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Der Schritt in die Selbstständigkeit will gut überlegt sein
16.12.2014

Immer häufiger wollen Freizeitfotografen ihr Foto-Hobby zum Beruf machen. Doch dazu gehört mehr als Talent und Technik

Fotograf Samuel Kümmel hängt seine Kamera an den Nagel. Er gibt sein Gewerbe auf. Das liegt nicht am mangelnden Talent. Und ebensowenig am Auftritt: Die Website des Ludwigburgers ist professionell gestaltet, seine Fotos zeugen von solidem Handwerk und angemessenem Fotoequipment, vor allem aber vom Gespür für den richtigen Augenblick und Einfühlungsvermögen in die Menschen, die er fotografiert.

Die besten Voraussetzungen für einen Fotografen. Doch diese sind nur die Basis. Wer sich selbstständig machen möchte, der braucht viel mehr. Mehr Wissen, mehr Fähigkeiten, mehr von diesen Skills, die man in einem Business braucht um zu überleben. Wer selbstständig ist verbringt viel Zeit mit diesen Dingen, die gar nichts mit der  Fotografie zu tun haben. Viel mehr, als die meisten absehen können. 

Ich bin kein Verkäufer

Auf dem Foto-Portal kwerfeldein.de schildert Samuel Kümmel die Gründe für seine Entscheidung.

Samuel Kümmel, Fotograf

Samuel Kümmel, Fotograf

Fotograf Samuel Kümmel schreibt auf kwerfeldein.de über seine Entscheidung.

© Samuel Kümmel

An erster Stelle führt er an, was er unbedingt hätte sein müssen: "Ich bin kein Verkäufer." Wer selbstständig ist, muss sich und seine Arbeit  im besten Licht präsentieren und darstellen. Er muss akquirieren, seine Zielgruppen kennen und ansprechen. Immer wieder. 

Hinzu kommt der betriebswirtschaftliche Hintergrund. Wer Rechnungen schreiben will, muss vorher seine Kosten kennen. Er muss realistisch kalkulieren und alle Ausgaben mit einbeziehen: Miete, Krankenversicherungen, Versicherungen, vielleicht Berufsgenossenschaft, Steuerberater, Urlaubszeiten, Krankenzeiten, Fotoequipment, Festplatten, Software, Fahrzeug, Kleidung, eben einfach alles. Die meisten Neueinsteiger machen das nicht.
Auch Samuel Kümmel nicht: "Ich hatte am Anfang keine Ahnung davon. Die ersten zwei Jahre habe ich für unterirdische Preise gearbeitet." erzählt er in seinem Blogbeitrag.

Ordentliche Arbeit für einen Appel und ein Ei

"Das Phänomen, das irgendwann zum Problem wird, sind die vielen, die neben ihrem Hauptberuf fotografieren." erklärt Vernon Trent, Fotograf aus Düsseldorf. "Die können ihre Leistung für einen Appel und ein Ei abgeben und dafür ordentliche Arbeit abliefern. Ihre Miete und ihre Versicherung müssen sie davon ja nicht bezahlen."

Doch eben jene sind es, die irgendwann beschließen, ihre Passion zum Hauptberuf zu machen. Weil es nebenberuflich so gut läuft, die Auftragslage immer besser wird.

Fotograf Vernon Trent in seinem Düsseldorfer Atelier

Fotograf Vernon Trent in seinem Düsseldorfer Atelier

Fotograf Vernon Trent in seinem Düsseldorfer Atelier

© Sandra Schink

"Sie merken erst dann, dass sie ihre eigenen Preise - und die einer ganzen Branche - kaputt gemacht haben. Wenn sie auf einmal 400% nehmen müssen. Und ihre bisherigen Kunden deshalb abspringen."
Vernon Trent kennt die Branche gut. Er fotografierte schon als Kind, ist der Fotografie sein Leben lang treu geblieben. Doch für die Familie hat auch er zeitweilig einen anderen Job gemacht. "Wenn man nicht mehr nur für sich selbst verantwortlich ist, sucht man sich etwas Solides."

Du verkaufst Deine Vision der Dinge

Da hatte er sich längst einen Namen als künstlerischer Fotograf gemacht, hatte bereits eine feste Fangemeinde und einen Kundenkreis. Die Fotografie hat er nebenberuflich weiter geführt. Und seinen Stil geschärft. Ein Prozess.

"Letztendlich verkaufst Du als Fotograf Deine Vision der Dinge. Das kapieren die meisten nicht."
Es gilt einen eigenen Stil zu entwickeln, wiedererkennbar zu werden, unique zu werden.

