Frank Horvat

03.07.2012

Bildjournalist, Modefotograf, Kreativgeist mit permanenten Drang zur Neupositionierung. Der heute 84-jährige Frank Horvat war einer der bedeutendsten Bildermacher der 1950er-Jahre und hat bis heute stets kompromisslos das Potenzial des Mediums ausgelotet. Ein Gespräch über kreative Krisen, innovative Fotografie und die Kunst, nicht auf den Auslöser zu drücken.

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Frank Horvat, 1999

Selbstportrait des Künstlers: Frank Horvat, 30.9.1999, Boulogne-Billancourt (Frankreich)

© Frank Horvat / Courstesy Galerie Hiltawsky

fotoMAGAZIN: Sie hatten in Ihrer Karriere immer wieder Krisen. Wie sind Sie mit diesen Krisen umgegangen?
Horvat:  Ich habe sehr viel Energie, Zeit und Intelligenz schlecht angewandt, weil ich Geld benötigte. Wenn ich daran denke, sage ich mir, das war verlorene Zeit.


fM: Bereuen Sie etwas?
Horvat: Ich weiß, was ein Fotograf wie Henri Cartier-Bresson, der nicht unbedingt Geld brauchte, mit seiner Zeit anfangen konnte oder jemand wie Josef Koudelka, der beschlossen hatte, ohne Geld zu leben. Es gab Stunden, in denen ich mich zu Tode gelangweilt habe um Modefotos für ein deutsches Ding zu machen, das sich Elegance nannte.  Das war große Scheiße. Und ich strengte mich furchtbar an, um es trotzdem gut zu machen. Helmut Newton war da viel schlauer. Der produzierte das an einem Nachmittag, wofür ich eine Woche brauchte.

fM: Sie bewegten sich eine Weile zwischen Magnum und Mode, den besten Bildjournalisten der Welt und der Fashion-Avantgarde. Ich frage mich, wer damals intoleranter war: Die Magnum-Leute oder die Modebranche?
Horvat: Die Magnum-Fotografen waren sehr intolerant. Und sie hatten recht. Die meiste Mode war Mist. Elliott Erwitt und Bruce Davidson machten Modefotos, von denen sie wussten, dass die nichts Besonderes waren. Ich habe versucht, Mode-bilder zu fotografieren, die ein Ideal hatten. Dabei habe ich mich zwar oft geirrt, aber einige Dinge waren doch gut.

fM: Man hat Sie in den 1950ern zu Jardin des Modes geholt, weil man Ihre Paris-Fotos mochte ...
Horvat: Danach ging alles ganz schnell, man rief mich von Paris nach England und von England nach New York.


fM: Suchten die Auftraggeber explizit Ihre bildjournalistische Ästhetik oder ließ man Sie machen, was Sie wollten?
Horvat: Die wollten Mode auf der Straße fotografiert haben. Das kam mit der Pret-à-Porter-Mode, die als Gegenpol zur Haute Couture entstanden war. Ich hatte das falsch verstanden und dachte, dass man die wahren Frauen sehen wollte.


fM: Und Sie setzten dieses neue Bild der Frau durch. War das schwierig?
Horvat: So schwierig, wie es immer ist, weil Menschen in ihren Gewohnheiten eingefahren sind. Da war zum Beispiel die Tatsache, dass die Leute, die die Klischees herstellten, keinen 35-mm-Kleinbildfilm mochten, weil der ihrer Meinung nach nicht scharf genug war. Das war ein großer Kampf! Der kleine Kampf, der in Wahrheit auch ein großer war, ging so: Man fotografiert ein Mädchen auf der Straße. Ich suche, sehe vielleicht irgendwo einen Engel mit etwas davor und etwas dahinter. Das Mädchen macht etwas. Ich bitte sie, natürlich zu sein und sie ist ein bisschen natürlich. Ich bitte sie, nach rechts zu sehen, sie macht´s, ich finde die Szene gut, hebe eine Hand und in diesem Moment stürzt sich die Redakteurin auf das Model und fängt an, an den Klamotten rumzuzupfen. Als dann das Model fertig war, war von meinem Bild natürlich nichts mehr übrig. Damals hatte ich einen Ruf, als Fotograf mit furchtbarem Charakter, der sich fortwährend zerkrachte.

