Charlotte Schreiber

"Selbst das Alleinsein ist etwas, das man teilen kann"
23.05.2017

Charlotte Schreiber verbrachte 44 Tage in Japan. Mit ihrem Smartphone. Sie suchte nach einem Tapetenwechsel und fand die Erkenntnis. In unserem Interview berichtet die junge Fotografin über das Alleinsein und das Sammeln von Notizzetteln

 

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Charlotte Schreiber in Japan. Insgesamt 44 Tage lang fotografierte die junge Hamburgerin fast ausschließlich mit dem Smartphone

© Charlotte Schreiber

In Japan füllte sie ihr ganz persönliches „Notizbuch“. Die Fotografin aus Hamburg fotografierte vor Ort lediglich mit ihrem Smartphone. Herausgekommen sind Momentaufnahmen einer Frau, die sich selbst begegnete und dabei die Schönheit in der Einsamkeit fand. Die gesammelten Werke trug @charlotteschreiber in ihrem Bildband „Looking up to the sun through tears“ zusammen. Erschienen bei Gudberg Nerger.

fotoMAGAZIN: Liebe Charlotte, erzähle uns doch etwas über Dich: Was treibst Du so und womit verdienst Du Deine Brötchen?
Charlotte Schreiber: Ich bin 31 Jahre alt und lebe als freiberufliche Fotografin in Hamburg. Ein besonderes Faible habe ich für Licht, gute Drinks und gemeinsam Speisen an langen Tafeln.

fM: Dein Reisebericht über Japan liest sich so, als hättest Du eine sehr intensive Zeit dort verbracht. Welcher war der eindrucksvollste Moment für Dich und warum?
Schreiber: Es war in der Tat sehr intensiv, 44 Tage mit sich selbst allein zu sein. Und dabei durch ein Land zu reisen, das kulturell so verschieden ist, war ohne Frage im Gesamten eindrucksvoll. Es gibt einen Moment, der mir sehr Erinnerung geblieben ist und der – fast konträr zum einsamen Eindruck, den das Buch macht – etwas mit Begegnungen zu tun hat:

Nach etwas über zwei Wochen kam ich in Tamano an, einem kleinen Städtchen am Wasser in der Präfektur Okayama. Die Reise bis dahin war zwar schön, aber ich hatte Schwierigkeiten mit dem Alleinsein und ich begann mich zu fragen, ob der Trip an sich eine gute Idee war, ich wollte von mir weg und mich ablenken. Ich setzte mich an den kleinen Hafen und starrte auf das Wasser und auf die kleinen Inseln vor mir, als ein alter Fischer auf mich zukam und ein Gespräch begann. Ich spreche nach wie vor kein Wort japanisch und versuchte ihm klarzumachen, dass ich nichts verstand.

Wir unterhielten uns für ein kurze Wenigkeit mit Händen und Füßen: über das Wetter, das Wasser und ich glaube, über die Amerikaner. Er setzte sich und verstummte und wir saßen dort gemeinsam in Stille für eine Stunde etwa. Dann stand er auf und verbeugte sich tief und ging. Ab dem Augenblick war alles so einfach, es war als ob dieser alte Mann die Angst vor der Einsamkeit mitgenommen hätte. Das gemeinsam Stummsein löste den Knoten und ich setze die Reise fort mit dem Gefühl, dass selbst das Alleinsein etwas ist, was man teilen kann … und zwar mit sich.

 

fM: Ganz im Gegenteil zu Deinen Auftragsarbeiten finden wir in Deinem Bildband kaum Portraits. Und dennoch hast Du es geschafft, das Bild einer ganz persönlichen Reise zu zeichnen. Es wirkt fast, als würdest Du den Betrachter mit auf Deine Reise nehmen. War die Entscheidung, weniger Menschen zu fotografieren, eine bewusste Entscheidung?
Schreiber: Ich bin auf der ganzen Reise einfach sehr wenigen Menschen ‚begegnet‘. Das schöne an meinen Auftragsarbeiten ist ja, dass ich Menschen häufig über das Fotografieren kennenlernen darf. Ich sehe das als eine Auseinandersetzung mit meinem Gegenüber. Dafür muss aber ein Einverständnis und die Bereitschaft da sein, sich auf diese Art des Kennenlernens einzulassen.

