Alessio Romenzi

"Krieger sind wie wilde Tiere"
03.11.2017

Alessio Romenzi ist der diesjährige Gewinner der Kategorie „Zeitgeschehen und News“ bei den Sony World Photography Awards. Wir trafen den italienischen Fotoreporter zu einem Gespräch über die Arena des Krieges, das Misstrauen der Soldaten und den Drang, das Gesehene stets mit neuen Bildern zu übertreffen

 

alessio2.jpg

Alessio Romenzi
© Manfred Zollner

fotoMAGAZIN: Sie stammen aus einem kleinen italienischen Dorf auf dem Land mit 30 Bewohnern. Dort ist das Leben bestimmt schön ruhig und entspannt. Heute scheinen Sie genau das Gegenteil zu suchen, oder?
Alessio Romenzi: Stimmt. Das Leben ist dort sehr überschaubar und ich liebe das. Ich komme auch immer wieder gerne zurück. Das ist mein Ort und das wird sich nie ändern, doch ich war neugierig auf die Welt. Ich bin heute so stolz auf meinen Reisepass (mit seinen Visa-Stempeln). Bis zu meinem 35. Lebensjahr war der komplett leer. So gesehen bin ich noch ein ziemlich junger Fotograf: Ich habe erst 2010 angefangen. Dann wurde mein Traum wahr ...

fM: Verfolgen Sie all die Verbrechen, die Sie täglich sehen und miterleben?
Romenzi: Das kann passieren. Ich weiß nicht, ob ich von einer richtigen posttraumatischen Belastungsstörung sprechen sollte, aber so etwas Ähnliches hatte ich nach einer sehr harten Zeit, als ich wieder zurück in mein wohliges, sicheres Leben in der westlichen Welt kam. Bisher komme ich jedoch ganz gut mit den Problemen und dem Leid zurecht, das ich bei meiner Arbeit sehe.

fM: Wie haben Sie gelernt, Risiken richtig einzuschätzen?
Romenzi: Ich bin ein ziemlich ruhiger, bodenständiger Mensch. Viele meiner härtesten Kriegserfahrungen lassen mich Erinnerungen an meine Jugend hervorkramen – an mein Leben in dem kleinen Dorf. Ich weiß, wie man damit umgeht. Ich komme aus einer Familie von Jägern und weiß, wie man mit Waffen umgeht. Die Situationen, in denen ich mich jetzt wiederfinde, sind mir nicht komplett unbekannt.

Ich komme aus einer Familie von Jägern. Diese Situationen sind mir nicht unbekannt

fM: Ist der Kriegsalltag vergleichbar mit einer Jagdsituation?
Romenzi: Es ist viel schlimmer. Ich sehe das Schlachtfeld. Oft vergleiche ich diese Orte mit einer Arena, in der die Menschen nicht mehr Menschen sind. Ein Krieger ähnelt einem Tier. Die wilden Tiere dort draußen sind bereit zu töten und getötet zu werden. Das ist eine extreme Ausnahmesituation – insbesondere, wenn du viel Zeit mit diesen Menschen verbringst. Du sprichst mit ihnen, bist in das Geschehen, in die Gruppe eingebunden und freundest dich mit einigen von ihnen an, gerade wenn du gemeinsam mit ihnen gefährliche Situationen durchmachst. Irgendwann realisierst du dann, dass diese Menschen wahrscheinlich bereits einen anderen Menschen getötet haben. Oder es sich zumindest wünschen, einen Feind zu töten. Stell dir vor, du sitzt im Café und hast einen Killer neben dir.

fM: Und das passiert Ihnen permanent?
Romenzi: Nicht die ganze Zeit. Ich definiere mich normalerweise auch nicht als Kriegsfotograf. Ich bin einfach ein Dokumentarfotograf. Ich berichte lediglich von dem, was ich sehe. Das ist perfekt, weil die Fotografie meine Neugier und die Notwendigkeit, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, zusammenbringt. Davon träumen doch alle. Ich bin jedoch kein richtiger Kriegsfotograf. Ich arbeite auch für NGO’s und mache Werbefotos.

