David Drebin

14.03.2011

David Drebins Fotos sind Sehnsuchtsbilder, sinnlich und intelligent inszenierte Projektionsflächen unserer Emotionen. Sein erster Bildband vor drei Jahren war eine Sensation. Jetzt folgt „Der Morgen danach“ und eine großartige Ausstellung in der Berliner Galerie Camera Work. fotoMAGAZIN nutzte die Gelegenheit zu einem Exklusiv-Interview

fotoMAGAZIN: Mr. Drebin, welche Assoziationen haben Sie bei dem Gedanken an den Morgen danach?
David Drebin: Das ist eine sehr persönliche Frage (lacht).
Meine Bilder sind nie so, wie sie zunächst erscheinen. Es geht nie um dieses Bild, sondern um ein anderes, das Sie nicht sehen. Es geht um den Moment davor oder den Moment danach. Als ich über einen Titel für mein Buch nachdachte, wollte ich es zunächst  The Night before nennen. Wenn die Menschen an den Morgen danach denken, denken sie in Wahrheit an die vorhergehende Nacht.
fM: Geht es am Morgen danach eher um Katerstimmung oder das Glück?
Drebin: Das ist für jeden anders. Je nachdem, wie Sie das interpretieren. Ich gehe das nicht so intellektuell an. Es ist ein sehr spontan gewählter Begriff. Katerstimmung? Je nachdem, ob Sie getrunken haben ...
fM: Ich meinte natürlich eine emotionale Katerstimmung. 
Drebin: Es geht im Leben meiner Meinung nach immer um Antizipation, Wirklichkeit und Reflektion. Wenn ich mit einer Situation konfrontiert werde, dann denke ich immer: Was ist hier die Erwartung, was ist Realität und was Reflektion. Bei den Bildern geht es um diese Dinge.
fM: In vielen Ihrer Bilder steckt meiner Meinung nach eine tiefe Sehnsucht. Sehe ich das richtig und wenn ja, können Sie das erklären?

Wenige leben ganz im Augenbick

Drebin: Ich glaube, dass die Leute lieber ihrer Phantasie freien Lauf lassen, als im Augenblick zu leben. Deshalb denken die meisten entweder über Gestern oder über Morgen nach. Sie träumen von Vergangenem oder von kommenden Ereignissen. Wenige leben ganz im Augenblick.
fM: In Ihrem neuen Bildband stellen Sie verschiedene Landschaften zusammen: emotionale Landschaften, die physischen, die Körperlandschaften und Bilder der Großstadt. Wie passt das zusammen?
Drebin: Die Cityscapes sind für mich einfach nur Orte, an denen sich einige dieser Dramen entwickeln. Meine Meereslandschaften sind Fotos, bei denen ich versuche, Ruhe zu finden, Orte der Reflektion. Als ich anfing, machte ich Bilder, auf denen man nicht erkennen konnte, wo die Location war. Interessanterweise kamen zu meinen Ausstellungen die Männer immer mit ihren Frauen. Die Männer wollten immer die Bilder kaufen, auf denen Frauen sind, doch deren Frauen ließen das nicht zu. Dann fing ich mit den Landschaften an. Ich wusste, dass die gleichen Männer, die Frauenbilder kaufen wollten, dann diese kauften, weil sie dabei an die Mädchen denken konnten.
fM: Ich vermute, dass viele Frauen diese Sehnsucht in Ihren Bildern mögen.
Drebin: Ich mache gerne Bilder, bei denen es mehr um die Betrachter geht, als um mich. Diese Bilder haben nicht wirklich etwas mit mir zu tun. Ich möchte Bilder machen, bei denen die Leute sagen: Das bin ich. Dort will ich hinreisen. Das habe ich auch mal gemacht. Ich mache gerne Andere zum Inhalt meiner Bilder.
fM: Wie beginnen Sie Ihre Arbeiten: Steht am Anfang eine Frau, eine Location, eine Idee, ein Satz?
Drebin: Einmal hatte mich zum Beispiel einfach Facebook gestört. Ich hatte dieses Mädchen und mit uns klappte es nicht. Am Ende stellte sie all diese Fotos von sich auf Facebook, um mich zu foltern und um anderen Typen zu zeigen: Schaut mich an, ich habe eine großartige Zeit. Facebook hat mich beeinflusst, weil es so selbstzentriert ist. Ich denke, meine Bilder wirken seicht, wenn man sie zum ersten Mal sieht. Wenn man sie dann länger betrachtet, haben sie  eine psychologische Tiefe jenseits der Hochglanzoberfläche.
fM: Ihre Bilder sind eine Mischung aus Monumentalem und Intimen ...
Drebin: Was meinen Sie mit monumental?
fM: Diese epischen, großflächigen Bilder wie etwa eine Boxkampfarena.
Drebin: Was ich an der Boxkampfarena liebe, ist dass das Thema dieses Bildes die Erwartung eines Ereignisses ist. Und darum geht es in meiner ganzen Arbeit. Diese Erwartung eines großen Ereignisses. Deshalb mag ich Boxen: Jeder will dieses Gefühl jeden Tag. Am Ende leben alle Menschen davon: Ausdauer, Unnachgiebigkeit, Siegeswille. 
fM: Das Motiv ist eines von zwei Fotos von Männern im neuen Bildband. Ansonsten ist das eine Welt ohne Männer.
Drebin: Stimmt, und dennoch geht es hier nur um die Männer. Es ist nie so wie es scheint. Wenn Sie in ein Restaurant gehen und zwischen zwei Lokalen wählen, wird es im Lokal einen Moment geben, an dem Sie sich sagen: Ich hätte in das andere Restaurant gehen sollen. Die Leute denken immer über eine andere Option nach. So ist das auch hier. Hier denkt eine Frau über einen Mann nach. Es geht mehr um die Vorstellung, als um die Wirklichkeit.
fM: Im Vorwort Ihres Buches werden diese Frauen als Femmes fatales beschrieben. Ich empfinde sie eher als gebrochene Charaktere.
Drebin: Das sehen Sie ...
fM: Und Sie?

