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Alys Tomlinson
Alys Tomlinson; Foto: © Sony World Photography Awards 2018

Alys Tomlinson

Ex-Voto: Über die Kraft des Glaubens
04.03.2019

Die „Ex-Voto“-Serie der Sony World Photography Award-Gewinnerin 2018, Alys Tomlinson, erzählt in zeitlosen Schwarzweiß-Bildern von uralten religiösen Pilgertraditionen und dem Vertrauen an die Wirkung von Gebeten. 

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Alys Tomlinson, Sony World Photography Award 2018

Die Namen der abgebildeten Personen und Orte gibt die Fotografin nicht preis. So entsteht letztlich ein durchaus archaisches Bild von Exkursionen in die Pilgerwelt.

© Alys Tomlinson

fotoMAGAZIN: Wie wichtig sind Ihnen die individuellen Geschichten der Pilger in diesem Projekt?
Tomlinson: Ich möchte nicht einmal, dass Sie wissen, wo ich die Bilder aufgenommen habe. Ich will damit ein mysteriöses Element in dem Projekt bewahren. Es gibt eine Nonne, der ich weiter folgen werde. Generell ist es aber meiner Ansicht nach nicht wichtig, zu wissen, warum diese Menschen an den Pilgerorten sind. Es geht mir nur um den Moment und diesen intensiven Blick – um diese starke Präsenz im Bild.

fotoMAGAZIN: Ist das der Grund, warum Sie nun doch einer Nonne weiter folgen werden?
Tomlinson: Ja, sie hat etwas Besonderes an sich, das ich sehr interessant finde. Ich habe das Gefühl, dass es bei ihr noch mehr zu entdecken gibt.

fotoMAGAZIN: Werden Sie bei der derzeitigen Dreiteilung Ihrer Arbeit bleiben?
Tomlinson: Ich glaube sie funktioniert so, wie sie jetzt aufgebaut ist. Die Struktur wird beibehalten, doch ich habe ganz bestimmte Ideen, wie alles aussehen könnte, wenn aus „Ex-Voto“ mal ein Bildband wird. Er gibt mir die Möglichkeit, hier mehr mit Text zu arbeiten.

Es ist nicht wichtig zu wissen, warum diese Menschen an den Pilgerorten sind. Es geht mir nur um den Moment und diesen intensiven Blick – um diese starke Präsenz im Bild.

fotoMAGAZIN: Verbindet das, was Sie bei diesem Projekt über den Glauben gelernt haben, alle Menschen, die Sie trafen?
Tomlinson: Hier gibt es etwas unglaublich Starkes. Der Glaube hat die Kraft, etwas zu verändern und das ist auch für Ungläubige interessant. Viele dieser Menschen haben ihm ihr Leben gewidmet.  

fotoMAGAZIN: Gehen die von Ihnen gefundenen Votivgaben zurück auf die frühesten Formen des Christentums?
Tomlinson: Ja, sowohl die Rituale, als auch das, was die Leute dort zurücklassen. Hier wiederholen sich seit Jahrhunderten die Verhaltensmuster. An den Pilgerstätten lagen Dinge, denen Sie ansehen, dass sie seit über 50 Jahren dort sind. Ich hoffe, dass sich diese Orte nicht zu stark verändern. Lourdes ändert sich allerdings permanent, da es tief verankert in der Tourismusindustrie ist. Was ich jedoch an Lourdes mag, ist, dass sich selbst hier Elemente finden, die noch stark aus einer ganz anderen Ära stammen und in der Tradition wurzeln.

fotoMAGAZIN: Sie erzählten vor einiger Zeit, dass Sie sich bei der Arbeit an Ex-Voto zwischenzeitlich sehr einsam fühlten. Ist das heute noch so?
Tomlinson: Ich fühle mich jetzt nicht mehr so stark als Außenstehende. Das liegt an den Erfahrungen, die ich bei dem Projekt gemacht habe und an meinem Anthropologie-Studium. Außerdem bin ich gern mal allein, solange ich anschließend zurück zu meinen Freunden und meiner Familie kommen kann. Ich genieße diesen Freiraum und die Zeit zum Nachdenken. Das ist nichts, das wir hier in der Stadt oft haben. Irgendwie möchte ich auch nicht, dass dieses Projekt endet. Ich würde etwas vermissen.

fotoMAGAZIN: Wie viel Zeit haben Sie bis heute in das „Ex-Voto“-Projekt gesteckt?
Tomlinson: Nach Lourdes bin ich zum ersten Mal vor fünf Jahren gereist. Erst vor zwei Jahren habe ich jedoch begonnen, mit der Großformatkamera zu arbeiten. Die in London gezeigten Arbeiten sind allesamt auf mehreren Reisen im Laufe der letzten zwei Jahren entstanden. Hier bei den „Sony World Photography Awards 2018“ zeige ich meine Arbeiten zum ersten Mal in einer Ausstellung. Ich hatte ein Bild in der Ausstellung zum „Taylor-Wessling-Portrait Prize 2017“, doch ich habe meine Motive noch nie so groß abgezogen gesehen wie hier. Das war beinahe schockierend. Ein wunderbarer Schock!

  • Factfile: Alys Tomlinson

  • Nach einem Abschluss in Englischer Literaturgeschichte und Kommunikationswissenschaft an der University of Leeds lebte Tomlinson ein Jahr in New York, bevor sie in London am Saint Martins College of Art and Design Fotografie studierte. Neben ihrer Arbeit als Fotografin absolvierte sie in London ein Anthropologie-Studium, das sie kürzlich mit einem Master of Arts abschloss. Im April wurde die Britin  bei den „Sony World Photography Awards 2018“ mit ihrer „Ex-Voto“-Serie als „Photographer of the Year“ gekürt. Die hier gezeigten Arbeiten sind alle Teil der von ihr eingereichten Serie, die mittlerweile als Bildband erschienen ist.
    > Erhältlich über die Webseite der Fotografin
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Das Interview führte Manfred Zollner nach der Preisverleihung der Sony World Photography Awards im Mai 2018. Veröffentlicht im fotoMAGAZIN 7/2018.

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.