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Das Fotografen-Duo Adrian Sonderegger & Jojakim Cortis
Das Fotografen-Duo Adrian Sonderegger (l.) & Jojakim Cortis (r.) | Foto: © Manfred Zollner

Cortis & Sonderegger

Fotografie als Geschichtsmodell
20.03.2020

Dieses Künstlerduo rekonstruiert mit Kunstrasen und Teppichmessern im Studio berühmte Bilder der Fotogeschichte. Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger spielen am Miniatur-Modell mit unserer Idee des Realen. Ein Gespräch über modellierte Geschichte, den Blick auf die Fotohistorie und die Inflation der Bildikonen.

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Making of "Seven Year Itch" von Cortis und Sonderegger

Making of "Seven Year Itch" (by Sam Shaw, 1954), 2016

© Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger

fotoMAGAZIN: Wie hat es gedauert, bis Sie die ersten Menschen in Ihre Motive integrierten?
Jojakim Cortis: Anfangs war es so, dass alle Menschen maskiert waren, wenn sie im Bild auftauchten. Zum Beispiel bei dem Motiv vom Terror-Attentat in München und vom Mount Everest. Das waren unsere ersten Versuche. Die erste klar erkennbare Person war der fallende Soldat von Capa. Wir dachten zuerst, dass wir eine Person nur nachbauen würden, wenn wir nicht zu nah rangehen. Wir hatten hier zunächst ein Querformat und dabei musste man mehr Abstand halten, um die Details nicht so gut zu erkennen. Dann kam die Erkenntnis: wir müssen doch näher ran.

fotoMAGAZIN: War Ihr Marilyn Monroe-Bild eine besondere Herausforderung?
Adrian Sonderegger: Man muss einfach darauf achten, sobald man sich an Figuren und Gesichter heranwagt, dass man sicher ist, wie man das angehen möchte. Wenn Du das nicht gut machst, wirkt es schnell komikhaft und erscheint, als ob man sich über eine Person lustig macht. Das geht gar nicht. Wenn du jedoch Gurskys Rhein mit Humor umsetzt, funktioniert das. Es braucht Selbstvertrauen, um sich an Personen zu wagen.

fotoMAGAZIN: Sie schreiben die Fotogeschichte durch ihre Bildauswahl hier mit. Gibt es etwas, das Sie in den üblichen Anthologien stört, das Ihnen womöglich fehlt?
Adrian Sonderegger: Das Zeitgenössische finde ich häufig fragwürdig in den Geschichtsbüchern. Da merkt man, dass sich die Zeit noch nicht setzen konnte und noch unklar ist, welche Bilder sich durchsetzen werden.

Beim Zeitgenössischen merkt man, dass sich die Zeit noch nicht setzen konnte und noch unklar ist, welche Bilder sich durchsetzen werden.

fotoMAGAZIN: Wie alt muss ein Bild sein, dass es für Sie interessant wird?
Adrian Sonderegger: Eine Bildikone braucht Zeit, um eine zu werden. Ein Foto kann ikonenhaft sein, wenn es veröffentlicht wird. Das World Press Photo des Jahres 2018 hat etwas Ikonenhaftes. Es kann einen Bezug zum Begriff der Ikone haben, etwas, das aus der Religion kommt wie die Jesus-Pose – oder berühmte andere Bilder zitieren. Doch eine Fotoikone muss schon viele Male veröffentlicht worden sein.

fotoMAGAZIN: Hat sich Ihre Idee von einer Ikone verändert, seit sie damit arbeiten?
Jojakim Cortis: Unser Verständnis nicht, doch uns wurde klar, dass sich der Begriff verändert hat. Die Hindenburg-Tragödie war ein Medienereignis, bei dem der Zeppelin gerade gewartet wurde. Es gab viele Fotografen vor Ort und noch mehr Bilder. Das hat sich heute nochmal vervielfacht. Und das ist wiederum ein Grund, dass das Entstehen von Bildikonen schwieriger geworden ist. Es war mal bei uns in der Diskussion, dass wir das Botschaft-Attentat von Istanbul nachbauen. Das war uns jedoch letztlich zu frisch. Das jüngste Ereignis in unseren Bildern ist der Tsunami von 2004.
Adrian Sonderegger: Ich würde sagen, dass der Begriff Ikone für mich jetzt ein anderer ist. Bildikone ist heute ein inflationärer Begriff. Coca-Cola ist eine Ikone der Getränkekultur, eine Pop-Ikone. Man weiß jetzt einfach mehr darüber, wie Ikonen zustande kommen und welche Arten es gibt.

