Anders Petersen

Anders Petersen
© Anders Petersen/Courtesy Schirmer/Mosel Verlag München

Anders Petersen

Subjektiv geprägte, engagierte Dokumentarfotografie
08.02.2018

Sein Bildband über das legendäre Hamburger Café Lehmitz machte ihn berühmt. 50 Jahre später kehrt Anders Petersen mit seinen Bildern der Reeperbahn-Kneipe zurück in die Hansestadt und zeigt sie ab heute in der neuen Freelens-Galerie.

 

 

unknown_0.jpeg

Portrait von Anders Petersen im Februar 2018

Portrait von Anders Petersen im Februar 2018.

© Manfred Zollner

Mit seinen Bilder vom Hamburger Café Lehmitz im Jahr 1968 ist Anders Petersen weltberühmt geworden. 50 Jahre später kehrt der Schwede mit seinen Bildern der Reeperbahn-Kneipe zurück in die Hansestadt und zeigt sie ab heute in der neuen Freelens-Galerie (Alter Steinweg 15). Aus diesem Anlass veröffentlichen wir ein Interview, das wir mit Anders vor ein paar Jahren während seiner großen Ausstellung im Berliner Willy-Brandt-Haus gemacht haben.

fotoMAGAZIN: Haben Sie manchmal das Gefühl, dass sich die Fotografie im Zeitalter von Photoshop immer mehr zu einer visuellen Lüge entwickelt?
Anders Petersen: Bei der Fotografie ist es nie um die Realität, um Wahrheit oder Lüge gegangen. Es ist nicht einmal um die Fotografie gegangen.

fotoMAGAZIN: Worum geht es denn dann?
Petersen: Es geht immer nur um Dich! Um denjenigen, der hinter der Kamera steht, die Emotionen, das Wissen, die Erfahrungen dieses Mannes oder dieser Frau. Wenn ich Sie zum Beispiel bitten würde, ein Bild eines Wasserglases zu machen, dann wissen Sie, dass mich das Glas überhaupt nicht interessiert. Ich interessiere mich für Sie und Ihre Emotionen zu diesem Glas.

fotoMAGAZIN Haben Sie nach über vier Jahrzehnten Fotografie mehr Fragen oder mehr Antworten auf das Leben?
Petersen: Wahrscheinlich mehr Fragen als je zuvor. Ich denke, jetzt weiß ich weniger. Als ich anfing, dachte ich, ich wüsste viel. Dann fing ich an zu filmen, ging zwei Jahre zur schwedischen Filmschule. Danach merkte ich, dass ich überhaupt nichts wusste. Ich musste neu anfangen. Ich musste zurück zu meinen Wurzeln.

fotoMAGAZIN: Ist das Fotografieren womöglich ein ständiger Neubeginn?
Petersen: Ja, das muss es sein. Es geht zunächst einmal überhaupt nicht um Stil und Form, um Licht und Schatten, sondern um Dich, um existenzielle Fragen zu Deiner Identität, die Identität im Alltag, die sexuelle Identität, Deine Visionen und Deine Ziele im Leben! Deshalb musst Du immer wieder zurückgehen.

fotoMAGAZIN: Sie haben sich immer wieder an den Rändern der Gesellschaft bewegt ...
Petersen: Finden Sie? Mich interessiert alles. Meist suche ich nicht nach den Menschen am Rande der Gesellschaft, ich suche nach Menschen und Situationen, mit denen ich mich identifizieren kann.

… wenn du willst, dass Dein Ansatz so nah und ehrlich wie möglich ist, musst Du bei Dir anfangen.

fotoMAGAZIN: Was ist Ihr Antrieb als Fotograf? Geht es letztlich immer nur um Sie: Wollen Sie mit der Kamera mehr über sich lernen?
Petersen: Ich weiß, es klingt sehr egoistisch und egozentrisch, aber wenn Du willst, dass Dein Ansatz so nah und ehrlich wie möglich ist, musst Du bei Dir anfangen. Das ist Deine Verantwortung. Ohne diese Verantwortung kannst Du keine Verantwortung für andere Menschen übernehmen, etwa für jene, die Du fotografierst.

Du sollst Deine Erfahrungen, Deine Emotion und Dein Wissen nicht verleugnen. Du musst analysieren, wer Du bist. Jeder muss verstehen, dass er einzigartig ist. Es gibt keinen, der so ist wie Du. Du bist fantastisch, unglaublich! Das zeigt sich dann in Deinem Selbstvertrauen. Du schleichst nicht wie die Katze um den Milchnapf, sondern gehst direkt darauf zu, in die Situation rein, weil Du keine Angst hast, weil Du an Dich glaubst und etwas beitragen kannst.

fotoMAGAZIN: Sie sagen, Sie machen Ihre Bilder mit dem Bauch. Ist es hinderlich, beim Fotografieren zu denken?
Petersen: Es kann hinderlich sein. Aber es gibt so viele Arten von Bildern. Ich spreche jetzt nur über meine Art von Bildern. Wenn man so will, kann man das eine persönliche, private Dokumentarfotografie nennen.

