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Aufmacher Bruce Davidson
© Bruce Davidson/ Magnum Photos

Bruce Davidson

"Ich bin noch immer der kleine Junge mit der Kamera"
12.10.2017

Bruce Davidson gehört zu den Stars der Dokumentarfotografie. Ob rebellische Jugendliche, US-Bürgerrechtsbewegung oder die Lebensumstände sozial Benachteiligter – Davidson fand immer eine intime Nähe zu den Abgebildeten. Mit uns sprach der 83-jährige Magnum-Fotograf über sein Leben als Einzelgänger und seinen Zugang zur Fotografie

 

Ein strahlender Sommertag beim Wiener Fotobuchfestival im Juni 2017. Bruce Davidson ist mit zwei Assistentinnen einige Tage vor der Eröffnung seiner Retrospektive bei WestLicht angereist und signiert hier seine Bildbände. Davor nimmt er sich Zeit für unser Interview, spricht jetzt mit leiser Stimme über sein Leben und seine herausragende Karriere.  

fotoMAGAZIN: Ihre Biografin Vicki Goldberg hat über Sie geschrieben: „Er war ein Einzelgänger und die Fotografie gab ihm einen Grund, einer zu sein.“ Haben Sie das auch so empfunden?
Bruce Davidson: Das ist schon richtig. Als ich etwa 15 Jahre alt war, war die Kamera mein bester Freund – und zugleich auch mein Lexikon. Außerdem musst du sowieso manchmal allein sein, um gute Fotos zu bekommen. Am liebsten bin ich ganz allein unterwegs. Allerdings habe ich auch drei Filme gedreht und dabei hat es mir durchaus gefallen, in ein Team eingebunden zu sein. Heute arbeite ich zwar weiter allein, habe aber immer ein paar Helfer dabei, die aufpassen, dass ich nicht hinfalle.

fM: Als Sie beispielsweise mit der „Brooklyn Gang“ arbeiteten, mussten Sie 1959 auch in der Lage sein, auf diese jungen Leute zuzugehen, sie zu öffnen. Diese Fähigkeit zur schnellen Kontaktaufnahme muss genauso immer eines Ihrer Talente gewesen sein.
Davidson: Damals war ich ein Einzelgänger und diese Jungs spürten, dass ich mich bestimmten Aspekten des Lebens stellte. Im Falle des kleinwüchsigen Zirkus-Clowns Jimmy Armstrong (1958) konnte ich mich ebenfalls sehr gut in dessen Leben einfühlen. Ich bin ja selbst nicht gerade ein Riese (lächelt).

fM: Als Sie Ihre ersten Zirkusbilder machten, waren Sie nach eigenem Bekunden noch ein Romantiker. In den 1960er-Jahren, als Sie erneut im Zirkus fotografierten, betrachteten Sie sich bereits als Realist. Was hatte sich zwischenzeitlich verändert?
Davidson: Das Leben! Die alten Zirkuszelte wie bei den Ringling Brothers waren wichtig. Diese sind verschwunden. Sobald die Zirkusse in die riesigen Hallen umzogen, ging etwas verloren. Das brachte mich zum Nachdenken, was in der Zwischenzeit passiert war.

fM: Hatten Sie sich in der Zeit auch verändert?
Davidson: Nicht so sehr. Ich bin noch immer der kleine Junge mit der Kamera geblieben: Ich mag die Fotografie und liebe es, zu fotografieren.

fM: Sie haben im Alter von zehn Jahren zu fotografieren begonnen. Was von dem Bruce von damals finden Sie heute noch in sich?
Davidson: Von dem Jungen habe ich mich nicht weit entfernt. Das Entdecken war immer sehr wichtig für mich als Fünfzehnjähriger. Ein paar Bilder von damals haben übrigens überlebt.

Die Kamera hat mir Manieren beigebracht. Mit ihr lernte ich, wie man sich respektvoll benimmt

fM: Erinnern Sie sich an das erste Foto, auf das Sie richtig stolz waren?
Davidson: Ich habe ein ganz schlichtes Bild einer Frau mit einer Art Turban gemacht. Dieses Bild zeigt, dass ich mir bei der Aufnahme etwas gedacht habe. Ich versuche mich zu erinnern, wer das war. So mit 15 Jahren ließ ich die Leute in Chicago oft für mich posen.

fM: Für Sie war die Kamera ein Instrument, um etwas über die Welt zu erfahren. Was war die wichtigste Lektion, die Sie dabei gelernt haben?
Davidson: Ich lernte mit ihr, wie man sich jemanden nähert, wie man sich respektvoll benimmt. Die Kamera hat mir Manieren beigebracht.

