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Alys Tomlinson
Alys Tomlinson; Foto: © Sony World Photography Awards 2018

Alys Tomlinson

Ex-Voto: Über die Kraft des Glaubens
04.03.2019

Die „Ex-Voto“-Serie der Sony World Photography Award-Gewinnerin 2018, Alys Tomlinson, erzählt in zeitlosen Schwarzweiß-Bildern von uralten religiösen Pilgertraditionen und dem Vertrauen an die Wirkung von Gebeten. 

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Alys Tomlinson, Sony World Photography Award 2018

Pilgerin in der mystisch aufgeladenen Landschaft eines Wallfahrtsortes. Alys Tomlinson suchte nach Menschen, deren Erscheinungsbild zeitlich nicht einzuordnen ist.

© Alys Tomlinson

Sogenannte „Ex-Votos“ sind Votivgaben, die in der Religion in der Folge eines Gelübtes an Kultstätten wie der französischen Stadt Lourdes hinterlegt werden. Derlei Brauchtum reicht weit in die prähistorische Zeit zurück. Das Christentum kennt Votiv-Gaben seit seinen Anfängen. Gläubige hinterlassen an christlichen Pilgerstätten symbolhafte Opfergaben, schreiben etwa Gebete und Danksagungen auf Zettel und stecken sie in Felsspalten. Schlichte Kreuzzeichen können in Stein geritzt hinterlassen werden, primitiv zu Kruzifixen gebundene Zweige und Äste hinterlegt. Alys Tomlinson suchte neben Lourdes Pilgerstätten in Ballyvourney (Irland) und Grabarka (Polen) auf und fotografierte dort Pilger, Ex-Votos und die Landschaft im Umfeld der Pilgerstätten.

fotoMAGAZIN: Sie sind als Atheistin erzogen worden. Wann haben Sie begonnen, sich für die Religion zu interessieren?
Alys Tomlinson: Unterschwellig hatte ich das Interesse schon länger. In Sachen Religion war ich immer neugierig. Ich fragte mich, was die Menschen zum Glauben hinzieht. Dann sah ich Jessica Hausners „Lourdes“-Film aus dem Jahr 2009, den ich total liebe. Nach diesem Film wollte ich unbedingt nach Lourdes. Das war der erste Pilgerort, den ich aufsuchte.

fotoMAGAZIN: Haben Sie tatsächlich Anthropologie studiert, weil Sie das Gefühl hatten, Sie müssten noch mehr über das Thema lernen?
Tomlinson: Als ich mein Projekt begann, funktionierte es nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich fühlte mich als Außenseiterin und wollte mehr über die Motivation dieser Menschen lernen. Deshalb habe ich das Studium begonnen. Zudem habe ich bei meiner kommerziellen Arbeit als Fotografin das Schreiben vermisst. Am Ende machte ich sogar meine Dissertation rund um das Thema Lourdes. Das Studium hat meine Fotografie definitiv beeinflusst. Bei der Arbeit an der Dissertation habe ich auch das Thema „Ex-Voto“ entdeckt.

fotoMAGAZIN: Sehen Sie heute die Fotografie als definitives Medium für die Umsetzung Ihrer kreativen Ideen?
Tomlinson: In Zukunft möchte ich gerne das Schreiben und Fotografieren kombinieren. Dazu gibt es sicher Möglichkeiten. Mein Ziel ist nicht, als Akademikerin zu arbeiten. Sicher bleibe ich Fotografin, aber ich will mein Wissen und meine Erfahrung als Anthropologin einbringen.

fotoMAGAZIN: Werden Sie nun noch promovieren?
Tomlinson: Ich habe darüber nachgedacht, doch das würde noch Jahre dauern und wäre ziemlich stressig. Die Recherche ist jedoch ein wichtiger Teil meiner Arbeitsweise. Ein Teil, den ich sehr genieße. Sie füttert meine Neugier und meine Faszination.

fotoMAGAZIN: Interessiert Sie die archaischste, ursprünglichste Form der Ex-Votos oder eher moderne Varianten?
Tomlinson: Mir geht es um die hinterlassenen Zeichnungen, es ist also schon das Zeitlose. Mich fasziniert aber auch, dass all diese kleinen Details so viel bedeuten können. Wenn jemand ein kleines Gebet auf einen Zettel schreibt, ihn faltet und in eine Felsspalte steckt, dann bleibt dieser Zettel zurück und wird Teil der ganzen Szenerie. Für meine Portraits wählte ich Menschen aus, die einen gewissen Look an sich hatten. Der Betrachter dieser Bilder soll nicht unbedingt wissen, aus welcher Zeit sie kommen. Die Menschen tragen keine modische Kleidung. Diese Zeitlosigkeit und die Tradition sind mir besonders aufgefallen, sie wollte ich in den Bildern bewahren.