 

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Psychologische Tiefe jenseits der perfekten Hochglanzoberfläche. Drebin-Bild „Me and Me“ aus dem Jahr 2008

Am Ende werden oft die Frauen zum schönen Desaster

Drebin: Ich habe mal im Flugzeug eine berühmte Sexualpsychologin getroffen. Sie sagte mir, sie schriebe ein Buch über Männer und Frauen: Männer sind wirklich dumm und Frauen sind wirklich mies. Wenn es um Sex und Liebe geht, stimmt das wohl. Männer sind generell dumm, wenn es um Sex geht. Die wollen nur die Frau. In vielen meiner Fotos geht es darum, dass die Frauen am Ende zum schönen Desaster werden.
fM: Beautiful Desaster wäre auch ein guter Buchtitel gewesen.
Drebin: Ich liebe ihn, weil wir alle sehr verletzliche Wesen sind, Männer und Frauen. Wir wollen ähnliche und doch total unterschiedliche Dinge. Wenn es um Sex und Liebe geht, bin ich auch dumm. Ich treffe schreckliche Entscheidungen. Und bei meinen Fotos geht es darum, um die Euphorie und die Qualen von Sex und Liebe. Wenn Du zu viel Sex im Bild siehst, wird das zu offensichtlich. Und wenn Du zuviel Liebe im Bild siehst, dann wirkt das wie Stock Photography.
fM: Wenn Sie eine Stadt zeigen, erscheint das Licht manchmal wie Lava, die sich über eine Stadt gießt: pures Dramalicht! Gibt es dahinter einen Plan?
Drebin: Nein. Manchmal präsentiert sich mir ein Bild einfach so. Und ich denke mir: Warum macht niemand sonst dieses Bild? Es ist, als ob mir eine innere Stimme sagt: Schau, das ist jetzt ein Bild für Dich.
fM: Man findet im Internet nirgendwo Angaben zu Ihrem Alter: Wie alt sind Sie eigentlich?
Drebin: Ich bin 40 Jahre alt.
fM: Sie sind in Kanada aufgewachsen, leben schon viele Jahre in New York. Gibt es Kindheitseinflüsse, die Sie anhaltend geprägt haben?
Drebin: Ich sehe den Einfluss meiner Eltern auf meine Bilder. Wenn die Eltern geschieden sind und ein Elternteil eine Sache sagt, der andere etwas anderes, dann lernst Du herauszufinden, wer das Richtige sagt und was beide wirklich meinen. So musste ich schon im jungen Alter diese Rätsel lösen. Das hat mir geholfen Bilder zu machen, die ebenfalls Rätsel sind, die nun alle anderen lösen sollen. Meine Bilder erscheinen mir so offensichtlich, aber die Leute verstehen sie manchmal nicht.
fM: Das Talent zum Geschichtenerzählen kommt auch aus Ihrer Kindheit?
Drebin: Es kommt von ganz alleine. Für mich ist das eine Art zu verstehen, wie mein Gedankenprozess funktioniert. Das ist wie ein visuelles Tagebuch meiner Gedanken, nicht meines Lebens! Es erscheint fast wie eine eigene Welt, die ich  hier erschaffe.
fM:  Wo sehen Sie die Hauptunterschiede zwischen Ihrem ersten und dem neuen Bildband?
Drebin: Das zweite Buch ist besser gestaltet, mehr sophisticated. Mein erster Bildband war noch ein wenig unschuldiger und etwas lustiger. Ich mag das erste Buch, doch das zweite Buch ist auf einem anderen Level.
fM: Sie fotografieren auch diese Megacities und immer ist da dieser Kontrast zwischen dem Individuum und dem Puls der Stadt in der Gegenüberstellung. Hat das mit Ihren Großstadterfahrungen zu tun?
Drebin: Es ist etwas an dem Blick auf das große Stadtpanorama, das uns über die Möglichkeiten hier nachdenken lässt. Ein großer Einfluss für mich war meine Wahrnehmung bei meiner ersten Ankunft in New York. Diesen Eindruck hast Du nur einmal. Wenn Du hier ankommst, die Lichter und die Gebäude siehst, dann denkst Du an all die Möglichkeiten, die Dir hier gegeben werden. Bei meinen (Stadt-)Landschaften geht es ganz um diese Möglichkeiten, nicht um Sie oder um mich.