"Du wirst gebucht, weil jemandem Deine Art gefallen hat, wie Du die Dinge siehst und aufnimmst. Nicht weil Du eine tolle Kamera hast oder einen Gestaltungstrend kopierst, der gerade angesagt ist." 

Auch Vernon Trent lebt nicht nur von den Fotos, die er macht, selbst wenn er Galerievertretungen in Spanien, den Niederlanden und Deutschland hat. In seinem Atelier mit Labor in Düsseldorf gibt er auch Workshops für Wetplate-Fotografie und Edeldruckverfahren, die alten Fotoprozesse.

Fotografin Coranoir und ihre Familie

Fotografin Coranoir und ihre Familie

Andrea Jüttner-Lohmann hat ihr Foto-Business neben der Familie aufgebaut. Inzwischen kommen Kunden aus ganz Deutschland zu ihr nach Soltau.

© coranoir

Maßlose Überschätzung des Berufsbildes

Andrea Jüttner-Lohmann ist Fotografin in Soltau und hat sich auf Hochzeitsfotos und Familienportraits spezialisiert - das gleiche Segment wie Samuel Kümmel. "Auch wenn ich davon lebe und die Familie ernähre: Ich mache sowohl Shootings die mir Spaß machen, als auch Shootings um unser Essen auf den Tisch zu bekommen."

Und sie macht klar, was sich viele passionierte Freizeitfotografen, die über einen Jobwechsel nachdenken, nicht bewusst machen: "In welchem Beruf gibt es nur Spaß und Selbstverwirklichung? Was ich in der Berufssparte Fotograf täglich erlebe ist vor allem eine maßlose Überschätzung des Berufsbildes. Wir machen Fotos. Nicht mehr, nicht weniger."

Leidenschaft für die Business-Themen

Florian Eisermann, Fotograf

Florian Eisermann, Fotograf

Florian Eisermann weiß, dass Selbstvermarktung zum Berufsbild dazu gehört

© Florian Eisermann

"Eine unbändige Leidenschaft muss vorhanden sein, um in der Selbstständigkeit zu bestehen." Auch Florian Eisermann hat den Schritt in die Selbstständigkeit als Fotograf gewagt und weiß heute, dass er sich nun mit viel mehr anderen Dingen auseinandersetzen muss, als fotografieren. Er schreibt bei fotografr.de: "Meiner Meinung nach muss diese Leidenschaft nicht nur für die Fotografie vorhanden sein, sondern genauso, wenn nicht sogar noch mehr, für die Business-Themen."

Ich will ohne Druck fotografieren

Samuel Kümmel ist bewusst geworden, dass er genau das nicht möchte: "Ich will ohne Druck fotografieren. Ich will Fotos machen, die ich mir aufgrund ihrer Ästhetik und persönlichen Bedeutung selbst an die Wand hängen würde."

Seine Entscheidung, sich in seinem alten Beruf wieder festanstellen zu lassen ist konsequent. Sein Schritt mit seinen Gründen dafür in die Öffentlickeit zu gehen mutig.  Und er wird damit vielen, die gerade mit dem Gedanken an die Selbstständigkeit spielen, bei Ihrer Entscheidung helfen.

"Mein Appell an alle, die gerade in die fotografische Selbstständigkeit starten wollen, lautet: Überlegt Euch lange und genau, was Ihr eigentlich wollt und könnt." schließt er ab. "Und zwar bevor Ihr in die berufliche Fotografie einsteigt."

Update Januar 2015: Samuel verkauft sein Foto-Equipment

fotoMAGAZIN 2/2015

fotoMAGAZIN 2/2015

In unserer Ausgabe 2/2015 haben wir neun Fotografen in die Bücher geguckt.

Cover © Daniel Sommer

Mehr Informationen

 

Ralf Hanselle hatte sich bereits 2010 mit dem Traumjob Fotograf beschäftigt: "Die Zeit der Diven ist vorbei."

Und in unserer Ausgabe 2/2015 haben wir Fotografen gefragt, was sie verdienen: Der Gehaltsreport. Hier auch online zu lesen.

Das fotoMAGAZIN als ePaper finden Sie in unserem Shop.

Und hier gibt es einen Honorarrechner für Fotgrafen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Sandra Schink
Über den Autor
Sandra Schink

Sandra Schink arbeitete seit den frühen 1990ern als Fotoreporterin für Tageszeitungen wie BILD, EXPRESS und die Westdeutsche Zeitung. Seit 1996 nutzt sie das Internet als Netzwerk-, Recherche- und Blogplattform und hat als Community Managerin Foren und Communities betreut, darunter bei stern die VIEW Fotocommunity. Seit 2014 ist sie als Online Redakteurin Teil des fotoMAGAZIN-Teams.

