Foto-Konvolut

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© Cordia Schlegelmilch

Bilderkauf bei Ebay: Eine Kiste voller Fotoschätze

fotoMAGAZIN ersteigerte eine Kiste alter Fotos
09.03.2015

Ein wahrer Fotoschatz oder drei Kilo Altpapier? Unser Autor befragte einen Fotokünstler und eine Soziologin nach dem Wert der alten Bilder

Mein Leben ist eine Erinnerung. Meine Gehirnzellen, meine Fotoalben, meine Tagebücher. Allerorten lagere ich Gestern. Meine Technik ist vollkommen einfach: Ich mache ein paar Fotos und poste meinen Tagesverlauf im Web. Das Bedürfnis, meine Erinnerungen auszulagern, scheint mir im Gencode eingeschrieben.

So wie ich sind vermutlich viele. Kein Wunder, dass da die Archive der Welt überquellen und die Haushalte vollgestopft sind mit all diesen Gedächtnisstützen. Wie wird man all das süße Gift der Melancholie eigentlich wieder los? Wie funktioniert das Vergessen?

Jörg Sasse und der Fotoschatz

Jörg Sasse und der Fotoschatz

Jörg Sasse
1962 in Bad Salzuflen geboren, beschäftigt sich Sasse nach einem Studium bei Bernd Becher mit Collagen aus vorgefundenen Fotografien.

​Kleine Höhepunkte aus dem Karton
Straßenansichten, Ausflugsgruppen, Alltagsszenen. Doch im Banalen liegen Möglichkeiten für eine weitere Beschäftigung verborgen. Pärchen, rauchende Frauen oder lesende Männer böten Möglichkeiten für eine Sammlung

Bei Digitalfotos ist das relativ einfach. Die allermeisten werden einfach gelöscht. Wer will in ein paar Jahren schließlich noch wissen, welches Mittagessen sein Ahnherr an einem ganz gewöhnlichen Montag verspeist hat. All meine Selfies und Foodies werden irgendwann also Datenstaub sein. Doch was geschieht mit teuer produzierten Fotoabzügen?

​Finding Sabine Mustermann

175 Jahre Fotografie sind auch 175 Jahre Bildabfall. Der Berliner Fotokünstler Joachim Schmid hatte da bereits in den 1990er Jahren eine bahnbrechende Idee: Schmid gründete die „Erste allgemeine Altfotosammlung“. „Altfotos“, so ließ der Künstler damals via Flugblatt verlauten, „gehören nicht in den Hausmüll, sondern müssen gesondert entsorgt werden. Viele Fotografien können wiederaufbereitet und noch einmal einem nützlichen Zweck zugeführt werden.“

Es war einer der ersten Aufrufe zur ikonografischen Amnesie. Ein Beitrag gegen die visuelle Umweltverschmutzung. Das ist jetzt mehr als zwanzig Jahre her. Und geholfen hat der Aufruf eigentlich lediglich Schmid, der die eingesammelten Bilder später zu Gruppen und Themenblöcken formierte.

Der Müll ist jedoch nicht weniger geworden: Auf Trödelmärkten, in Antiquariaten und besonders auf Handelsplattformen á la Ebay stößt man immer noch auf Fotos einer vergessenen Vergangenheit. Hier bieten Händler Fotokisten und -konvolute von namenlosen Amateuren an. Mal vorsortiert, mal kiloweise.
Sprach Schmid einst von einem „gigantischen Fotoberg“, so muss man heute wohl von einer Sintflut sprechen. Drei Milliarden neue Amateurfotos sollen es laut einer Studie von Samsung sein, die alleine in Deutschland jeden Monat neu hinzukommen.

Warum kauft jemand Bilder von vollkommen Fremden? Was verraten einem die Gedächtnisstützen anderer über sich und sein Verhältnis zur Fotografie? Ich wollte es genauer wissen und kaufte im Auftrag von fotoMAGAZIN drei Kilo vom deutschen Fotoberg.
Ein Antiquar aus Süddeutschland hatte die Bilder in einen Karton geschüttet und für etwas über 100 Euro bei Ebay zum Verkauf angeboten. Manchmal, so hatte man mir vorher gesagt, böten Händler sogar ganze Koffer voller Altfotos an.

Fotos, auf denen nicht viel mehr zu sehen ist, als längst vergangene Schützenfeste, Einschulungen und Familienaufstellungen. Wahre Schätze sind darunter selten. Eher eine Art „Finding Sabine Mustermann“.
Ich wollte mich auf die Suche machen. An einem Freitag im September stand mein Fotopaket vor der Tür. Ein privater Lieferservice hatte die braune Erinnerungskiste einfach in den Hausflur gestellt.

Es roch muffig, verstaubt, als ich das Paketband gelöst hatte. Hier also lagerten die Leben der Anderen. Die meisten Abzüge waren schwarzweiß, hatten abgerundete Ecken und stammten aus den 40er- bis 70er-Jahren. Viereckige Lebensrückstände, von denen jeder Einzelne ein Geheimnis barg.

Vermutlich waren die meisten Menschen auf diesen Fotos lange tot. Zumindest lagen die glücklicheren Tage hinter ihnen – die Hochzeiten, die Konfirmationen. Und jetzt lagen diese Momente plötzlich vor mir. Ich kippte die Fotos auf dem Fußboden aus. Das alles rief nach letzter Beachtung: die rauchende Blondine im Kaffeehaus der 50er-Jahre; die Hochzeit auf dem Lande; das Liebespaar auf einer Bank. Und dann fiel mir Herlinde in die Hände.

So jedenfalls stand es in geschwungener Schrift auf der Rückseite des vergilbten Agfa-Papiers. Bleistift. Eine Frauenhandschrift. Auch das Aufnahmejahr war darunter notiert: 1965. Herlinde trug in jenem Jahr einen schwarzen Mantel und hatte sich im Halbprofil vor eine nentblätterten Baum gestellt. Sie muss damals um die Dreißig gewesen sein. Ihre offenen blonden Haare und ihr lasziver Blick fielen mir sofort ins Auge. Herlinde war schön.

Doch sie war wie alle aus meiner Kiste: Fotografiert, um der Vergänglichkeit ein Schnippchen zu schlagen. Vielleicht aber

Fotoschätze

Fotoschätze

Jörg Sasse hat ein besonderes Interesse für Bildhintergründe. So fielen ihm auf Anhieb die gemalten Kulissen auf diversen Fotos auf. Selbst der Wald im Farbfoto oben links ist bei genauem Hinsehen nur Attrappe. Doch auch die Hand am Ohr des Mannes unten rechts fand Sasses Aufmerksamkeit.

auch, um eines Tages auf meinem Dielenboden zu landen. Ich spürte eine Herausforderung. Fast war es, wie ein äußerer Druck. Diese Leben wollten erzählt werden. Und mich hatten sie zu ihrem Erzähler gewählt.

Was sagt der Fotokünstler?

Wo sollte ich anfangen? Ich beschloss, Rat bei einem Experten zu einzuholen; packte all die Abzüge, die Dia-Rähmchen und Polaroids in den Karton und fuhr damit nach Brandenburg. Inmitten einer Idylle im Havelland wohnt dort der Künstler Jörg Sasse. Einst Student in den legendären Fotoklassen von Bernd Becher, wurde Sasse später berühmt, indem er Kunstwerke aus vorgefundenen Amateurfotografien schuf. Fotos anderer Leute, die er zuweilen beschnitt, veränderte und nachbearbeitete.

Während ich im Überlandbus an den Wäldern Brandenburgs vorbei rauschte, dachte ich an Herlinde. Vermutlich war sie tot. Vermutlich hatte ein Erbe ihr Fotoalbum im Nachlass gefunden und meinem Ebay-Händler zum Verkauf angeboten.
Jörg Sasse erwartete mich bereits. Er hatte einen riesigen Tisch zur Sichtung meiner Fotos freigeräumt – so, wie er das immer macht, wenn er alte Fotokonvolute untersucht.
„Ich sichte erst einmal alles. Das kann relativ lange dauern.“ Sasse setzte sich eine Lesebrille auf und legte los.

Ab und an legte er einzelne Bilder auf kleine Stapel. Herlinde war nicht darunter. Stattdessen Frauenporträts aus den 40er-Jahren. Der Grund für seine Auswahl ist nicht ersichtlich. Auf meinen fragenden Blick hin erklärte er: „Hier liegen alle interessanten Bilder von Studiofotografen.“ Sasse referiert er über die wandelnden Moden der Porträtfotografie, erklärt Zeitposen und wechselnde Hintergründe. Sasse ist der beste Altfoto-Experte, den ich kriegen kann. Er kennt alle Materialien und Kameratypen, dechiffriert Zeitzeichen und Bildmotivationen.

Manchmal lachte er leise. Dann hielt er mir ein Bild hin, dessen Witz mir zunächst verschlossen blieb. Doch Sasse ist geduldig: „Warum“, fragte er, „wurde hier fotografiert?“. Er zeigte mir ein Foto aus den 60er-Jahren. Der Fotograf schien seine Kamera hier leicht verzogen zu haben. Sein Blick ging über die Köpfe einer kleinen Gesellschaft hinweg. Doch Sasse sieht alles. Mit zwei Papierblättern formte er jetzt eine spitz zulaufende Sichtachse über dem Foto. Mein Blick fiel nun direkt auf eine junge Frau. „Anmache!“, sagte Sasse, und legte das Bild beiseite.

Jörg Sasse sucht nach Nebensachen, formt neue Ausschnitte, verdichtet übersehene Zusammenhänge. Nach jeder Sichtung scannt er sonst bei seiner künstlerischen Arbeit die interessantesten Bilder in eine Datenbank ein. 80.000 Amateurfotos befinden sich heute darin. Alle verschlagwortet nach verschiedensten Kategorien.

Kaum Verwertbares

Doch in meiner Kiste findet er kaum Verwertbares. Zwei Fotos behält er am Ende für sich. Ich schenke sie ihm gerne. Vielleicht werde ich deren Reste eines Tages in einer Ausstellung finden. Vielleicht eine Gardine, die Sasse aus einem Bildhintergrund befreit hat oder eine Perspektive mit besonderem Charme. Bis dahin aber wird es dauern.

Was auf meinem Nachhauseweg blieb, war eine bittere Erkenntnis: Unter meinen Altfotos scheint künstlerisch kaum etwas von Belang zu sein. Nicht einmal Albernheiten, wie sie etwa Erik Kessels gesammelt hat.

Visuelle Soziologie

Ganze Bücher hat der Niederländer damit bereits gefüllt: Fotos von Hasen, denen man einen Keks auf den Kopf gelegt hat oder Frauen, die im Wasser warten. „In Almost every Picture“ nennt Kessel diese Fotoreihen. Ein anderer, Peter Piller, hat mal Zeitungsbilder von Menschen zusammengestellt, die in Baulöcher schauen. Manchmal hat er auch nur triviale Himmelsansichten zu kleinen Gruppen formiert.
Hans-Peter Feldmann wiederum, ein Knipsebild- Sammler aus Düsseldorf, hat in über vierzig Jahren ein Oeuvre aus Fremdbildern geschaffen, die oft nicht mehr zeigen als alltägliche Dinge und Handlungen. Doch in meiner Kiste ist nichts von alldem.

Cordia Schlegelmilch und der Fotoschatz

Cordia Schlegelmilch und der Fotoschatz

Cordia Schlegelmilch
Promovierte Soziologin, die sich über Jahre hinweg mit visueller Soziologie beschäftigt hat. Heute arbeitet sie selbst als Fotografin

Cordia Schlegelmilch interessiert sich besonders für bestimmte soziologische Topoi – darunter etwa „Menschen auf dem Balkon“ oder „Die deutsche Venedig-Sehnsucht“. Zu diesen Themen ist sie in dem Karton nach längerer Suche auch fündig geworden.

Mein nächster Anlauf soll der Wissenschaft gelten. Ich verabrede mich mit der Soziologin Cordia Schlegelmilch. Seit den 1970er Jahren beschäftigt diese sich mit Lebensläufen und Milieus, die man anhand von alten Fotos rekonstruieren kann. Visuelle Soziologie, sagt sie, sei wissenschaftlich gesehen eher ein Randgebiet.

Doch in der Stadtforschung oder der Soziologie des Wohnens seien Fotos immens wichtig. Unzählige Alben hat Codria Schlegelmilch über die letzten Jahrzehnte zusammengetragen. „Manchmal interessiert mich die Machart eines einzelnen Albums fast mehr als die Fotos darin.“

Mit Alben kann ich leider nicht dienen. Der Inhalt meiner Kiste ist aus vielen Einzelsammlungen zusammengewürfelt. Die Soziologin stört das wenig; wenngleich sie darauf hinweist, dass eine eindeutige Provenienz mit Herkunft, Aufnahmedatum und Urheber bei Amateurfotos ebenso wichtig sein kann wie bei gehobenen Kunstwerken. Immer wieder entdeckt Schlegelmilch in meiner Kiste ansprechende Einzelbilder, schwärmt vom Bildaufbau einer alten Carte de visite und vergleicht diese mit dem Zeichen-Arrangement auf einem Reisefoto aus den 1980er-Jahren.

Die Soziologin scheint begeistert. Dann die Ernüchterung: „Diese wunderschönen Fotos interessieren eigentlich kaum noch jemanden. Wen will man damit schon begeistern? Es gibt immer weniger Leute, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen wollen.“ Ich bin enttäuscht. Drei Kilo Amateurgeschichte, und keiner, der diese noch gebrauchen könnte. Vielleicht hat Cordia Schlegelmilch recht.

Auch ich will die Vergangenheit ruhen lassen. Adieu, Ihr Geister und Ihr Fremden! Vielleicht ist Eure Zeit längst abgelaufen. Was kann ich schon in Erfahrung bringen? Zeitgeschmäcker, Accessoires und Fotomoden. Euer Leben aber ist das nicht. Die Indianer glauben ja, dass Fotografien den Fotografierten die Seele rauben. Ich gebe Euch Eure Seelen zurück. Morgen verkaufe ich meinen Karton erneut auf Ebay. Die Preise für alte Fotos stehen gut.

Dieser Artikel ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 12/2014 erschienen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Journalist Ralf Hanselle
Über den Autor
Ralf Hanselle

1972 in Detmold geboren, studierte Philosophie und Germanistik an der Universität Bonn. Nach Hospitanzen und Tätigkeiten bei diversen deutschen Tages- und Wochenzeitungen arbeitet er seit 2000 als freier Publizist. Zu den Schwerpunkten seiner Arbeit zählen Foto- und Kunstkritik sowie Reportagen aus den Bereichen Kultur und Geistesleben.