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Bitcoins
Der Boom um Bitcoins weckt auch die Hoffnung von Fotografen. Die entsprechende NFT-Währung heißt Ether. Doch ist alles Gold, was glänzt?
Foto: © Getty Images/Tevarak

Goldgräberstimmung in der Krypto-Welt

NFTs und Bitcoins für Fotografen
27.01.2022

Die Krypto-Welt rückt näher. In Form von Non-Fungible Tokens (NFTs) finden immer öfter auch Fotos ihren Weg in Blockchains. Werden sie die neue Währung der Fotografie?

Eine Reportage von Anja Martin

Ich bin mit Priska Pasquer verabredet, in ihrer Galerie. Jetzt. Und bin immer noch im Büro. Kein Grund zur Panik. Ich werde pünktlich sein. Denn wir treffen uns virtuell. Vor mir auf dem Bildschirm führt ein Steg auf eine Insel und ein pinker Weg zu einem Galeriegebäude. Der Himmel hängt voller rosafarbener Wolken, hoch hinauf ragen die Pfeiler von Windrädern, auf denen Bilder sitzen, passend zum Titel der Ausstellung „Winds of Change“. Mit dem Flugmodus schwebe ich hinauf zu den Exponaten.

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Virtueller Showroom

Virtueller Showroom der Galerie Priska Pasquer.

Foto: © Courtesy Priska Pasquer, Cologne

Wo ist die Galeristin eigentlich? Gerade habe ich sie doch schon gesehen, also ihren Avatar natürlich. Das Navigieren ist noch gewöhnungsbedürftig. Ups, jetzt bin ich mitten durch ein Bild geflogen. Kaputtmachen kann man hier jedenfalls nichts, zum Glück. Ich habe Schwierigkeiten, mich umzuschauen, aber vermutlich schwebt die Galeristin direkt neben mir, denn ich höre ihre Stimme ganz nah. Wir unterhalten uns über das Werk vor uns. Rechts unterm Bild ein Link, der auf einen Online-Marktplatz führt. Fürs Ersteigern braucht man allerdings ein digitales Wallet, also einen Geldbeutel für Kryptowährung. Denn alle Bilder dieser Ausstellung sind NFTs. Heißt: Sie sind mit einem Code in einer Blockchain verknüpft.

NFTs – digital abgebildete Vermögenswerte

Lange unbekannt, sind NFTs plötzlich überall. Spätestens seit der Digitalkünstler und Grafikdesigner Beeple mit einer Collage aus 5000 von ihm auf Tumbler geposteten Bildern bei Christie‘s 69 Millionen Dollar erzielte, überschlägt sich die Welt in der Produktion und im Erwerb der neuen Sammelobjekte. Und gesammelt werden kann im Grunde alles, was Freude macht. Und alles, was im Wert steigen könnte: ob Ikonen der Fotografie, der Quellcode des Internet, der allererste abgesetzte Tweet, Lady-Gaga-Videos, Fußballkarten mit Nationalspielern oder Krypto-Briefmarken. Doch was genau ist ein NFT, also ein Non-Fungible Token? Im Grunde ein digital abgebildeter Vermögenswert. Dahinter verbirgt sich eine individuelle Zahlen-Buchstabenkette in einer Blockchain. Fungible Token, also austauschbare Token, könnte man gegen etwas Gleichwertiges ersetzen. Ein Bitcoin wäre ein Beispiel. Non-Fungible Token allerdings sind einmalig und nicht austauschbar. Man kann sie als eine Art digitalen Schlüssel zu einem Unikat verstehen, also zu einem Kunstwerk, einer Fotografie, einer Grafik, einem Haus, einem Gedicht oder auch einer Briefmarke. Manche beschreiben sie auch als Krypto-Besitzurkunden.

Wir alle reden in der Kunst über Blue Chips, das ist in der Krypto­welt nicht anders.
Priska Pasquer, Galeristin

In der digitalen Welt, wo alles unendlich oft kopiert werden kann, ist es über die Einführung von NFTs erstmals möglich, von Originalen zu sprechen und ihnen Sammelwert zuzubilligen. Das NFT bezeichnet das Original, alles andere die Kopien. Dass NFTs in Blockchains gespeichert werden, stärkt das Vertrauen, denn das sind die sichersten Datenspeicher, die wir kennen. Ein dezentrales System, das auf vielen Servern läuft. Die Ketten aus Blöcken, also Datensätzen, können laufend erweitert, aber Bestehendes nicht verändert werden, weil ein Folgeblock einen Hashwert des Vorgängerblocks enthält, also auf ihm aufbaut. So steht die ganze Kette in Verbindung und kann nur gemeinsam oder gar nicht funktionieren. In aller Vergänglichkeit und Kopierbarkeit, die uns in unserer alltäglichen digitalen Welt umgibt, schaffen Krypto und NFTs auf einmal Originale, Sicherheit und Ewigkeit? Ein großes Versprechen.