Ich bin kein „Street Photographer“ und mir ist unwohl dabei diese Begegnungen zu forcieren. Ich mag die Rolle als Beobachter und deshalb tauchen in dem Buch zwar Personen auf, aber sie sind meistens einfach Protagonisten einer Zustandsbeschreibung: Für mich sind diese Bilder so etwas wie Notizzettel, auf denen ich diese Zustandsbeschreibungen skizziert und gesammelt habe.

fM: Mit welchem Smartphone hast Du Deine Notizen vor Ort erstellt?
Schreiber: Ich habe das iPhone 6S für mich als Werkzeug entdeckt. Die App "Afterlight" hilft mir bei der Bearbeitung meiner Bilder.

fM: Und war der Tausch „Kamera gegen Smartphone“ eine Art Türöffner für Dich? Glaubst Du, Du hättest mit einer großen Kamera gar andere Bilder gemacht?
Schreiber: Ich hatte ständig drei Kameras dabei. Meine geliebte, sehr schwere Pentax 67, eine Contax T2 und die Kamera in meinem Smartphone. Ich hatte zwar bewusst vor Beginn der Reise mein Smartphone geupgraded – damit ich gegebenenfalls auch damit zufrieden stellende Fotos machen kann – aber der Plan war, mit vielen belichteten Rollen Film nach Hause zu kommen … Es hat nur nicht sollen sein.

fM: Was ist passiert?
Schreiber: Ich fand es einfach befreiend mit wenig Gepäck und vor allem kurzen Handgriffen einzufangen, was ich sehe und notieren wollte. Mit der großen Kamera zu fotografieren, fühlte sich plötzlich wie Arbeit an. Und genau darum ging es mir in dieser Zeit nicht.  

fM: Du sprichst von Tokio als einsamste Stadt der Welt und auf mich wirkt Dein Buch tatsächlich, als wäre es Dir gelungen, eine sehr geschäftige Anonymität festzuhalten. Wirst Du Deine Reise fortsetzen oder konntest Du das Kapitel nach 44 Tagen schließen?
Schreiber: Mit der Veröffentlichung des Buches Looking Up To The Sun Through Tears sind diese 44 Tage sicherlich erstmal abgeschlossen. Es war eine Reise, an der ich immer noch zehre und in deren Gefühlswelt ich mich gerne zurückdenke. Ich glaube allerdings nicht, dass das Kapitel Japan für ich beendet ist. Es gibt noch so viel zu sehen!

fM: Hast Du seitdem weitere Orte bereist und mit Deinem Smartphone dokumentiert?
Schreiber: Ich habe mein Smartphone immer dabei. Beim Reisen oder Leben an anderen Orten, beispielsweise war ich auch in Jordanien und London unterwegs. Es ist mein ständiger Begleiter und ich nutze es tatsächlich wie ein Notizbuch, nur dass ich ehrlicherweise noch nicht ganz genau herausgefunden habe, wie ich diese Notizen am Besten verwahre.

fM: Und wo führt Euch die Reise als nächstes hin?
Schreiber: Ich hoffe auf Kuba Ende des Jahres und sicherlich nehme ich auch dort mein kleines Notizbuch mit hin!

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Anne Schellhase

Das jüngste Mitglied der fotoMAGAZIN Redaktion ist Anne Schellhase. Die studierte Sozialpädagogin fotografiert leidenschaftlich, vor allem analog, gerne als Lomographin - was in der Redaktion immer wieder zu interessanten Debatten führt. Anne kümmert sich um unseren Online-Auftritt und ist meist die Erste, die antwortet, wenn Sie auf dieser Seite kommentieren oder uns über Social-Media-Kanäle kontaktieren.