Ausbildung Fotograf: Quereinstieg vs. Studium vs. Lehre

3 Experten im Interview
22.03.2018

Viele Wege führen zum Erfolg. Doch welcher bereitet Sie am besten auf den Fotografen-Job vor? Wir haben drei Experten zum Thema „Ausbildung Fotograf” befragt. Mit uns sprachen sie über die Vor- und Nachteile von Lehre, Studium und Quereinstieg.

Träumen Sie nicht auch manchmal von der großen Fotografenkarriere? Davon, große Kampagnen zu shooten, samt Ausrüstung, Assistenten und dem feinsten Equipment um die Welt zu fliegen? Vielleicht haben Sie ja auch schon einmal über die Fotografenlehre bzw. das Studium der Fotografie nachgedacht. Eventuell gehören Sie auch eher zur Gattung der Autodidakten und versuchen es mit dem Quereinstieg: Wie auch immer Ihr Weg aussehen mag: Wir haben drei Experten zu dem Thema befragt. Sie alle sind Experten auf ihrem Gebiet, haben jedoch völlig verschiedene Wege eingeschlagen. Von ihnen wollten wir wissen, wo sie die Vor- und Nachteile Ihres Einstiegs verorten und welche Tipps sie für Anfänger haben.

Als Quereinsteiger musst Du lange suchen, um jemanden zu finden, der Dir die Branche erklärt.

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Autodidakt_Steffen Böttcher

Steffen Böttcher hält seit über zehn Jahren den schönsten Tag im Leben zweier Menschen fest. Dabei begann seine fotografische Karriere bereits in Kindheitstagen, ist er doch der Sohn eines Fotografen. Nachdem er sich zunächst der Werbebranche widmete, fand er Anfang der 2000er zurück zu seinen Wurzeln. Als Hochzeitsfotograf ist Böttcher mitlerweile auch international unterwegs.

© Steffen Böttcher

Der Autodidakt: Steffen Böttcher

‚Learning by doing‘ lautet seine Devise. Der ehemalige Grafik-Designer ist seit 2008 als Autodidakt tätig. Mit Erfolg, denn der „Stilpirat” fotografiert nicht nur hauptberuflich, er nimmt Fotografen und solche, die es mal werden wollen, einige Male im Jahr mit auf Fotoreise.

fotoMAGAZIN: Würden Sie anderen empfehlen, den Einstieg ebenfalls ohne Ausbildung zu versuchen?
Steffen Böttcher: Das hängt immer davon ab, welche Ziele und welchen Anspruch du hast. Ich finde, dass die Fotografie und auch die Technik sich in den letzten Jahren so rasant entwickelt hat, dass die klassische Lehre nicht unbedingt etwas bringt. Hinzu kommt, dass die Kameras einfach zu bedienen sind und dir viel Mühe abnehmen. Ich verteufle das Studium und die Lehre zwar nicht, habe bisher aber niemanden getroffen, der davon geschwärmt hat, wie toll seine Ausbildung war. Um im Markt zu bestehen, bringt es dir nichts, weil die Budgets für Fotografen permanent sinken. Die Unternehmen setzen heute immer weniger auf Fotografen, dafür aber immer mehr auf Influencer.

Du lernst nicht, weil du im Klassenzimmer sitzt, sondern weil du vor Ort gescheitert bist und es beim nächsten Mal einfach besser machst.

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suche_Wie werde ich Fotograf

Den eigenen Stil zu finden könnte Autodidakten unter Umständen leichter fallen: Sie müssen sich nicht an ein vorgegebenes Korsett halten und können sich so frei entfalten. Dies erfordert allerdings sehr viel Disziplin und Fleiß.

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fotoMAGAZIN: Halten Sie den Quereinstieg für den schwierigeren Weg in die Branche?
Böttcher: Nein, denn ich glaube, dass der Quereinstieg immer noch sehr erfolgreich sein kann, weil du dir die Chance gibst, dich anders zu entwickeln und dich nicht an ein Korsett hältst, dass dir vorgegeben wird. Gerade Quereinsteiger haben einen viel unkomplizierteren Umgang mit der Fotografie. Sie sind viel spielerischer und freier, als ausgebildete Fotografen.

fotoMAGAZIN: Haben es Lehrlinge und Studenten aufgrund gegebener Rahmenbedingungen schwerer, einen eigenen Stil zu entwickeln?
Böttcher: Das kann man pauschal nicht beantworten, weil es immer darauf ankommt, welche Lehrer du hast. Ich weiß von einigen Fotografinnen, die in München studieren und denen das Studium unglaublich geholfen hat, einen eigenen Stil zu finden. Andererseits kenne ich auch viele Studenten und Lehrlinge, die einen eigenen Stil nicht für nötig halten, weil sie am Markt sowieso so fotografieren müssen, wie es der Auftraggeber vorgibt.