Die Kunstwerke in Priska Pasquers virtueller Galerie verweisen also je auf eine Zeichenkolonne, die man kaufen könnte. Oder besser ersteigern. Sie liegen auf dem NFT-Marktplatz Foundation. Sobald jemand das Mindestgebot abgibt, startet die Auktion und die Interessenten können sich 24 Stunden lang gegenseitig überbieten. Für Priska Pasquer ist es schon die fünfte virtuelle Ausstellung, aber die erste mit NFTs. Natürlich braucht sich beides nicht zwingend: Virtuelle Galerien sind ohne NFTs denkbar – und andersherum. Sie entspringen einer Welt, die sehr vielen Menschen in der Pandemiezeit näher gerückt ist. Man trifft sich online, man macht in Krypto, ersteigert NFTs. Allerdings: „Wir alle reden in der Kunst über Blue Chips“, sagt Priska Pasquer, „das ist in der Kryptowelt nicht anders. Aber nicht alles glänzt so golden.“ Es muss erst viel Arbeit getan werden, etwa die Klientel aufbauen, das Netzwerk erweitern. Selbstverständlich ist nicht jeder ein Beeple und nicht alle Werke werden durch die Decke gehen.

Neue Standards und ein neues Vokabular – Basics:

  • Man handelt nicht mit NFTs, man tradet.
  • Der Akt des Erstellens eines Token oder NFT in einer Blockchain heißt minten.
  • Der Künstler droppt sein Werk, wenn er es auf einer Verkaufsplattform einstellt.
  • Und ja, man nennt ihn gar nicht Künstler, sondern Creator.
  • Bezahlt wird meist in Ether, die Währung der Ethereum-Blockchain. Denn in die vergleichsweise alte Bitcoin-Blockchain lassen sich keine Smart Contracts, und genau das sind auch NFTs, einschreiben.

Auch die Fotokunstmesse Photo Basel hat im Mai ihr erstes NFT gedroppt, auf OpenSea. Es entstammt der Serie „Die vermessene Mauer“ der Fotografen Burkhard Maus und Philipp J. Bösel. Insgesamt gehören dazu 1144 Schwarzweiß-Fotos, mehr als 18 Kilometer Berliner Mauer – eigentlich nur als Ganzes zu erstehen. Gerade deshalb entwickelte sich der Gedanke, eins als NFT herauszulösen. Ein Stück Mauer in einer Blockchain? Darauf konnten sich die Fotografen einlassen.

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Berliner Mauer

In den Achtzigern analog fotografiert, jetzt als NFT. Einzelbild aus der Serie „Die vermessene Mauer“ von Bösel und Maus. Auf OpenSea für 2,11 Ether (5624 Euro, Stand 10.8.21).

Foto: © © Philipp J. Bösel and Burkhard Maus, PhotoBasel_NFT

2020 hatte man die Photo Basel der Pandemie geschuldet in den virtuellen Raum verlegt, statt sie abzusagen. Dem Direktor Sven Eisenhut schwebt auch für pandemiefreie Zeiten vor, das Virtuelle mitzudenken und etwa ein NFT-Kabinett auf der realen Messe einzurichten, in dem Galerien aus der Ferne mit Non-Fungible Tokens präsent sein könnten. Eisenhut kann sich auch vorstellen, dass NFTs eine neue Zielgruppe ansprechen: „Für uns ist die Insta-Generation spannend.“ Mitsamt dem Spielerischen und der Lust am Traden. „Das ist erweitertes Geld für die Kunstszene.“ Allerdings haben Pandemie und Krypto-Hype sehr viel dazu beigetragen, dass sich der Kunstmarkt, wenn auch vorsichtig, inzwischen auf NFTs einlässt. „Vor drei Jahren wäre das, was grade passiert, undenkbar gewesen.“
Außer der Angst, man könne das nächste große Ding verschlafen, so wie manche ehedem das Internet belächelt haben, reizt wohl alle Seiten, dass sich neue finanzielle Möglichkeiten bieten. Die frisch zu Kryptogeld gekommenen wollen spekulieren. Der Kunstmarkt hofft auf ein neues, zahlungskräftiges Publikum. Oder auch überhaupt auf ein neues Publikum, das bisher kaum Interesse an Kunst hatte. Manche Künstler pokern darauf, ohne Galerien auszukommen, denn das ist auch ein Gedanke der Kryptowelt: die Zwischenhändler und Mittler wie Notare, Banken und eben Galerien auszuschalten, weil die Blockchains so viel Sicherheit bieten, dass die nicht mehr nötig sind. Allerdings müsste dann noch ein System geschaffen werden, aus der Flut eine Auswahl zu treffen. Und ganz abgesehen davon hoffen die Fotografen auf neue Sammler. Ob die jetzt mit der goldenen Kreditkarte oder mit ihrem digitalen Wallet bezahlen, ist erst einmal egal.