 

 

 

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Schuh und Eiffelturm A

"Schuh und Eiffelturm A" für Stern, 1974, Paris

© Frank Horvat / Courstesy Galerie Hiltawsky

 

Ich hatte einen Ruf als Fotograf mit furchtbarem Charakter, der sich fortwährend zerkrachte

fM: Wer fing damit an, Fashion mit Kleinbildkameras zu fotografieren?
Horvat: Ich war derjenige, der es am häufigsten machte, der es prinzipiell machte und vor den meisten andern, aber es hatte andere gegeben. Man bringt das immer wieder mit meinem Namen in Verbindung, doch wenn Sie nachforschen, werden Sie feststellen, dass dies sicher nicht richtig ist.

fM: Welche Zeitschrift ließ Ihnen am meisten Freiheit?
Horvat: Jardin des Modes hat sich begeistert für mich, am Anfang. Ich kann mich nicht beklagen, dass man mir keine Freiheit gelassen hätte. Ich würde jedoch sagen, dass die Freiheiten, die man mir nicht gelassen hat, mir geholfen haben. Zum Beispiel bei Harper´s Bazaar,  wo ich meine besten Modefotos machte für die High Fashion-Collections 1962. Damals zwang man mich, Haute Couture zu zeigen. Eine Menge Lippenstift, Make-Up, große Hüte alles Dinge, die mir nicht natürlich erschienen. Die Chefredakteurin Nancy White meinte, sie würden ihren Vertrag mit Revlon verlieren, als ich sie bat, weniger Lippenstift zu verwenden. Merkwürdigerweise ist es gerade das, was heute auf diesen Fotos so interessant ist, diese Unwirklichkeit. Während ich damals glaubte, dass die Wirklichkeit interessant sei. Die Mischung von Wirklichkeit und Unwirklichem ist eigentlich gerade das Interessante.

fM: Wir sprachen bereits über Ihre Krisen. Hatten Sie in diesen Zeiten Zweifel an der Avantgarde, nach dem Motto: Die Menschen kapieren nicht, was hier passiert, weil es seiner Zeit voraus ist?

Horvat: Es gab verschiedene Krisen in meinem Leben. Eine Krise war in den 1960er-Jahren, als man sah, dass es im Fotojournalismus nicht mehr weiterging.

fM: Weil das Fernsehen den Bildjournalismus der Magazine verdrängte?

Horvat: Life wurde eingestellt, Paris Match wurde harmlos und realitätsfern und die Fotografen wurden arbeitslos. Das war die Zeit, in der ich zur Mode wechselte, weil es dort Arbeit gab. Es war eine Krise, nicht nur wegen der Zeitschriftenszene. Man zweifelte, ob es einen Sinn hatte, ob man die Welt zeigen konnte im Fotojournalismus. Welche Bedeutung hatte es, Dinge so isoliert zu betrachten?

 

 

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Modefoto für Jardin des Modes, 1957

Modefoto "Le Chien qui Fume" für Jardin des Modes, 1957, Paris

© Frank Horvat / Courstesy Galerie Hiltawsky

fM: Hatten Sie auch persönliche Gründe, am Erreichten zu zweifeln oder hatten Sie das Gefühl, das Angestrebte erreicht zu haben?

Horvat: Ich hatte dieses Gefühl, alles erreicht zu haben. Und ich hatte die Angewohnheit, wenn ich etwas mal gemacht hatte, zu sagen: jetzt reicht es, es gibt keinen Grund sich zu wiederholen.

fM: Waren Sie schnell gelangweilt?