Du freundest dich mit den Soldaten an und irgendwann realisierst du, dass diese Menschen wahrscheinlich schon andere getötet haben

fM: Bei Einsätzen wie in Libyen scheint es, als würden Sie oft mit einem extrem hohen Adrenalin-Spiegel arbeiten?
Romenzi: Nein, nein, nein, nein. Zumindest suche ich nie nach dem Adrenalin. Natürlich spürst du in solchen Situationen ungewöhnliche Emotionen. Aber das, was du spürst, ist nicht wirklich das Adrenalin. Ich kenne das Gefühl extrem gut, das die Angst in mir erzeugt, und mag es nicht besonders.

fM: Ist es trotzdem hilfreich?
Romenzi: Ja, sehr! Es kann dich am Leben halten. Der Grund, dass ich mich für einige Bilder sehr weit vorgewagt habe, ist keinesfalls die Suche nach Adrenalin. Es ging mir darum, diese bestimmte Art von Gefühlen, diesen Ausdruck in den Gesichtern einzufangen – und dafür musst du eben dort sein. Zum Beispiel bei dem Foto, auf dem ein libyscher Soldat seinen verwundeten, blutenden Kameraden trägt. Wenn ich dreißig Meter entfernt gewesen wäre, hätte ich die Schreie, den Ausdruck nicht einfangen können. Für mich ist das ein wirklich gutes Bild, weil es uns die Spannung dieses Moments richtig spüren lässt. So ist der Krieg.

fM: Sie müssen den Soldaten sehr nah sein, um in diesen Situationen akzeptiert zu werden. Die Soldaten müssen sich zunächst einmal in Ihrer Gegenwart wohlfühlen.
Romenzi: Ja, sie müssen dir vertrauen. Als Fremder, der ihre Sprache nicht spricht, kannst du in solchen Situationen wie ein seltsamer Typ erscheinen. Oft sind diese Leute auch sehr ungebildet. Zuerst denken sie, dass du ein Spion bist. Gewöhnlich musst du erst mal ihr Vertrauen gewinnen.

fM: Wie lange bleiben Sie normalerweise an diesen Orten?
Romenzi: Da gibt es keine festen Zeiten. Mindestens ein paar Wochen. Das ist absolut notwendig. Ich glaube nicht an diesen Journalismus, der dich nur für ein paar Tage irgendwohin bringt. Vielleicht bekommst du trotzdem gute Bilder, aber aus meiner Sicht reicht die Zeit nicht, um einzutauchen und ein Teil des Ganzen zu werden. Die Fotografie ist für mich ein Vorwand dafür – nicht nur für mich, für viele von uns.

fM: Ein Vorwand wofür?
Romenzi: Die Kamera ist ein Pass, der dir Zugang zu etwas verschafft, zu dem du normalerweise keinen Zugang haben würdest. Sie ist deine Rechtfertigung, dort zu sein.

fM: Haben Sie das Gefühl, dass sich die Situationen wiederholen, die Sie erleben?
Romenzi: Voll und ganz. Das ist etwas, mit dem ich mich gerade beschäftige.

fM: Wie können Sie aus diesem Kreislauf wieder rauskommen?
Romenzi: Wie gesagt: Ich betrachte das Ganze als Arena. Mich ziehen diese Bühne und diese Menschen extrem an, die man hier bei uns unmöglich finden kann. Ich denke, dass ich deshalb weitermachen werde. Ganz am Anfang war ich allerdings noch von allem fasziniert. Alles war neu und sehr mächtig.

Ich kenne das Gefühl extrem gut, das die Angst in mir erzeugt, und mag es nicht besonders

fM: Was fasziniert Sie heute noch?
Romenzi: Das, was über das bereits Gesehene hinausgeht und noch überwältigender ist.

fM: Ist es möglich, immer noch etwas draufzusetzen?
Romenzi: Noch geht das, doch das funktioniert immer weniger. Ich werde demnächst einen Punkt erreichen, an dem es nicht mehr sinnvoll sein wird, diesen Weg weiterzuverfolgen; einen Punkt, an dem ich wahrscheinlich etwas ändern werde.

fM: Was könnte dann passieren?
Romenzi: Ich spreche hier zunächst nur über technische Dinge. Ich denke darüber nach, mir eine Großformatkamera anzuschaffen, um anders durch den Sucher zu sehen. Vielleicht filme ich auch.

fM: Es ist nicht ganz einfach eine Großbildkamera auf einem Stativ aufzustellen, wenn gerade die Hölle losbricht, oder?
Romenzi: Ich mag solche Herausforderungen. So könnte ich eine wirklich andere Perspektive bekommen.

Seite 1 von 2
Seite 1
Seite 2
Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.