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Das Fotografen-Duo Adrian Sonderegger & Jojakim Cortis
Das Fotografen-Duo Adrian Sonderegger (l.) & Jojakim Cortis (r.) | Foto: © Manfred Zollner

Cortis & Sonderegger

Fotografie als Geschichtsmodell
20.03.2020

Dieses Künstlerduo rekonstruiert mit Kunstrasen und Teppichmessern im Studio berühmte Bilder der Fotogeschichte. Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger spielen am Miniatur-Modell mit unserer Idee des Realen. Ein Gespräch über modellierte Geschichte, den Blick auf die Fotohistorie und die Inflation der Bildikonen.

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Making of "Terror of War" von Cortis und Sonderegger

Making of "Terror of War" (by Huynh Cong Ut, 1972), 2019

© Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger

fotoMAGAZIN: Wie gehen Sie bei diesem Projekt vor: Betrachten Sie jedes Foto für sich, oder gibt es da den großen Plan, der von Bild zu Bild führt?
Jojakim Cortis: Das Gute ist: Die Bilder stehen auch für sich selbst. Das gibt uns Freiheiten bei der Auswahl, wenn wir Ausstellungen planen. Zunächst war das sowieso noch kein Thema, da haben wir einfach die Motive produziert. Das Thema stellte sich erst, als wir anfingen, an unserem Buch zu arbeiten. Irgendwann merkten wir, dass wir bereits sechs Bilder mit Explosionen haben. Die sehen zwar immer fantastisch aus, aber wir brauchten auch andere Motive. So fingen wir an, darüber nachzudenken, welche Kategorien fehlten und aus welcher Zeit wir zu viele Bilder hatten. Das Projekt ist ja ein kleiner Überblick über die Geschichte.
Adrian Sonderegger: Wenn wir ein Bild beginnen, dann müssen zunächst wichtige Entscheidungen gefällt werden: Was wollen wir, wie setzen wir es um? Danach kommt eine längere Bauphase, in der überhaupt nicht inhaltlich im Atelier gedacht wird. Es geht primär um das handwerkliche Umsetzen des Modelbaus. Am Schluss folgt dann wieder eine Phase, in der wir bestimmen, wie die Bilddetails aussehen sollen. Details, die nicht auf dem Original sind, sondern den Rahmen rund um das Motiv ausmachen: Wie hell ist das Studio, sind die Fenster geschlossen, was liegt herum?

Das Projekt ist ein kleiner Überblick über die Geschichte.

fotoMAGAZIN: Wenn Ihre Bilder ausgestellt werden, gibt es nicht immer Text zum Bild, im Buch eine ganze Menge. Wie wichtig sind Ihnen diese Texte? Sie nehmen deutlich Bezug auf  das Vorbild und liefern den historischen Abriss mit.
Jojakim Cortis: Als wir unser Buchprojekt begannen, hätten wir wahrscheinlich noch gesagt: Kein Text! Wir kommen von jener Art Fotobuch, das einfach nur Bild an Bild reiht. Dann stellte sich heraus, dass unser Verlag gerne Texte wollte. Nach einer Weile fanden wir auch, dass es im Buchkontext gut funktioniert, wenn Text dabeisteht. Der Aufbau unserer Bilder ist oft ähnlich: Der Rahmen mit dem Bildhintergrund. Diese Wiederholung ist in Bezug auf Ikonen spannend, der Text bringt aber einen anderen Rhythmus ins Buch. Und er bezieht sich nicht auf unser Bild, sondern aufs Original. Also eigentlich auf das, was wir im kollektiven Gedächtnis haben. Mittlerweile finde ich das gut.
Adrian Sonderegger: Der Grundgedanke hinter den Begleittexten ist natürlich, dass wir einen besseren Zugang zu den Bildern ermöglichen und damit ein breiteres Publikum ansprechen als nur Fotohistoriker und Insider.