Bildikone ist heute ein inflationärer Begriff. Coca-Cola ist eine Ikone der Getränkekultur, eine Pop-Ikone. Man weiß jetzt einfach mehr darüber, wie Ikonen zustande kommen und welche Arten es gibt.

fotoMAGAZIN: Ist es ein Zufall, dass Ihre Arbeit genau in die Zeit der Fake News/Fake Views-Debatte fällt?
Jojakim Cortis: Es überrascht uns nicht, doch als wir das Projekt anfingen, gab es den Begriff noch nicht. Das ist zugleich auch eine Erklärung, warum diese Arbeit Erfolg hat. Sie passt in diese Zeit. Es ist schon ein Zufall, dass alles so gekommen ist.
Adrian Sonderegger: Diese Arbeit hat auch etwas Aufklärerisches. Bildmanipulation gab es eigentlich schon immer. Wir alle wurden jetzt einfach mehr für das Thema „Fakes“ und Manipulation sensibilisiert. Heute geht es um die Aufklärung, dass nicht alles wahr ist, was gedruckt wird oder online erscheint. Das kann diese Arbeit relativ gut transportieren, finde ich.

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Making of "Parade - Hoboken, New Jersey" von Cortis und Sonderegger

Making of "Parade - Hoboken, New Jersey" (by Robert Frank, 1955), 2017

© Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger

fotoMAGAZIN: Ist heute die Illusion von etwas in der Kunst wie in der Politik wichtiger geworden als die Wahrheit?
Jojakim Cortis: Ist das wirklich so? Man traut doch heute den Medien nicht mehr.
Adrian Sonderegger: Es gibt ja immer Wellen. Mit der ganzen Augmented Reality möchte man sich ja in diese fiktionale Welt begeben. Gleichzeitig wehren sie die Leute, sobald ein neues iPhone automatisch die Haut retuschiert. Es gibt also auch Widerstand. Der Wunsch nach dieser Illusion ist zudem nicht neu. Schon früher ging man zum Fotografen und es wurden dort beim Portrait Pickel überschminkt. Die Illusion wurde einfach nur konsumentenfreundlicher.

Das Interview wurde im März 2019 vor der Vernissage des Künstlerduos bei C/O Berlin geführt.

Aktuelle Ausstellung in Mannheim

Im Rahmen der Biennale, die vom 29.02. bis zu 26.04.2020 unter dem Motto „The Lives and Loves of Images“ stattfindet, zeigen sechs thematische Ausstellungen in sechs Häusern in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg zeitgenössische sowie historische Arbeiten von rund 70 internationalen Künstlern und Fotografen. Werke von Cortis & Sonderegger werden dabei zusammen mit denen anderer Künstler in der Ausstellung „Reconsidering Icons“ im Museum Weltkulturen präsentiert. Die Ausstellung führt verschiedene Projekte aus den vergangenen Jahren zusammen, die Strategien der Neugestaltung, Überarbeitung und Neudefinition nutzen. Unabhängig von dem jeweiligen künstlerischen Vorgehen, nähert sich „Reconsidering Icons“ dem ikonischen Bild als einer komplexen Form von kulturellem Gemeingut.
Da die Biennale-Ausstellungshäuser aufgrund der Verbreitung des Coronavirus aktuell vorübergehend geschlossen sind (Stand: 20. März 2020), arbeiten die Veranstalter an virtuellen Rundgängen. Solche gibt es derzeit bereits für die Ausstellungen „When Images Collide“ im Wilhelm-Hack-Museum und „All Art is Photography“ im Kunstverein Ludwigshafen. Die weiteren Ausstellungen in Mannheim „Reconsidering Icons“, „Between Art and Commerce“, „Walker Evans Revisited“ und in Heidelberg „Yesterday’s News Today“ sollen in Kürze folgen.

Für alle, die noch mehr von zuhause aus mehr von Cortis & Sonderegger sehen möchten, können wir den Bildband "Double Take" empfehlen. 128 Seiten mit 87 Abbildungen gibt es hier bei Lars Müller Publishers für 30 Euro.

Aktuelle Ausstellung in München

Unter dem Titel „The Architecture of Deception“ (dt. „Die Architektur der Täuschung“) zeigen die Kuratoren im B’NK’R in München zeitgenössische Künstler, die sich in ihrer Arbeit gezielt des Repertoires räumlicher und visueller Täuschung bedienen, um irritierende Raumerlebnisse zu schaffen. Die Ausstellung soll den Betrachter ermutigen, das Offensichtliche zu hinterfragen: Das, was man sieht, ist stets eine Frage der Perspektive und kann daher kaum der Ausdruck einer umfassenden Realität sein. Vom 4. März bis zum 19. Juli sind in „The Architecture of Deception“ Werke von Cortis & Sonderegger, Emmanuelle Lainé, Hans Op de Beeck, Bettina Pousttchi, Gregor Sailer, The Swan Collective und anderen zu sehen. Aufgrund der sich weiter ausweitenden Corona-Krise bleibt die Ausstellung allerdings vorübergehend geschlossen.

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Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.