Andreas H. Bitesnich

Akte, Inspirationen und die Gelassenheit, die mit der Erfahrung kommt
25.04.2014

Zu seinem 50. Geburtstag blickte eine Retrospektive im Kunst Haus Wien auf das Schaffen von Andreas H. Bitesnich. fotoMAGAZIN bat den Starfotografen im Februar 2014 zu einem Gespräch.

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Akt-Ikone: Irina

Akt-Ikone: Irina, Wien 2005

© Andreas H. Bitesnich

fotoMAGAZIN: Wie hat sich die Aktfotografie in den letzten 25 Jahren verändert?
Andreas H. Bitesnich: In den 90er-Jahren dominierte das Gefühl, dass sich die Sicht auf den Körper liberalisiert hatte. Nacktheit in der Werbung hatte etwas Natürliches, etwas Selbstverständliches. Heute ist die Risikobereitschaft geringer, mit Nackten zu werben. Zugleich hat sich jedoch die gesellschaftliche Einstellung zur Aktfotografie durch das Internet liberalisiert. Dort findet jeder reichlich Erotik, aber das Forum dafür ist privater. Zwischenzeitlich hat die Aktfotografie auch Zugang ins Kunstbuch gefunden. Aktbilder sehen heute anders aus, als in den 90er-Jahren. Wir haben ein anderes Schönheitsideal und andere Models. Es gibt mehr Mut zu speziellen Typen.

fotoMAGAZIN: Hat sich auch Ihre Einstellung zur Aktfotografie verändert?
Bitesnich: Ich bin weniger leicht zu begeistern. Umso glücklicher bin ich, wenn ich dann ein Bild habe, das mir gut gefällt. Es sind oft Feinheiten, die mich erfreuen. Die Sprache wird verfeinert. Durch die digitale Fotografie ist die Herangehensweise direkter und unbeschwerter geworden.

fotoMAGAZIN: Steckt die Aktfotografie heute in der Krise? Bitesnich: Eine Krise sehe ich nicht. Es gibt mehr Sammler für Aktfotos als je zuvor. Und mehr Angebote – durch die Blogger-Generation. Allerdings stelle ich fest, dass der Fotograf mehr in den Hintergrund tritt. Vieles ist von Amateuren, die froh sind, wenn eines ihrer Bilder veröffentlicht wird.

fotoMAGAZIN: Was überrascht Sie am meisten, wenn Sie auf Ihre 25-jährige Karriere blicken?
Bitesnich: Ich mache jetzt die Sachen, die ich zu Beginn meiner Karriere nicht wagte. Ich muss mir nichts mehr beweisen und kann heute tun, was ich will. Diese Leichtigkeit musste ich mir erst erarbeiten. Ich bin ein eher zurückhaltender Mensch, aber die Erfahrung gibt mir Sicherheit und den Mut, von gewohnten Wegen abzuweichen.
 

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"Telefonat" aus Deeper Shades #3

Motiv aus dem Bildband Deeper Shades #3/Paris: "Telefonat", 2012

© Andreas H. Bitesnich

fotoMAGAZIN: Sie haben in Ihrer Arbeit immer wieder neue stilistische Wege gesucht. Was treibt Sie hier an? Bitesnich: Der Amerikaner Irving Penn hatte einen großen Anteil daran. Sein Werk zeigte mir früh eine große Bandbreite zwischen Portrait, Akt, Stills und Mode. In meinem Umfeld war ich zunächst viel eingeschränkter. Natürlich finde ich es auch unterhaltsam, unterschiedliche Dinge anzupacken. Heute ein Portrait, morgen einen Bildband über Tokio. So kommt keine Langeweile auf. Oft weiß ich – wie bei meinem Indien-Bildband – schon vor einem Projekt, welchen Look ich haben möchte.

fotoMAGAZIN: Seit einigen Jahren veröffentlichen Sie auch im Eigenverlag Bildbände. Wieso haben Sie diesen Schritt gemacht?
Bitesnich: Das gibt mir die Möglichkeit, Dinge so zu machen wie ich sie möchte. Ein großer Verlag wie teNeues ist für mich als Künstler wichtig, weil er eine gute Distribution garantiert. Kleine Herzensprojekte mache ich im Eigenverlag. Beides funktioniert gut und trifft ein ganz anderes Publikum.

fotoMAGAZIN: Sind Sie bereit, dabei große unternehmerische Risiken einzugehen?       
Bitesnich: Ich bin vorsichtig. Meine Eigenprojekte sehe ich als Investment in mich selbst. Das ist auch nicht mehr Druck als sonst. Wenn ich einen Werbeauftrag bekomme, in den eine Firma viel Geld investiert, dann kann ich den auch nicht in den Sand setzen. In diesen Momenten habe ich noch nie Druck verspürt. Wenn Du groß denkst, passieren die Dinge größer. Es ist wichtig zu wissen, dass etwas funktioniert und das auch auszustrahlen. Ich bin erst mit 25 Jahren in den Job als Fotograf eingestiegen. Da wusste ich, dass es ein Job ist, mit dem ich mein Leben finanzieren muss.

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Indische Straßenszene

Indische Straßenszene: "Neun Taxen", Kalkutta 2008

© Andreas H. Bitesnich

fotoMAGAZIN: Stehen hinter einzelnen Entwicklungsschritten in Ihrem Werk ganz bestimmte Lebensphasen?
Bitesnich: Bei meinem Indien-Bildband kann ich das eindeutig sagen: 2005/2006 habe ich in meinem Leben nach etwas gesucht, hatte mich davor kurz in Richtung Musik orientiert. Diese Reise hat die Dinge wieder gerade gerückt und mich wieder zur Fotografie geführt.

fotoMAGAZIN: Hat sich Ihre Art zu portraitieren über die Jahre verändert?
Bitesnich: Ich komme den Menschen näher, stehe jetzt oft mit nur 20 Zentimeter Abstand vor einem Gesicht. Das macht die Motive runder und kompakter. Wichtig ist, dabei schnell zu arbeiten, wegen des Überraschungseffektes.

fotoMAGAZIN: Ist es heute für Sie einfacher, Prominente zu portraitieren, da Sie selbst berühmt sind?
Bitesnich: Ich merke, wenn jemand entspannt ist, dann lässt er mich auch an sich ran. Vertrauen ist die Quintessenz. Dabei hat es durchaus seinen Reiz, wenn mal jemand wirklich schwierig ist: Dann mache ich eben ein „knackiges“ Foto und er bekommt das Kontrastprogramm.

fotoMAGAZIN: Kollidiert das Resultat bei Prominenten häufig mit dem Selbstbild?
Bitesnich: Oft wachsen die Leute erst in meine Portraits rein. Manchmal landet das Foto erst nach zwei Jahren im Vorzimmer, weil die Darstellung zunächst gewöhnungsbedürftig ist. Vielleicht müssen manche erst so alt werden, wie sie auf dem Foto aussehen (schmunzelt).

fotoMAGAZIN: Sie sammeln seit Jahren Fotobücher. Wie hat diese Leidenschaft angefangen?
Bitesnich: Mein erster Bildband war 1984 „Erotische Fotografie in Amerika heute“(Taco Verlag). Es ist wohl der Jäger in mir, der auf die Jagd nach Bildern geht und eben auch Bücher sammelt. Der Jäger, der über Jahre ein Fotobuch sucht und es schließlich irgendwo in der Welt aufstöbert.

Das Interview wurde im fotoMAGAZIN 4/2014 veröffentlicht.

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.