In meinen Portraits steckt  eine gewisse Anspannung. Das mag daran liegen, dass ich nicht den Glauben mit den Abgebildeten teile.

fotoMAGAZIN: Sie sprechen über Einflüsse der Fotografen Walker Evans und Dorothea Lange auf Ihre Arbeit ...
Tomlinson: Fotografen wie August Sander, Walker Evans und Diane Arbus waren die Ersten, die sich mir eingeprägt haben, als ich die Fotografie für mich entdeckte.

fotoMAGAZIN: Ist es die Zeitlosigkeit von deren Arbeiten, die Sie fasziniert?
Tomlinson: In Diane Arbus-Fotos gibt es ein Gefühl von Unbehagen. In meinen Portraits steckt auch eine gewisse Anspannung. Das mag daran liegen, dass ich nicht den Glauben mit den Abgebildeten teile. Diese Fotografen mag ich wegen der bei ihnen bestehenden Connection zwischen dem Betrachter, dem Fotografen und den Abgebildeten. Eine solche Verbindung habe auch ich gesucht. Zudem fand ich, dass mein Thema einen formalen, fast schon traditionellen Stil mit sich brachte. Diese Art von Fotografie hat mich definitiv beeinflusst.

fotoMAGAZIN: Hat sich Ihr fotografischer Ansatz verändert, während Sie an diesem Projekt arbeiteten?
Tomlinson: Sehr stark sogar! Als ich zum ersten Mal nach Lourdes kam, arbeitete ich noch überhaupt nicht mit der Landschaft. Ich fotografierte auf Mittelformatfilm und in Farbe. Das funktionierte nicht. Meine Bilder hatten nicht die Atmosphäre, die ich rüberbringen wollte. Und ich fühlte mich immer noch als Außenseiterin. Ich hatte das Gefühl, meine Bilder schon mal anderswo gesehen zu haben. Nach mehreren Besuchen dort kam ich an den Punkt, dass ich mir sagte: Entweder gebe ich dieses Projekt jetzt auf oder ich muss es komplett neu angehen. Als Resultat meines Studiums kam ich zu der Erkenntnis, dass ich alles entschleunigen wollte. Mein ganzer Ansatz sollte durchdachter werden. Das war unter anderem der Grund, warum ich mit einer Großbildkamera und Schwarzweißfilm zurückgegangen bin.

fotoMAGAZIN: Was brachte die Wende?
Tomlinson: Als ich das erste Schwarzweiß-Portrait mit der Großbildkamera gemacht hatte und die Kontaktbögen aus dem Labor bekam, merkte ich, dass plötzlich etwas genau so funktionierte, wie ich mir das vorgestellt hatte.

fotoMAGAZIN: Und das hatte mit der Großbildkamera zu tun, die den Arbeitsprozess verlangsamte?
Tomlinson: Ja! Darüber hinaus ist diese Arbeitsweise in gewissem Maße rituell, was für mich einen interessanten Bezug zum christlichen Glauben herstellte. Das Großformat bringt mich dazu, viel gründlicher an eine Aufnahme ranzugehen. Ich mache meist nur zwei Portraits von einer Person und fotografiere auch sonst nicht so viel mit dem Film. Es kann passieren, dass ich den ganzen Tag herumspaziere und kein einziges Bild mache. Das macht mir richtig Spaß, weil ich sonst bei kommerziellen Aufträgen mit der Digitalkamera hunderte Fotos knipse. Es ist eine viel langsamere, ruhigere und reflektiertere Arbeitsweise.

fotoMAGAZIN: Sie arbeiten bei diesem Projekt mit Gegenüberstellungen. Wie gehen Sie hier vor? Fotografieren Sie Landschaften an anderen Tagen als die Portraits oder legen Sie spontan fest, was Sie unterwegs fotografieren?
Tomlinson: Ich verbringe viel Zeit damit, durch die Gegend zu streifen. Nachdem ich beschlossen hatte, dass meine Arbeit dreiteilig werden sollte (Landschaft, Portraits und Stills/Ex-Votos), musste ich diese mysteriöse Landschaft und den Bezug zwischen Wasser, Fels und Wald finden. Diese Orte zogen mich an. Mein Vorgehen war allerdings total instinktgeleitet. Ich plane nicht viel. Es geht bei dieser Arbeit mehr um meine Reise. Ich befinde mich auf meiner ganz persönlichen Suche.

fotoMAGAZIN: Wie würden Sie diesen Weg beschreiben?
Tomlinson: Ich bin jetzt nicht plötzlich konvertiert, doch diese Reise hat mich aus meinem hektischen Londoner Leben gerissen und mir viel Raum zum Nachdenken gegeben. Seitdem respektiere ich Menschen sehr, die diesen tiefen Glauben haben. Ich wünschte, ich hätte ihn, aber bei mir ist das eben nicht so. Elemente ihrer Spiritualität kann tatsächlich jeder für sich übernehmen, selbst ohne starken Bezug zu einer speziellen Glaubensrichtung.

fotoMAGAZIN: Was steckt hinter der Verwendung von Ex-Votos: Benutzen die Menschen sie spontan und instinktiv?
Tomlinson: Manche kommen zum Beispiel mit einem Zettel nach Lourdes, auf dem ein Gebet steht, das sie für jemanden an der Grotte hinterlegen – etwa für Freunde oder für kranke Familienmitglieder. In Polen habe ich rostige alte Krücken gefunden, die jemand hinterlegte, nachdem es ihm wieder besser ging. Die Menschen glauben an die heilende Kraft dieser Orte. Sie planen aber nicht immer, was sie dort tun. Manchmal schreiben sie auch spontan etwas auf, während sie dort sind.

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Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.