 

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das uns von der Erwartung eines Ereignisses erzählt. In „Dallas“ (2010) rückt eine Boxkampfarena in Drebins Fokus.

fM: Glauben Sie nicht, dass uns ein Bild immer auch etwas über den Fotografen sagt?
Drebin: Meine Gedanken stecken in dem Bild, daraus entsteht ein Bild, aber ich mache die Bilder für Sie. Diese Fotos sind strategisch kalkuliert.
fM: War das schon immer so?

Ich treffe Kollegen, die Fotograf sind, weil das cool ist

Drebin: Letztlich passierte das, als mir klar wurde, was ich sagen wollte. Es dauert lange, bis man sich dessen bewusst wird. Ich liebe es zu fotografieren, aber ich bin nicht immer gerne Fotograf. Viele sind gerne Fotografen, aber machen nicht gerne Fotos. Ich treffe Kollegen, die Fotograf sind, weil es cool ist.
fM: Gibt es heute zu viel Hype um die Fotografie?
Drebin: Im Zeitalter der Digitalfotografie gibt es viele schlechte Fotos. Viele interessieren mich überhaupt nicht. Ich versuche nicht Kunst zu machen, ich will einfach Fotos machen, bei denen die Leute etwas fühlen. Liebe die Bilder oder hasse sie! Wenn Du keine Meinung dazu hast, habe ich komplett versagt. Ich mag es auch, wenn jemand meine Arbeiten hasst.
fM: Kommt das vor?
Drebin: Manchmal denken die Frauen, dass ich sie extrem darstelle, andere wiederum meinen, dass ich sie als Powerfrau zeige.
fM: Sie sagten einmal, ein Foto sei für Sie idealerweise humorvoll, sexy und sophisticated. Gilt das noch immer?
Drebin: Für das neue Buch nicht so sehr. Einige der besten Fotos haben zumindest zwei dieser Charakteristika. Ich denke nicht, dass diese Ausstellung humorvoll ist, doch ich mache noch immer gerne lustige Fotos, wenn auch nicht mehr so häufig. Die Leute fühlen sich zu diesen Bildern nicht so hingezogen.
fM: Haben Sie dafür eine Erklärung?
Drebin: Sie erkennen sich nicht in diesen Bildern. Ganz wenige haben einen tollen Sinn für Humor.
fM: Was sagen Sie eigentlich den Models bei einem Shooting?
Drebin: Ich erzähle ihnen ganz unterschiedliche Dinge. Das Problem ist: Die meisten Models wollen nicht das machen, was ich möchte. Sie sind keine Geschichtenerzählerinnen, sie wollen einfach nur schön aussehen.
fM: Gibt es ein Foto, das für Sie ihre bisherige Arbeit symbolisiert?
Drebin: Ich liebe das Gotham City-Motiv, das ich aus meinem Apartment gemacht habe, das noch immer mein Büro ist. Es zeigt ein Mädchen in der (Stadt-)Landschaft. Wir blicken von draußen zu ihr rein. Es ist voyeuristisch, ganz das klassische Bild von New York. Die Gebäude stehen so nahe zusammen, dass man zusehen könnte, wie andere im Gebäude gegenüber Sex haben. Ich mag dieses Gefühl, dass hier jederzeit etwas passieren kann. Das ist doch das Spannende am Leben und darum mag ich dieses Bild. Es ist übrigens das letzte Foto, das ich für die Berliner Ausstellung gemacht habe.
Interview:  Manfred Zollner
Das komplette Interview mit David Drebin finden Sie in fotoMAGAZIN 3/2011

 

Factfile: David Drebin

David Drebin wurde 1970 im kanadischen Toronto geboren und studierte an der New Yorker Parsons New School for Design, wo er 1996 seinen Abschluss machte. Er hat bislang zwei Bildbände veröffentlicht: Seinem Erstlingswerk Lover and other Stories (Daab) folgte The Morning After (teNeues Verlag, 79,90 Euro), das im Januar 2011 erschienen ist. Die Berliner Galerie Camera Work repräsentiert den Fotokünstler in Deutschland und zeigte bis zum 15. Januar Drebins neue Arbeiten.
Website: www.daviddrebin.com

 

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.