Horvat: Ja, wenn es mir nicht mehr neu war. Wichtig war, zu sehen, ob etwas kommt und es einmal zu machen. Das war schon eine Zeit der Krisen. Eine Zeit, in der ich Verschiedenes versuchte und das Ergebnis schlecht war. Filme und Fotoromane, die schlecht waren. Dieses und jenes, das nicht funktionieren wollte. Ich zweifelte auch in anderer Hinsicht ich hatte verschiedene familiäre Komplikationen und brauchte Geld. Das war ein Zweifel. Der andere war ganz physisch: Ich hatte Probleme mit meinen Augen.

fM: Sie sind nach allen Krisen immer wieder zurück zur Fotografie gekommen. Was hält Sie an diesem Medium?

Horvat: Wir möchten ja alle gerne ewig leben und wissen, dass wir das nicht können. Einen Moment festzuhalten, der ein wichtiger Moment war, so dass etwas davon übrig bleibt, ist solch ein Stückchen Ewigkeit. Das ist nicht von mir, das hat einmal Robert Doisneau für einen Buchtitel verwendet.

fM: Das Digitalzeitalter gibt die Möglichkeit perfekter Fiktionen. Die Auseinandersetzung mit der Authentizität ist für mich zu einem Kernthema der Fotografie geworden. Wie hat sich Ihr Ansatz in der digitalen Zeit verändert?

Horvat: Im Altertum war das Höchste einer guten Erziehung die Rhetorik, also die Regeln des Umgangs mit Worten. Die Frage des Umgangs mit der Wahrheit war eine wichtige Frage. Für die Worte, die Jahrtausende unser Kommunikationssystem waren, haben wir Regeln ausgearbeitet. Für Bilder, für die Fotografie haben wir noch keine Regeln ausgearbeitet. Die Rhetorik der Fotografie wird langsam von Fotografen und Zeitschriften ausgearbeitet. Was wir heute wissen: wenn Sie eine Reportage lesen und sagen, das muss wahr sein, ist das entweder ein guter Reporter oder eine gute Zeitschrift, der Sie vertrauen. Für die Fotografie ist das alles noch nicht so festgelegt.

fM: Haben Sie die Modefotografie je als Chance begriffen, eine Ästhetik aus anderen Genres einzubringen?

Horvat: Mehr als eine Ästhetik überhaupt einen Blick! Man muss auch daran denken, dass es die Jahre des italienischen Neorealismus im Film waren. Das heißt: Das lag in der Luft. Ich denke, das war der Haupteinfluss: Vieles ging vom Film aus.

fM: Sie sagen, die Fotografie sei die Kunst, nicht auf den Auslöser zu drücken. Was bedeutet das?

Horvat: Wenn jemand fotografiert, ist das fortwährend eine Negativentscheidung: Heute ist das Wetter zu schlecht. Ich werde auch kein Tele verwenden ... Das Schwierige ist, es so wenig wie möglich zu tun. Die mystische Antwort wäre, dass sich durch dieses Nicht-Fotografieren von Fotos eine gewisse Kraft ansammelt. Das ist ein wenig wie Tantra-Sex.
Interview: Manfred Zollner

Gekürzte Online-Version! Das komplette Interview mit Frank Horvat finden Sie in fotoMAGAZIN 6/2012

 

Factfile: Frank Horvat

Geboren am 28. April 1928 in Abbazia (Italien), dem heutigen Opatija (Kroatien); 1939 Flucht mit der Familie vor den Nazis in die Schweiz; 1947-1950 Kunststudium in Brera, Grafiker in Mailänder Werbeagentur, erste Fotos für italienische Zeitschriften. Trifft 1950 Cartier-Bresson in Paris und wird 1951 freier Fotograf; 1955 Umzug nach Paris; Teilnahme an der Ausstellung Family of Man; 1957-1962 einflussreicher Modefotograf, pendelt zwischen Paris, London & New York; 1958-1961 Associate Photographer bei Magnum; Publizierte bis heute 27 Bildbände; Bis 29. 4. 2012 zeigte Horvat seine Bilder in der Galerie Hiltawsky, Berlin und stellte bei dieser Gelegenheit seine neue iPad-App Horvatland vor.

 

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.