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Claudius Schulze Porträt
Der Künstler auf seinem Boot: Claudio Schulze vor der digitalen Anzeigetafel.
Foto: © Malte Veh

Claudius Schulze – der Vogelversteher

Ein Bild und 500 Worte
21.11.2022

Zeitgenössische KI-Software überträgt die automatisierten Vogel-Fotografien des Künstlers Claudius Schulze in bisweilen fast poetische Textnachrichten.

Text: Damian Zimmermann

Mit seinem 15 Meter langen Boot Zoë X hat Claudius Schulze gemütlich am Ufer der Elbe angelegt. Der Fotograf und Künstler hat es aber weder auf die Fische im Wasser noch auf die Menschen am Ufer abgesehen – Schulze hat eigentlich nur Augen für die Vögel, die über sein Boot hinweg fliegen. Oder auch gleiten, ziehen, flitzen, flattern oder wandern.

Mit an Bord sind Sensoren mit Vogelruf-Erkennung

Es kommt ganz darauf an, wie man alle vorliegenden Informationen interpretiert. Der 38-Jährige hat nämlich eine hochlichtempfindliche Überwachungskamera auf dem Deck des Schlepp- und Bereisungsschiffes installiert. Die schaut rund um die Uhr senkrecht in den Himmel hinauf und erfasst alles, was sich innerhalb des 80-Grad-Bereichs des Objektives abspielt. Weitere Sensoren an Bord messen Temperatur, Windgeschwindigkeit und -richtung, Luftfeuchtigkeit und Niederschlag, den Standort und die Umgebungsgeräusche und sind mit einer Vogelruf-Erkennung ausgestattet.
All diese Informationen werden in Echtzeit mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) verarbeitet, in Sprache interpretiert und anschließend auf eine riesige Anzeigetafel, wie man sie von Flughäfen kennt, übertragen. Die resultierenden Nachrichten können profan und poetisch zugleich sein wie beispielsweise „Ein panischer Vogel gleitet gen Südost“, „Eine Mönchsgrasmücke zieht Richtung Rand der Welt“ oder „Bei Neumond ruft eine Blaumeise.“

Klimakrise, Artensterben, Bionik und technische Zusammenhänge

Hinter diesem fast ein wenig dadaistisch wirkenden Projekt steckt ein ernstes und zumindest halb wissenschaftliches Anliegen. Denn trotz Licht- und Lärmverschmutzung ist die Artenvielfalt in Städten mittlerweile oft höher als auf dem Land, da sie im Gegensatz zu den Monokulturen der Felder und dem Einsatz von Pestiziden mehr abwechslungsreiche Kleinbiotope aufweisen. Auf der einen Seite.

Zwei Drittel aller in Deutschland vorkommender Vogelarten lassen sich  in Großstädten beobachten.
– Claudius Schulze –

Auf der anderen Seite schätzt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu), dass jedes Jahr allein hierzulande mehr als 100 Millionen Tiere sterben, weil sie gegen Fensterscheiben fliegen. Zudem sitzt der Magnetsinn bei Vögeln im Auge und der kann durch starke Lichtquellen beeinflusst oder gar gestört werden, was besonders bei Zugvögeln zu Problemen führen kann – spätestens dann, wenn sie sich plötzlich nur noch im Kreis fortbewegen.

Seit Jahren beschäftigt sich Schulze mit Themen wie Klimakrise, Artensterben, Bionik und technische Zusammenhänge. In seinem 2017 veröffentlichten Fotobuch „Naturzustand“ zeigte er mehr oder weniger harmonische bis romantische Landschaften in Europa, die sich bei genauerer Betrachtung allerdings eher als Orte der Angst und Prophylaxe entpuppen: Wir sehen Dämme und Stauseen, Wellenbrecher und Sturmflutsperrwerke, Molen und Lawinenverbauungen. Selbst eine idyllische Auenlandschaft mit einzelnen Kühen darauf entpuppt sich als mögliches Überschwemmungsgebiet für ein Elbhochwasser.

Für sein aktuelles Projekt „FIDS Open Research Lab“ nutzt er zwar erneut das Medium Fotografie, zeigt uns aber eben keine Fotografien mehr. Sie sind lediglich das Ausgangsmaterial für Interpretationen, die ein Algorithmus automatisiert vornimmt. Dafür steht der KI ein Wortschatz von rund 500 Wörtern zur Verfügung – von Vogelarten über Himmelsrichtungen bis zu Verben für Bewegungsarten sowie ihre Synonyme. Und da die Künstliche Intelligenz nicht weiß, ob manche Wörter zeitgemäß, Umgangssprache oder altbacken sind, kommen dabei so wunderbare Sätze wie „Bei Neumond zieht eine Blaumeise an den Rand der Welt“ heraus.

Webseite zu Claudio Schulzes Projekt:
> fids-opensearchlab.org

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
fotoMAGAZIN

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