Kommentare

Ein guter, sehr guter Fotograf ist noch lange nicht so gut, dass eine Selbstständigkeit langfristig trägt. Daher ist es wichtig, sich dies intensiv zu überlegen mit einem reallen Geschäftsplan. Wer sind meine Kunden? Kann und will ich dass machen, was die Kunden erwarten? Kann ich mich und meine Leistung täglich neue verkaufen, auch in den verschiedenen sozialen Medien? In der Regel hat der Markt nicht darauf gewartet, dass man da ist, daher braucht man ein Alleinstellungsmerkmal und eine positive Präsenz. Die meisten hauptberuflichen Fotografen sind vermutlich als Einzelperson selbstständig. In einigen Gesprächen mit hauptberuflichen Fotografen konnte ich gut heraus hören, dass man sich eher mehrmals überlegt, ob sich das neue Equipment rechnet, wenn man nicht gerade in Aufträgen badet. So muss ich nur meinem Finanzminister gegenüber einen Kauf schmackhaft machen.
Für mich ist Fotografie eine erheblich teure Freizeitbeschäftigung, die mich entspannt. Nein, leben möchte ich davon nicht.

Respekt vor diesen Schritt und den Mut es öffentlich zu machen.
Und genau aus diesen Gründen wird es bei mir immer Hobby bleiben.

Wenn ich die Bilder von Samuel Kümmel die unter "seine Fotos" verlinkt sind ansehe, wird mir klar, warum er seine Selbstständigkeit aufgegeben hat.
Farbfotos heissen so weil sie FARBE enthalten, d.h. sie sollten nicht so matschig blass aussehen wie seine Fotos. Sowas kann jede Hausfrau mit der Aldi-Knipse selbst schaffen.
Ich behaupte nicht, dass ich es besser könnte, aber ich bin auch nicht der Meinung ein "Profi" zu sein der solche Bilder auch noch für Geld irgendwem verkaufen will!

Die Farbe in den Bildern ist ja kein Muss. Es gibt S/W-Bilder (also sogar ganz ohne Farbe ;-) ) und auch Fotos die extra in etwas blassen Farben gehalten sind. Manche Fotografen und vermutlich auch Kunden bevorzugen genau diesen Bildstil. Von wegen Aldi-Knipse. Der sowas schreibt hat überhaupt keine Ahnung vorauf es bei der Fotografie ankommt. Im übrigen finde ich den Artikel (im Gegensatz zu diesem Kommentar) sehr sehr sehr zutreffend.

Solche Kommentare kann man sich echt sparen, v.a. wenn man keine Ahnung von Stil und Ästhetik hat, die meiner Meinung nach in vielen der Portraits von Samuel zu finden sind.
Echt schade dass es für ihn nicht geklappt hat, er ist auf jeden Fall ein guter Fotograf.

Was für eine Erkenntnis, sowas kann man auch nur anonym wiedergeben :(

Viele Magazine bekommen Ihre Fotos mitlerweile von Hobby-Fotografen und die meisten Foto-Gewinnspiele zielen darauf ab geile Fotos zu bekommen um dann an "einen" Fotografen irgendwas zu verlosen, die anderen Fotografen gehen leer aus aber das Magazin hat viele Fotos für lau.
Auch Hobby-Fotografen haben ihre Ausgaben, weil sie hoffen irgendwann "erkannt" zu werden.
Das der Markt dabei kaputt geht, weil niemand mehr bereit ist einem Prof.-Fotografen seine Preise zu bezahlen ist ärgerlich aber leider mitlerweile nicht mehr umkehrbar.
Wenn die Magazine mal mehr Wert auf unkomprimierte RAWs geben würden, würde sich der Markt der Hobby-Fotos recht schnell ausdünnen. Denn ohne PS oder LR und anderer Software sehen die meisten Fotos OOC nunmal echt scheiße aus. Da wiederum erkennt man dann eher den Hobby-knipser oder den Profi.

Wer sich heute als Fotograf selbsständig machen möchte, muss sich darüber bewusst sein, dass die große Mehrheit der freien Fotografen (insbesondere in der Presse) von einem Stundenlohn unterhalb von 5,- EUR leben muss. Der Markt ertrinkt in Massen von Fotos und die Honorare befinden sich im freien Fall.

oops, Tippfehler: selbstständig heißt das natürlich

Gut zusammengefasst. Danke.

Bild des Benutzers Sandra Schink

Vielen Dank :)

Nice article, It was inspiring.
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