Es gab jede Menge cooler Dinge, aber wissen Sie was: aus cool wird kalt. Ich will überhaupt nicht, dass meine Bilder wie zeitgenössische Kunst aussehen. Auch nicht, dass sie wie zeitgenössische Fotografie aussehen. Sie sollen nicht so leicht in diese Kategorie passen.

Ich mache keine Bilder, um in eine Galerie zu passen. Das wäre einfach. Du findest heute eine Menge zeitgenössische Farbfotos, die wie Fotokunst aussehen. Da gibt es einen gewissen Look. Ich habe immer versucht, mich davon fernzuhalten. Wenn ich mich mit Jesus auseinandersetzte, ging es mir zum Beispiel darum, seine Lehren aus den Händen der fundamentalistischen Christen zu reißen. Man fragt mich immer, ob ich religiös sei. Wenn der Glaube an das Vergeben religiös ist, dann bin ich es. Wenn der Glaube daran, dass die Liebe viele unserer menschlichen Probleme überwinden kann, religiös ist, dann bin ich es. Es steckt viel Wahres in der Bibel, in den Lehren Buddhas, im Koran oder der Thora, in all diesen Religionen. Diese Schriften faszinieren mich, weil sie Lebensführer sind. Ich hatte mal eine harte Zeit, ich bin nicht einer von diesen Menschen, die als guter Mensch geboren wurden. Bei mir gab es immer diesen Kampf zwischen Gut und Böse. Für mich ist es harte Arbeit, gut zu sein, im Sinne von: das Beste dafür tun, um eine nette Person und ein guter Künstler zu sein.

Bei mir gab es immer diesen Kampf zwischen Gut und Böse

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David LaChapelle

David LaChapelle

© Kestnergesellschaft Hannover

fM: Sie sahen Superstars kommen und gehen und sind selbst ein Star geblieben. Was bedeutet Ihnen Ruhm heute?
LaChapelle: Ich fühle mich nicht wie ein Star.

fM: Erfolg bedeutet für Sie, in der Lage zu sein, Ihre Fotoideen zu realisieren. Wie lange dauerte es, bis Sie so weit waren?
LaChapelle: Es hat zehn bis zwölf Jahre gedauert, bis ich mir keine Sorgen mehr machen musste, ob ich den Strom und meine Fotorechnungen bezahlen konnte. Die Fotorechnungen waren immer hoch. Für mich als Künstler bringt Geld Freiheit. Kreativ kann ich jetzt machen, was ich will. Wenn es sich nicht verkaufen lässt, macht das nichts. Ich kann das fotografieren, was ich fotografieren möchte und muss, ohne dabei an den Markt zu denken.

fM: Sie betonten die Unterschiede in der Wahrnehmung eines gemalten und eines fotografierten nackten Körpers ...
LaChapelle: Die Fotografie ist eine andere Sprache. In unserer Welt bedeutet Nacktheit etwas anderes, wenn wir ein Foto ansehen, jede Art von Foto. Weil die Fotografie reproduzierbar ist. Sie ist im Internet, in der Werbung, einfach überall. Selbst wenn wir keine Fotos sehen möchten, hält man sie uns vors Gesicht. Der Körper hat  in der Fotografie eine extrem kommodifizierte Konnotation bekommen. Er wird entweder für die erotische, pornografische Befriedigung eingesetzt oder um etwas zu verkaufen. Wir sehen den Körper im Zusammenhang mit Kommerz oder Erotik. Er ist in der Fotografie extrem kommerzialisiert worden. In der Malerei und der Bildhauerei ist das jedoch anders.

Factfile: David LaChapelle

Geboren am 11. März 1963 in Hartford Connecticut. Zieht als 15-jähriger nach New York. Dort erste Ausstellung in den 80er-Jahren. Von Andy Warhol für Interview-Magazine entdeckt. Studium an der School of Visual Arts. Einer der besten Portraitisten und Inszenierer des Pop-Zeitalters. 2005 Dokumentarfilm Rize; wendet sich nun intensiv der Fotokunst zu. Bis 8. Mai 2011 Ausstellung earth laughs in flowers in der Kestnergesellschaft Hannover, die u. a. neue Blumen-Stills zeigt. Lebt heute auf Maui (Hawaii) und in Los Angeles.

Das Interview wurde im fotoMAGAZIN 5/2011 veröffentlicht.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.