Funktioniert es für Fotografen bereits?
Und wenn, dann für wen?

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Alpaca von de Koekkoek

„Make Alpaca Great Again“ heißt das Foto des Künstlers Daniel Gebhart de Koekkoek. Es war sein erstes NFT und stammt aus seiner Alpaca-Serie, die auf der Plattform Foundation zum Verkauf steht. Einstiegsgebot: 0,33 Ether (885 Euro, Stand 10.8.21).

Foto: Daniel Gebhart de Koekkoek, © Koekkoek

Eins ist sicher bei der Masse des Angebots. Gefunden werden, ist ein Thema: „Mein Alpaca steht auf Foundation als NFT zum Verkauf“, sagt Daniel Gebhart de Koekkoek (holländisch für Kuckuck), ein österreichischer Fotograf. Bekannt geworden ist er vor allem mit seinen Serien „Jumping Cats“ und „Better Living With Alpacas“. Eine Fotografie mit dem Titel „Make Alpaca Great Again“ hat er am 23. März 2021 gemintet, Ende Juni hat noch niemand das Mindestgebot von 0,33 Ether (zurzeit 885 US-Dollar) abgegeben. Er ist sich sicher: „In Galerien, als Print, wäre das längst weg. Vermutlich hat es dort noch niemand gefunden oder die Sammler sind noch nicht bereit für NFT.“

„Bei mir war das anfangs nur sportlicher Ehrgeiz“, erinnert sich Peter Franck, Visual Artist aus Stuttgart. Er wollte versuchen, als Creator auf die „Foundation“-Plattform zu kommen, was gar nicht einfach ist. Anders als bei unkuratierten und kaum zugangsbeschränkten Plattformen wie Mintable oder OpenSea, nach eigenen Angaben die größte NFT-Verkaufsplattform der Welt, läuft es auf Foundation so: Zwar kann jeder ein Profil erstellen, aber dadurch noch nichts verkaufen. Um NFTs zu minten, muss man von Foundation-Teilnehmern eingeladen werden, die bereits etwas verkauft haben. Oder die Community muss einen upvoten. Es ist also schon ein kleines Privileg, auf Foundation zu droppen.

Man muss ständig auf Instagram und Twitter aktiv sein.
Peter Franck, Visual Artist

Peter Franck hatte das Glück, bei einem Chat auf Discord, einem Online-Treff der Kryptoszene, einen Kollegen zu begeistern, der ihn dann einlud. So darf er seit März mitspielen. Und findet die Sache spannend: „Es erschließt sich da ein ganz neues Universum.“ Er sieht es auch ein wenig als gesellschaftliches Experiment, getrieben von Neugier. Was er schon herausgefunden hat: „Man muss ständig auf Instagram und Twitter aktiv sein.“ Und seine NFTs immer wieder anpreisen. „Auf dem normalen Kunstmarkt würde man als besonders nerviger Künstler auffallen.“ Was er gut findet: Dass Künstler von jedem Wiederverkauf profitieren. Bislang verdienten sie ja nur am Erstverkauf. Und Spekulationsgewinne gingen an ihnen vorbei.

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Table Story

„Table story No. 4“, aus der gleichnamigen Serie des Stuttgarter Künstlers Peter Franck, mit der er 2012 bei den Sony World Press Photo Awards gewann, jetzt als NFT auf Foundation für ein Einstiegsgebot von 0,55 Ether (1466 Euro, Stand 10.8.21).

