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Fotograf Arno Rafael Minkkinen
Fotograf Arno Rafael Minkkinen | Foto: © Manfred Zollner

Arno Rafael Minkkinen

Die nackte Natur
03.03.2020

Seit mehr als 45 Jahren durchwandert Arno Rafael Minkkinen mit seiner Kamera die Landschaft, balanciert waghalsig am Rande der Niagara-Wasserfälle oder gräbt sich für ein gutes Bild nackt im Schnee ein. Ein Gespräch über die Narben der Kindheit und den Mut zum Risiko.

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Fotograf Arno Rafael Minkkinen im Schnee

"Saunderstown, Rhode Island", 1974

© Arno Rafael Minkkinen

Wenn wir den Körper als skulpturale Landschaft betrachten, dann ist Arno Rafael Minkkinen gewissermaßen eine Art Landschaftsgestalter mit Kamera, der in seinem Werk eine harmonische Verbindung zwischen Natur und Körper aufbaut. In den meisten Fällen geschieht dieses Zusammenwirken zwischen der Natur und seinem Körper. Die Bildinszenierungen des in Finnland geborenen Amerikaners sind in seinen Augen immer Selbstportraits und "der ehrlichste Versuch, einen Gleichklang zwischen mir und der Natur herzustellen." Viele Mythen arbeiten mit dem Motiv des Körpers als Landschaft, Urvölker sahen in den Formen der Natur menschliche Wesenszüge. Die Lakota-Indianer in South Dakota erkennen beispielsweise in den Hügeln der Badlands ein liegendes Wassermonster namens Unktehi. Australiens Aborigines sehen in den Felsen und Höhlen ihrer Heimat die Körper der Urahnen.

Foto per Selbstauslöser

Minkkinens Inszenierungen, sind surreal, von stiller Poesie und schaffen eine derart vollkommene Einheit von Körper und Umgebung, dass das Ergebnis oft an die Trompe l´Oeil-Malerei erinnert, wenn der Körper mit der Umgebung morpht. Minkkinens Aufnahmebedingungen stellen ihn bisweilen vor mächtige Herausforderungen. Der in den USA lebende Künstler sieht sich als Dokumentarfotograf, der die (von ihm selbst inszenierte) Wirklichkeit abbildet. Im Unterschied etwa zu den Werken von Jerry Uelsmann wird in seinen Bildern nichts manipuliert und collagiert. Minkkinen konzipiert ein Motiv, stellt seine Kamera auf und macht ein Bild per Selbstauslöser.

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Fotograf Arno Rafael Minkkinen

"Fosters Pond", 2011

© Arno Rafael Minkkinen

Bevor er zur Fotografie kam, war Arno Rafael Minkkinen ein erfolgreicher Werbetexter in New York. Im Auftrag der Firma Minolta ersann Minkkinen 1970 einen Slogan. Was bei ihm selbst in der Folge passierte, war, dass er seinen gut bezahlten Job als „Mad Man“ in der Madison Avenue schmiss und von einem Tag auf den anderen beschloss, Fotograf zu werden. Er studierte an der Rhode Island School of Design unter Harry Callahan und Aaron Siskind, zwei wichtigen Wegbereitern der Fotogeschichte des 20. Jahrhunderts.
Heute ist Minkkinen selbst einer der bedeutendsten Fotografen der Gegenwart. fotoMAGAZIN-Chefredakteur Manfred Zollner hat mit ihm gesprochen:

Warum ich mich immer selbst fotografiere? Weil ich keine anderen in Gefahr bringen möchte.

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Viele der Bilder von Minkkinen entstehen in der Natur

"Oulujärvi Afternoon, Paltaniemi, Kajaani, Finland", 2009

© Arno Rafael Minkkinen

fotoMAGAZIN: Sie sind beim Fotografieren immer persönliche Risiken eingegangen und haben über die Euphorie berichtet, die die in diesen Augenblicken ergreift. Sind Sie über die Jahre eher risikobereiter geworden oder vorsichtiger?
Arno Rafael Minkkinen: Als ich vor vielen Jahren die Gelegenheit hatte, Dalsnibba, ein bekanntes Fjord-Vorgebirge in Norwegen, zu besuchen, zögerte ich keinen Augenblick, nachdem ich vom dortigen Kulturattaché die Erlaubnis bekommen hatte, ein Bild an der Kante zum Abgrund so umzusetzen, wie ich das wollte. „Wissen Sie überhaupt, was ich hier tue?", fragte ich ihn mit einem Lächeln im Gesicht. „Seien Sie unser Gast!“ Splitterfasernackt dort an den Abgrund zu gehen war wohl eine etwas andere Art von Plankengang, als bei dem mit Seil und Spitzhacke ausgerüsteten Bergsteiger auf Postkartenmotiven, der jener sanften Briese trotzt, die sich nun um mich wickelte wie ein loses Saunatuch. Diese Erfahrung fand ich spirituell überaus anregend. Als ich dann einige Monate später das dabei entstandene Negativ sah, war es eine große Freude, die Gewissheit zu bekommen, dass mein Kopf und meine Schultern entlang der fernen Horizontlinie im Bild genau dort waren, wo ich gehofft hatte. Ich blieb über die Jahre nur ein kleiner Dirigent unter den Spielern des großen Universums. Wenn ich die potenziell gefährlichen Bilder, die ich in den letzten fünf Jahrzehnten gemacht habe, aufzählen würde, könnten Sie denken, ich wäre als Mensch einfach nur unfähig, wenn es darum ginge, Wege zu finden, wie man diese Welt verlassen kann. Doch ich liebe diesen Planeten viel zu sehr!

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Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.