carla_sozzani_aufmacher.jpg

Carla Sozzani im Interview-Aufmacher
© Sara Scanderebech

Carla Sozzani

"Wie eine Reise durch mein Leben"
15.03.2017

Mit ihrem Blick für herausragende Fotografie hat Carla Sozzani die italienische Modeszene geprägt und eine großartige Fotosammlung zusammengetragen. Diese wurde von November 2016 bis Februar 2017 erstmals in Paris präsentiert. Wir baten Sozzani vor der Vernissage um ein Gespräch

 

master-45613730.jpg

Carla Sozzani: Ausstellungsraum

Blick auf den Ausstellungsraum in der Pariser Galerie Azzedine Alaïa, wo die Ausstellung „Between Art and Fashion“ mit Fotografien aus Sozzanis
Kollektion bis zum 26. Februar 2017 gezeigt wurde

© Sara Scanderebech

Als Chefredakteurin der Vogue, der Elle und als Mailänder Galeristin hat Carla Sozzani die italienische Fotoszene über Jahrzehnte mitgeprägt – und über all die Jahre eine imposante Fotosammlung zusammengetragen. Fabrice Hergott, Leiter des Musée d´Art Moderne in Paris, hat über 200 Prints aus dieser facettenreichen Kollektion für eine wunderbare Bilderschau in der Pariser Galerie von Azzedine Alaïa ausgewählt.

Die 69-Jährige erschien am 10. November blendend gelaunt zum Interview. Sie lachte viel, schien kurz vor der Vernissage völlig in sich zu ruhen und wenn sie von ihren Bildern sprach, funkelte die Begeisterung in ihren Augen. Diese Grande Dame der Modeszene sammelt nicht aus Spekulation, sondern weil sie die Fotografie liebt.

fotoMAGAZIN: Wie hat das alles angefangen, Frau Sozzani: Erinnern Sie sich noch an das erste Bild Ihrer Sammlung?
Carla Sozzani: Das erste Foto habe ich 1974 erworben. Es ist ein Portrait von Eingeborenen in Papua-Neuguinea, das Irving Penn gemacht hat. Damals bin ich viel durch Afrika gereist und war fasziniert von dieser Aufnahme. Man könnte meinen, ich hätte eine Modefotografie gekauft, aber so war es nicht. (Lacht)

master-45613747.jpg

Carla Sozzani 01

Louise Dahl-Wolfe: „Twins at the Beach“, 1955

© Louise Dahl-Wolfe © Courtesy Staley-Wise Gallery

Von einer „Sammlung“ habe ich allerdings nie gesprochen. Für mich sind diese Bilder eher eine Reise durch mein Leben, eine Art fotografisches Tagebuch. Ich war immer verrückt nach der Fotografie, ohne dass mir das bewusst wurde. Sie gehörte einfach dazu. Es war mir auch nie wirklich bewusst, dass ich schon so viele Bilder besitze. Ich lebe ja mit ihnen und habe sie nie gezählt. Als Azzedine Alaïa mich bat, diese Ausstellung zu machen und Fabrice Hergott die Bilder auswählte, habe ich zum ersten Mal das Gefühl bekommen, eine Sammlung zu besitzen.

fM: Wie viel erzählen uns diese Bilder über Sie?
Sozzani: Ich glaube, man kann mich darin erkennen. Angesichts der Tatsache, dass ich viel Zeit in der Modebranche verbracht habe, scheinen aber überraschend wenige Modefotos dabei zu sein.

fM: Auch Landschaftsbilder finden sich hier nicht sonderlich viele. Bedeutet das, dass ...
Sozzani: ... ich am Wochenende niemals aufs Land fahren würde! (Lacht) Ich bin eben ein Stadtmensch.

Fotografie ist für mich schwarzweiß, Gemälde sind farbig

master-45613816.jpg

Carla Sozzani 02

František Drtikol: „Dancers“, 1930

© František Drtikol © Courtesy Museum of Decorative Arts Prag – Ruzena Knotkova

fM: Fabrice Hergott meint, dass eine Erklärung für die vielen Portraits in dieser Sammlung in Ihrer Kindheit liegen könnte: Bei den vielen prägenden Kirchenbesuchen jener Zeit, den Gemälden, die Sie dabei sahen.
Sozzani: Das stimmt. Aus demselben Grund besitze ich übrigens so viele Schwarzweißfotos. Ich bin mit klassischen Renaissance-Gemälden aufgewachsen. Für mich sind Gemälde farbig und die Fotografie schwarzweiß – mit einer ganz eigenen Bildsprache.

fM: Was muss ein Foto an sich haben, damit bei Ihnen das Verlangen entsteht, es besitzen zu wollen?
Sozzani: Das ist schwer zu sagen. Das Thema, das Licht und auch der Fotograf sind sicher mitentscheidend. Zu einigen Bildern fühle ich mich mehr hingezogen, weil sie von meinen Freunden stammen. Außerdem würde ich mir immer eher etwas Zeitloses als etwas Momentgebundenes aussuchen.

fM: Sie besitzen eine Galerie in Mailand. Ist Ihr Blick als Galeristin ein anderer als Ihr Blick als Sammlerin?
Sozzani: Nein, weil meine Galerie nicht sonderlich kommerziell ausgerichtet ist. Es ging mir immer darum, das, was ich mag, zu kommunizieren und mit anderen zu teilen.

master-45613728.jpg

Carla Sozzani 03

Arthur Elgort: „Azzedine Alaïa und Naomi Campbell“, 1987

Arthur Elgort © Arthur Elgorth

fM: Worum geht es Ihnen beim Sammeln – steckt dahinter der Wunsch, etwas zu besitzen?
Sozzani: Ich definiere mich überhaupt nicht als Sammlerin. Ich möchte die Bilder behalten, weil sie mir etwas bedeuten und schön sind. Ich bin gerne von schönen Dingen umgeben. Sie machen mir Freude und haben deshalb einen Wert für mich.

fM: Könnten Sie sich vorstellen, Ihre Sammlung eines Tages zu verkaufen?
Sozzani: Nein, fürs Erste möchte ich sie behalten. Vielleicht wird meine Tochter sie eines Tages verkaufen. Sie spürt natürlich nicht die gleiche Leidenschaft für sie wie ich.

fM: Sie haben mittlerweile 40 Jahre Sammelerfahrung. Haben sich Ihre Interessen mit der Zeit verändert?
Sozzani: Im Wesentlichen sind meine Vorlieben gleich geblieben. Ich habe nach wie vor einen eher klassischen Blick.

fM: Die Preise für Fotografie haben in den letzten Jahren zum Teil astronomische Höhen erreicht. Wie viel kaufen Sie heute noch?
Sozzani: Nicht viel. Ich befinde mich jetzt in einer Lebensphase, in der es eher an der Zeit ist, Inventur zu machen.

Dieses Interview ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 02/2017 erschienen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.