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Making of "Marlboro Man" vom Fotografen-Duo Cortis und Sonderegger

Making of "Marlboro Man" (by Hannes Schmid, unknown date), 2016

© Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger

fotoMAGAZIN: Bleibt dieser Anspruch auch bei der Präsentation in Museen und Galerien?
Jojakim Cortis: Für mich braucht es in einer Ausstellung nicht unbedingt Texte. Für diejenigen, die größeres Interesse haben, muss jedoch die Möglichkeit gegeben sein, an Informationen zu kommen.

fotoMAGAZIN: Muss ein Fotograf ein absoluter Perfektionist für ein Projekt wie „Making of“ sein?
Jojakim Cortis: Vergleichen Sie unser erstes Bild, eine Re-Inszenierung on Gurskys Bild mit unserem späteren Tsunami-Foto. Dann sehen Sie die Entwicklung, wie wir Wasser im Bild darstellen. Zunächst war da noch viel Platz nach oben.
Adrian Sonderegger: Und jetzt ist immer noch viel Platz nach oben.
Jojakim Cortis: Wir sind besser geworden, aber nicht unbedingt schneller, weil wir dadurch genauer in der Arbeit wurden. Die nächste Frage ist natürlich: Muss es perfekt sein? Gerade bei Ikonen! Man erkennt sie schnell. Wir könnten das umkehren und gucken, wo der Punkt kommt, an dem man die Ikone noch erkennt.

Wir sind besser in unserer Arbeit geworden aber nicht unbedingt schneller, weil wir dadurch genauer in der Arbeit wurden.

fotoMAGAZIN: Machen Sie mittlerweile ausschließlich Fotokunst?
Jojakim Cortis: Nein, wir arbeiten auch immer noch kommerziell als Fotografen. Bei der Buchproduktion war das anders. Da überlegten wir lange, ob wir ein Risiko eingehen, wenn wir Aufträge ablehnten.

fotoMAGAZIN: In Ihren Bildern platzieren Sie immer noch ein scheinbares Chaos, rund um den Set-Aufbau. Nehmen Sie hier ausschließlich Utensilien auf, die am Entstehungsprozess beteiligt waren? Und nach welchen Kriterien nehmen Sie Material auf.
Adrian Sonderegger: Prinzipiell soll es authentisch sein. In den Bildern findet sich all das Material wieder, mit dem wir gearbeitet haben. Das Problem ist, dass wir zum Teil länger an einem Bild arbeiten, nebenbei noch etwas anderes fotografieren und Dinge wegräumen müssen. Das heißt, die Schere liegt beispielsweise nicht mehr dort, wo sie mal war. Wir müssen häufig am Schluss noch ein paar Dinge dazulegen.

In den Bildern findet sich all das Material wieder, mit dem wir gearbeitet haben.

fotoMAGAZIN: Ihr erstes Motiv war das „Rhein“-Bild von Andreas Gursky. Was war der Punkt bei dieser Arbeit, an dem Sie sagten, dieses Thema gibt mehr her?
Jojakim Cortis: Bei dem Bild hatten wir anfangs noch den Originalausschnitt rekonstruiert. Wir hatten einen Sommer, in dem gerade wenige Jobs reinkamen und es war zunächst eine Schnappsidee, als wir sagten: Wir stellen jetzt die teuersten Fotos nach. Wir haben das einfach gemacht. Nachdem wir das Bild gemacht hatten, sind wir rangegangen und haben das Motiv noch einmal mit dem Drumherum fotografiert. Dabei merkten wir, dass das eine zusätzliche Ebene einbringt. Im nächsten Schritt entfernten wir uns von den teuersten Fotos, weil wir schnell merkten: Schon Cindy Sherman funktioniert im Nachbau nicht. So sind wir schließlich bei den Bildikonen gelandet. Beim ewz-Preis in der Schweiz waren wir mit sieben oder acht Bildern aus der Serie vertreten und gewannen. Zu diesem Zeitpunkt merkten wir, dass das Interesse groß ist und das Thema in diese Zeit passt. Danach beschlossen wir, weiter daran zu arbeiten.

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.