Foto: Peter Franck, © franckoberaspach

Doch wie sieht sie denn nun aus, die schöne neue Welt? Franck schaut sich jeden Tag die frisch geminteten Bilder an. „Ein Prozent ist spannend“, sagt er. Und der Rest? „Es gibt superviele superschreckliche Sachen.“ Damit meint er rosa Einhörner im Regenwald, denen Regenbögen aus den Ohren wachsen. Nordlichter, die man bei jeder Stockagentur für Centbeträge bekommen würde. Unglaublich pixelige Grafiken. Kitschige Motive. Alberne GIFs. „Nein, also das kennt man in der Kunstwelt nicht.“ Aber man hat ja selbst Einfluss. Sobald er etwas verkauft hat, darf er andere einladen. „Dann bastle ich mir meine kleine Community.“
Die Blockchain-Sphäre ist nah dran an der Gaming- und Animé-Szene, woraus auch Phänomene wie die CryptoPunks (die bislang teuerste der 10.000 Figuren erzielte 7,57 Millionen Dollar), das Nyan-Cat-GIF (600.000 Dollar) oder CryptoKitties entstanden. Die Kunst tastet sich da gerade erst hinein.

Man ist noch am Anfang, so sieht das auch Simone Klein, die fast zehn Jahre die europäische Fotoabteilung von Sotheby‘s leitete und heute als unabhängige Kunstberaterin arbeitet: „Ich denke, dass NFTs ein großes Potenzial für den Markt von digitaler Kunst bieten und dass sich, nachdem der aktuelle Hype etwas abgeflacht ist, allgemein ein breiteres Verständnis für NFTs entwickeln wird und Strukturen entstehen, die diesen Markt transparent und seriös präsentieren und repräsentieren. Momentan ist ja alles völlig überhitzt und die Superlative überschlagen sich quasi täglich.“
Was sie sich für ihre Arbeit erhofft: Mühselige Recherchen könnten sich erübrigen, da eine lückenlose Dokumentation automatisch erfolgt und in der Blockchain abrufbar ist. Für Sammler bietet die Kryptovariante völlige Transparenz über Authentizität, Provenienz und Limitierung. „Die Problematiken des möglichen Fälschens oder der Wiederauflage eines Motives können beseitigt werden, und die dokumentierten Daten dienen auch der Archivierung und Konservierung.“

Ich bin mittlerweile völlig angstfrei mit der Veröffentlichung von Fotos in sozialen Medien.
Jürgen Tenckhoff, Fotograf

Doch auch jenseits der Kunst könnten NFTs für Fotografen einen Mehrwert bringen. Jürgen Tenckhoff, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh), hat gerade einen Workshop zum Thema geleitet. Tenckhoff glaubt, dass NFTs jetzt und in Zukunft viele Probleme beseitigen könnten, die die Fotografie hat: „Man braucht quasi keinen Kopierschutz mehr.“ Er meint damit, dass zum einen in der Blockchain alle relevanten Informationen übers Original für alle Ewigkeit gespeichert sind und zum anderen das digitale Foto selbst bestenfalls im IPFS, dem dezentralen Interplanetary File System, abgelegt wurde. Das verändert auch seine fotografische Arbeit: „Ich bin mittlerweile völlig angstfrei mit der Veröffentlichung von Fotos in sozialen Medien, verunstalte meine Fotos auch nicht mehr mit Wasserzeichen.“

Gleich, wie technisch und nicht greifbar Krypto, Blockchain, Ether und Token auf den ersten Moment erscheinen: Im Grunde stecken hinter dem Phänomen bekannte Mechanismen. „Der Mensch will sammeln, zeigen, was er hat. Kommunizieren und sich zugehörig fühlen“, meint Priska Pasquer im Gespräch. Und da sich gerade ohnehin alles in die digitale Welt verlagert, warum sollte man nicht seine Fotokunst-Sammlung im Wallet auf dem Handy dabei haben, sie in den sozialen Netzwerken teilen oder sie in virtuellen Vernissagen vorstellen statt sie in Archiven zu lagern, in Museen zu hängen oder zuhause überm Sofa den wenigen Gästen zeigen, die dort Zugang haben? Ein Trost für alle Fans der guten alten Haptik: Viele Fotografen geben zum NFT von sich aus einen Print dazu. Sozusagen als Add-On oder Gratisbeigabe.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Anja Martin - Journalistin
Über den Autor
Anja Martin

Die langjährige fotoMAGAZIN-Autorin Anja Martin lebt in Berlin, wenn Sie nicht gerade irgendwo an einer exotischen Location am anderen Ende der Welt unterwegs ist. Denn Reisereportagen sind der zweite große Schwerpunkt der Journalistin, die sonst unter anderem auch für die Süddeutsche Zeitung, die taz oder die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt.