Die Wahl des Vergrößerungsfaktors

27.04.2010

Eine hohe Vergrößerung ist nicht automatisch besser als eine niedrige, was besonders für die Beobachtung aus freier Hand gilt. Auch die Fernglas-Kenndaten, die mit der Vergrößerung zusammenhängen, sollte man nicht außer Acht lassen. Die Wahl des Vergrößerungsfaktors hat viel damit zu tun, wie und was beobachtet werden soll

Dass Faktoren zwischen 7x und 10x als Standardvergrößerungen gelten, hat gute Gründe: Solche Ferngläser holen ferne Objekte in vielen Fällen ausreichend nah heran, und unruhiges Fernglashalten stellt normalerweise noch kein Problem dar. Für Theater, Oper und Konzert aber auch für viele Sportereignisse sind weniger starke Vergrößerun gen zwischen 3x und 5x zweckmäßig. Vorrang hat hier das mit der geringen Vergrößerung einhergehende große Sehfeld, denn der Theaterbesucher möchte ja nicht nur einen winzigen Bühnenausschnitt sehen. Umgekehrt kann für den Naturbeobachter die Vergrößerung oft gar nicht hoch genug sein, so wie der Tierfotograf sehr langbrennweitige Objektive benutzt, um Fuchs oder Kranich halbwegs formatfüllend aufs Foto zu bekommen. Die mon okularen Fernrohre, die auf Stativen montiert werden und bei Vogelkundlern unter der Bezeichnung Spektiv laufen, bieten üblicherweise Vergrößerungs-faktoren zwischen 20fach und 75fach. Fernrohre mit fest eingebautem Okular sollten für den universellen Einsatz mit Zoom ausgestattet sein. Für Spektive mit Wechselanschluss stehen Okulare mit fester Vergrößerung, Zoom-Okulare und oft auch Weitwinkel- und Brillenträger-Okulare zur Verfügung. Warum wird bei Fernrohren meistens auf die beidäugige, räum liche Betrachtung verzichtet? Je stärker die Vergrößerung, desto genauer müssen die optischen Achsen justiert sein, um deckungsgleiche Bilder zu liefern. Binokulare Ferngläser mit Vergrößerungen ab 20x sind außerdem sehr groß, schwer und teuer. Man kennt sie am ehesten als Aussichtsfernrohre, und Astronomen gehen damit auf Kometenjagd. 

Stabilisierung für hohe Vergrößerungen

Beim Beobachten aus freier Hand leidet die Erkennbarkeit des Bildes etwa ab Faktor 12x zunehmend durch Handunruhe. So kann es sein, dass man mit einem 15x-Fernglas in der Hand weniger Details sieht als mit einem nur halb so starken Fernglas. Hohe Vergrößerungen erfordern also Stabilisierungshilfen. Das Auflegen des Fernglases ist nur ein Notbehelf in der Regel benötigt man ein (möglichst stabiles) Stativ inklusive Befestigungs-Adapter. Nun lässt sich ein Stativ nicht immer mitführen, und lästig ist es ohnehin. Daher wurden Ferngläser mit eingebauter Bildstabilisierung entwickelt. Solche Hightech-Geräte mit Vergrößerungen zwischen 8fach und 20fach werden gegenwärtig von Canon, Fujinon, Nikon und Zeiss angeboten. Am längsten auf dem Markt ist das Zeiss 20x60 S. Hier sorgt eine ausgeklügelte Mechanik dafür, dass unabhängig von der Hand-unruhe ein ortsfestes Bild auf der Netzhaut entsteht. Die anderen Systeme beinhalten elektronische Sensoren für das Erfassen der Wackelbewegungen sowie eine Einrichtung, die das Strahlenbündel blitzschnell in entgegen gesetzter Richtung auslenkt. Die Zusatzausstattung wirkt sich natürlich auf Abmessungen, Gewicht und Preis aus. Aber der Effekt, dass ein zitterndes Bild auf Knopfdruck plötzlich absolut ruhig steht, ist schon sehr überzeugend!
 

Optische Qualität und weitere Eigenschaften 

Am anschaulichsten lässt sich der Vergrößerungsfaktor eines Fernglases folgendermaßen erklären: Bei zehnfacher Vergrößerung sieht man ein 50 m entferntes Objekt durch das Fernglas so, als befände es sich in nur 5 m Abstand. Die gleiche Detailerkennbarkeit wie aus 5 m Abstand darf man aus verschiedenen Gründen nicht ganz erwarten. Da ist zum einen die schon erwähnte Handunruhe, und bei größeren Distanzen können die Sichtverhältnisse das Bild verschlechtern. Eine große Rolle spielt die Auflösung des optischen Sys tems, die wiederum eine Frage des technischen Aufwandes und der Qualität ist. Schaut man sich den gleichen Vogel abwechselnd mit einem Achtfach-Glas für 50 Euro und einem für 500 Euro an, sollte der Blick auf die Feinheiten im Gefieder ein Aha-Erlebnis auslösen. 
 
Andere Kenndaten, die für den praktischen Gebrauch eines Fernglases oder Fernrohres gleichfalls wichtig sind, stehen in Wechselwirkung zur Vergrößerung. Sehfeld bzw. Sehwinkel werden bei zunehmender Vergrößerung enger. Das heißt, es wird immer schwieriger, das ge wünschte Objekt zu finden oder gar seine Bewegung zu verfolgen. Trotz dieses grundsätzlichen Zusammenhangs können Fernglas-Modelle mit gleicher Vergrößerung aber je nach Konstruktion recht unterschiedliche Sehfelder bieten. 
 
Bei Ferngläsern mit gleichem Objektivdurchmesser schrumpfen auch die Austrittspupillen mit steigender Ver größerung. Dies wirkt sich nachteilig auf die Benutzung im Dämmerlicht aus, und das Bild verschattet leichter bei unruhiger Fernglashaltung. Hohe Vergrößerung und der Wunsch nach großen Austrittspupillen führen zwangsläufig zu unhandlicheren Gläsern. 

Vor- und Nachteile von Zoom-Ferngläsern 

Bei Kameras sind Zoomobjektive gang und gäbe, während Ferngläser mit veränderlicher Vergrößerung nur eine Nebenrolle spielen. Einerseits ist es ganz praktisch, die Vergrößerung z.B. zwischen 8x und 20x an die Beobachtungssituation anpassen zu können, andererseits sind die hohen Vergrößerungen der Zoomgläser mit den anfangs genannten Einschränkungen behaftet, d.h. kleine Sehfelder, geringe Dämmerungszahlen und Probleme mit der Handunruhe. Wünschenswert sind daher einigermaßen große Objektivdurchmesser wie beispielsweise 50 mm, was sich bei Kompakt-Zoomgläsern natürlich nicht verwirklichen lässt. Häufig haben Zoom-Ferngläser bereits an der unteren Grenze des Vergrößerungsbereichs recht enge Sehwinkel, und kurze Nahgrenzen sind ebenfalls untypisch. Eine spezielle Methode zur Erhöhung der Vergrößerung sind monokulare Okular-Vorsätze. Sie werden von Bushnell, Swarovski und Zeiss für bestimmte Fernglas-Modelle angeboten und lassen die Vergrößerung auf das Zwei- bis Dreifache wachsen. So wird beispielsweise aus einem Binokular 10x50 ein einachsiges Fernrohr 20x50. 
Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Josef Scheibel