Close Distance, 2002

Close Distance, 2002

Close Distance, 2002

© Anders Petersen/Courtesy Galerie VU

fotoMAGAZIN: Sie haben das Selbstvertrauen erwähnt. War das bei Ihnen von Anfang an vorhanden?
Petersen: Ohne Freunde sind wir nichts. Du brauchst Freunde, Helden in Deinem Leben, Menschen, denen Du vertrauen kannst. Und Du musst gesehen werden. Mich hat Christer Strömholm gesehen. Dieser Fotograf, der 2002 verstorben ist, war mein Held. Eine Art Vater. Ich hatte noch einen, das war der Schriftsteller Göran Tunström.

fotoMAGAZIN: In Ihrem Bildband Frenchkiss (Kehrer Verlag) gibt es ein Foto, das mich an eine Aufnahme erinnert, die sehr einflussreich auf Sie gewesen ist: Strömholms Foto eines verschneiten Friedhofs. War es das einflussreichste Bild in Ihrer Karriere?
Petersen: Es war das erste Bild, das mich darüber nachdenken ließ, die Fotografie als Werkzeug einzusetzen, mit dem ich mich ausdrücken konnte. Lange danach erfuhr ich erst, dass es von Christer war.

fotoMAGAZIN: Sie erklärten mal, dass Sie die meisten Ihrer Bilder nicht mögen. Ist das noch immer so?
Petersen: Ja. Meine Bilder sind glaubwürdig, wenn ich sie mache. Sie sind nicht gut oder schlecht, aber glaubwürdig. Ich möchte, dass sie glaubwürdig sind. Nach einer Weile will ich jedoch neue Bilder aufnehmen, da ermüden mich meine alten Fotos. Manchmal bin ich sehr irritiert, wenn ich zurückblicke. Ich möchte meine alten Fotos nicht sehen.

Ein Fotograf muss verstehen, dass Fotograf kein Beruf ist, sondern ein Leben! Du musst mit deiner Kamera ins Bett gehen und ein wenig gaga sein.

Anders Petersen, Café Lehmitz, Hamburg 1970

Anders Petersen, Café Lehmitz, Hamburg 1970

Anders Petersen, Café Lehmitz, Hamburg 1970

© Anders Petersen/Courtesy Galerie VU

fotoMAGAZIN: So liegt für Sie also ein Buch wie Café Lehmitz sehr weit zurück?
Petersen: Oh ja, das ist Vergangenheit. Heute sind das für mich sehr romantische Bilder. Natürlich erinnern sie mich an viele Leute wie Zigeuner-Uschi oder Karin Jägermeister. Sie alle bedeuteten mir viel. Ich war ja fast drei Jahre dort, aber über einen Zeitraum von drei Jahren. Zunächst drei Wochen, dann ging ich zurück nach Schweden, entwickelte die Filme, zeigte sie Christer in der Schule und Christer sagte immer, das sei noch nicht so fokussiert. Ich reiste dann zurück und verschenkte die Bilder.

So lief das die ganze Zeit. Irgendwann sagte ich, jetzt muss ich aufhören. Und ich hatte die Idee, ein Buch zu machen. Wir sprachen im Café Lehmitz viel darüber. Davor hatten wir dort eine Ausstellung. Ich pinnte fast 350 Bilder an die Wand. Es war eine gute Ausstellung. Nach fünf Nächten gab es keine Bilder mehr, weil jeder eines nehmen durfte, wenn er sich darauf erkannte.

Neun Jahre später kam ich zurück und entdeckte noch ein kleines Portrait von mir an der Wand. Das war sehr bewegend. Jemand hatte es wohl am Tag der Vernissage gemacht.

fotoMAGAZIN: Wie schafft man es, mit seinen Bildern nah und direkt zu sein, ohne voyeuristisch zu wirken?
Petersen: Du musst Dir klar darüber sein, dass Du Teil ihrer Familie bist. Es ist ganz schlicht und einfach: Deine Familie ist nicht nur dort, wo Du geboren wirst.

fotoMAGAZIN: Was braucht man, um als Fotograf glaubwürdig zu sein?
Petersen: Die Fotografie ist ein Ausdrucksmittel. Das ist es! Welche Persönlichkeit hat ein Fotograf? Die meisten Fotografen, die ich kenne, sind ziemlich scheu. Sie sprechen nicht viel und ziehen es vor, durch ihre Bilder zu sprechen. Vielleicht haben nicht viele eine soziale Intelligenz, aber ihre Bilder sind sehr intelligent.

Ein Fotograf muss zuallererst neugierig sein. Doppelt neugierig auf alles, was das Leben und ihn betrifft. Er muss viel Geduld zeigen, muss verstehen, dass Fotograf kein Beruf ist, sondern ein Leben! Es ist kein Acht-Stunden-Job. Du musst mit Deiner Kamera ins Bett gehen. Und ein Fotograf muss ein wenig gaga sein, er muss einen kleinen Vogel haben. Aber bitte nicht zu viele!

fotoMAGAZIN: Warum muss das sein?
Petersen: So kann er andere Räume in der Gesellschaft betreten und vor allem in sich! Du brauchst etwas in Dir, das Dir sagt: der einzige Weg, andere Räume in mir zu öffnen ist, mich jetzt nicht normal zu verhalten, mich nicht akzeptabel zu benehmen. Stell Dich an die Wand und verteidige Dich nicht. Lass los und sei nicht so kontrolliert. Jetzt spreche ich komplett gegen die Konzeptfotografie, die auf einer Idee basiert. Ich fotografiere aus dem Bauch heraus, aber das bedeutet nicht, dass ich mein Gehirn wegpacke. Natürlich setze ich mein Hirn ein, aber am Anfang.

fotoMAGAZIN: ... und danach.
Petersen: Ja. Dann analysiert man. Jedoch nicht, während man dort ist. Du musst so nah wie möglich dran sein. Nicht nur räumlich, sondern auch mit Deinen Emotionen. Du musst die Atmosphäre riechen und schmecken! Du solltest keine Angst vor der Angst haben. Es ist okay, Angst zu haben. Ich habe vor ganz vielen Dingen Angst. Das ist okay, solange man diese Angst einsetzen kann.

Seite 1 von 2
Seite 1
Seite 2
Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.