fM: Was wäre aus Ihnen ohne eine Kamera geworden?
Davidson: Ich könnte mich ohne Kamera niemanden nähern. Mit ihr habe ich ein Werkzeug. Mit einer Kamera wirkst du seriöser auf die Leute.

fM: In welcher Phase Ihres Lebens haben Sie als Fotograf am meisten gelernt?
Davidson: Wissen Sie, ich bin einfach immer länger geblieben als die anderen. Die meisten machten einen schnellen Schnappschuss und gingen weiter – insbesondere die jungen Fotografen. Ich blieb solange, bis ich das Gefühl hatte, dort etwas gelernt zu haben. Die Person, die ich fotografierte, lernte dabei auch etwas. Das war bei „East 100th Street“ so, aber auch schon früher. Bei der „Brooklyn Gang“ und selbst bei meinen Bildern von John und Kate Wall. Diese hatte ich sehr früh fotografiert und diese Arbeit ging in die Tiefe. Ich lebte mit ihnen.

fM: Haben Sie sich diesen Ansatz intuitiv gewählt oder war es eine ganz bewusste Entscheidung, länger zu bleiben?
Davidson: Ich versuchte, den wahren Grund meiner Anwesenheit zu finden. Ich wollte lernen, was mich ausmacht. Die Walls lebten im Westen Amerikas. Ich bin noch mit dem Gedanken aufgewachsen, dass dort Cowboys und Indianer lebten. Dann ist der Westen immer mehr verschwunden. Es gibt ihn zwar noch immer, aber er ist jetzt anders. Dieses Paar lebte mal von den dortigen Minen, doch die Minen hatten bereits dicht gemacht. Sie waren Überbleibsel einer vergangenen Zeit. Ich lernte in der Zeit mit ihnen etwas über sie und ich lernte etwas über das Alter. Sie waren in den Achtzigern und Neunzigern. Ich merkte, dass ich ein Teil ihres Lebens sein konnte. Sie akzeptierten mich. Damals war ich noch als GI bei der US-Army. Das hatte ich ihnen erzählt und das hatte sicher auch einen Einfluss auf ihre Einstellung zu mir.

Ich bin einfach immer länger geblieben. Ich blieb bis ich das Gefühl hatte, etwas gelernt zu haben

fM: Sie sind der Meinung, dass Sie es jenen Menschen schuldig sind, die sich Ihnen gegenüber öffnen, länger zu bleiben. So geben Sie etwas von sich zurück. Sind die Fotografen Ihnen heute oft zu ausbeuterisch veranlagt, wenn Sie knipsen und gleich wieder verschwinden?
Davidson: So ist doch die ganze Gesellschaft strukturiert! Wir leben heute ganz anders als unsere Großväter. Es hat sich viel verändert. Die Gesellschaft ist jetzt auch gewalttätiger.

fM: Was bedeutet das für die Fotografie?
Davidson: Hier kann ich nur von mir sprechen. Mich zieht es jetzt mit meinen 84 Jahren ins Museum für Naturgeschichte. Dort interessieren mich die Dioramen und die ausgestopften Tiere. Ich suche nach neuen Perspektiven. Ob Adler oder Neandertaler – mit meiner Kamera finde ich ein Bild, das der Besucher so nie zu Gesicht bekommt. Die Leute bleiben nie länger und haben auch nicht das visuelle Verständnis. Meine Fotos aus dieser Serie sind alle analog. Ich hatte 50 Schachteln mit alten Agfa-Filmen im Eisschrank. Für dieses Projekt beschloss ich, mit diesen Schwarzweißfilmen zu arbeiten und die Bilder anschließend selbst abzuziehen.

fM: Sie machen Ihre Abzüge noch selbst?
Davidson: Ich war dafür etwa einen Monat in der Dunkelkammer und habe 100 Prints abgezogen. Das hat mir Spaß bereitet und die Fotos sind wirklich schön geworden.

fM: Was hat Sie zu diesem Thema gebracht?
Davidson: Es ist die Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Sterben. Ich möchte diese Ausstellungsstücke zum Leben erwecken. Sie hatten ihr Leben und ihren Tod. Und ich will sie reanimieren.

fM: Ist es nicht interessant, dass unsere Gesellschaft die Taxidermie heute eher ablehnt?
Davidson: Die Leute mögen den Gedanken nicht, dass ein Vogel für ein Präparat sterben musste. Das Wichtigste hier ist, dass mich niemand gebeten hat, das zu fotografieren. Es war keine Auftragsarbeit. Im Museum gibt es ein Schild: Keine Fotos mit Blitz oder Stativ. Ich habe mit beidem gearbeitet. Ich hab mich einfach rumgeschlichen (grinst).

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Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.