Als Quereinsteiger musst du lange suchen, um jemanden zu finden, der dir die Branche erklärt.

fotoMAGAZIN: Hatten Sie als Autodidakt auch Nachteile?
Böttcher: Ich sehe überhaupt keine Nachteile, weil ich mir meine Ausbildung selbst zusammengestellt habe, ganz nach meiner Interessenlage. Ich finde, dass eben auch Niederlagen dazugehören. Diese brachten im Grunde meine größten Lernkurven. Ich glaube, dass ich hier für fast jeden Fotografen sprechen kann: Du lernst nicht, weil du im Klassenzimmer sitzt, sondern weil du vor Ort gescheitert bist und es beim nächsten Mal einfach besser machst. Und weil die Erfahrung und das damit angeeignete Wissen einfach aus der Praxis kommen und nicht aus der Theorie.

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gehirnschmalz_Wie werde ich Fotograf

Als Autodidakt ist Networking das A und O. Man lernt von den Erfahrungen anderer: Wie sieht eine realistische Kalkulation aus? Woher erhalte ich mein technisches Know-how? Was gilt es in Sachen Rechteübertragung zu beachten? All dies sind Fragen, mit denen sich jeder Fotograf auseinandersetzen muss.

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fotoMAGAZIN: Was sind die größten Herausforderungen für Quereinstieger?
Böttcher: Als Quereinsteiger musst du lange suchen, um jemanden zu finden, der dir die Branche erklärt. Technisch hat mir nichts gefehlt. Ich glaube aber, dass ich vielleicht betriebswirtschaftlich ein bisschen besser hätte vorbereitet sein können, speziell was die Marktpreise betrifft: Wie erstellt man eine vernünftige Kalkulation für den Kunden? Wofür wird dein Foto genutzt? Gibt es Rechteübertragungen und wie werden diese berechnet? Da habe ich am Anfang ein bisschen mehr rumgefragt. Aber auch hier hat sich der Markt in den letzten Jahren so rasant entwickelt, dass es keine Pauschal-antwort gibt. Heute habe ich einen festen Stunden- und Tagessatz und schaue natürlich auch immer drauf, ob ich das unbedingt machen will. Wenn das ein Job ist, auf den ich total Lust habe, dann bin ich vielleicht eher bereit zu verhandeln. Aber auch das verändert sich. Wie gesagt: Die Budgets der Agenturen und Bildredaktionen sind im Moment im Keller. Du kannst heute nur noch übers Netzwerken überleben und musst wahnsinnig fleißig sein.

fotoMAGAZIN: Ist die Selbstvermarktung der Schlüssel zum Erfolg?
Böttcher: Dass du als Fotograf dein Handwerk verstehst, ist leider kein Garant dafür, im Markt zu bestehen. Wichtig ist, dass du auf die Wünsche des Kunden eingehst, nicht nervst, Gefühl mit rein bringst, dass du deine Kunden bewusst aussuchst, statt jeden Auftrag anzunehmen, und Networking betreibst. Viel redest. Das ist glaube ich viel erfolgversprechender, als diese grundsolide Handwerksnummer. Gelernt habe ich das nie und ich mache wahrscheinlich ganz viele Dinge falsch. Die Algorithmen der sozialen Medien ändern sich ständig. Man müsste sich permanent damit auseinandersetzen und das tue ich einfach nicht. Ich konzentriere mich auf die Fotografie und auf das Netzwerken.

fotoMAGAZIN: Welche Eigenschaften brauchst du, um als Fotograf erfolgreich zu sein?
Böttcher: Als Fotograf musst du viel mehr Mensch sein, als Techniker. Die Kameras sind mittlerweile alle so gut. Durch den elektronischen Sucher siehst du immer gleich das Ergebnis. Die Technik ist irgendwie ein bisschen zweitrangig geworden. Du musst ein kommunikativer Mensch sein. Wenn du reden kannst, wenn du auf Menschen zugehen kannst und keine Scheu vor ihnen hast, wenn du schwierige Situationen lösen kannst, dann ist das die halbe Miete. Das ist viel wichtiger als alles andere.

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Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Anne Schellhase

Das jüngste Mitglied der fotoMAGAZIN Redaktion ist Anne Schellhase. Die studierte Sozialpädagogin fotografiert leidenschaftlich, vor allem analog, gerne als Lomographin - was in der Redaktion immer wieder zu interessanten Debatten führt. Anne kümmert sich um unseren Online-Auftritt und ist meist die Erste, die antwortet, wenn Sie auf dieser Seite kommentieren oder uns über Social-Media-Kanäle kontaktieren.