Fotografieren mit Kindern: 9 Profi-Tipps für fantasievolle Bilder

Coole Kids und coole Fotos!
20.01.2017

Das Fotografieren mit Kindern stellt selbst Profifotografen wie Achim Lippoth vor so manche Herausforderung – seine Kinderfotos sind dennoch international gefragt. Hier verrät er seine Tricks

 

Die Anweisungen eines Fotografen interpretieren zu können, macht das Talent eines Models aus: perfekte Kommunikation zwischen erwachsenen Profis. Sind die Models erst drei oder zehn Jahre alt, wird das Ganze deutlich schwieriger. Das Umsetzen von Bildkonzepten mit Kindern ist eine Gratwanderung zwischen Spielfreude und gestellter Aufgabe.

In seinem Kölner Studio (acht Angestellte und eine eigene PostProduction-Abteilung) stehen Kisten voller Spielzeug, vom Stofftier bis zum iPad. Die Kids dürfen im Studio alles anfassen, können sich frei bewegen. Viele bringen eigene Spielsachen mit – ein guter Anknüpfungspunkt für Smalltalk, der eine Vertrauensbasis schafft. Die Inszenierung in eine atmosphärische Phantasiewelt einzubetten, ist ein Weg, den Kinder mitgehen können.

Auf den Berufsalltag übertragen heisst dies, dass der Fotograf vor oder während der Aufnahme vorspielt, wie etwas aussehen könnte. Die Kinder spielen das dann auf ihre Weise weiter. „Mimik und Gestik vorzumachen kann lustig sein, aber man darf sich nicht zum Clown machen, muss hier die Goldene Mitte finden“, erklärt Lippoth. „Kinder kapieren die gestellte Aufgabe schnell und geben von sich aus, was die Inszenierung erfordert.“ Die zeichnet sich dann oft durch hintergründigen Humor aus, wirkt skurril oder subversiv.

„Dafür gibt es kein Rezept. Das Wichtigste ist, offen auf die Kinder zuzugehen und sie ernst zu nehmen“,
erklärt Achim Lippoth.

Freche, gegen den Strich gebürstete Bilder, die auf Erwachsene ebenso wirken, wie auf Kinder. Mit seiner kreativ-unkonventionellen Fotografie hat Achim Lippoth im Business der Kindermode nahezu eine Alleinstellung. Wöchentliches Pendeln zwischen Mailand, Paris oder Miami sind die Folge. Aus den Werbefotos Lippoths lassen sich Grundgedanken entnehmen, die auch in der Amateurfotografie Ihrer Kinder fruchten und zu überraschend anderen Bildern führen können.

Der Profi verrät neun ultimative Profi-Tipps für spannende Kinderfotos

1. Bringen Sie ein wenig Witz & Ironie in´s Spiel

Sympathischer Stilbruch im Bildkonzept für die US-Kette Childrens Place. Lippoths Idee der Gegenläufigkeit von Kleidung und Mimik kann Vorlage sein für Ihre Variationen. Die Komponenten im Bild oben: Pastellfarbener Hintergrund, Kleidung, Haar-Styling und eine Studioblitzanlage oder entfesselte Blitze.

2. Nehmen Sie die Froschperspektive ein

Für Action sind zumindest Jungs immer zu haben. Auch dieses Fashion-Bild für American Eagle ist in eine Rangelei eingebettet. Actionreicher wird es durch die starke Untersicht mit 28 mm Weitwinkel und Naheffekt sowie die stürzenden Linien. Die Akteure sollte der Fotograf in der Bildmitte halten, sonst wirken sich Randverzerrungen zu stark aus. Knappe Belichtung (Himmel), angeblitzt mit Aufsteckblitz bei verstelltem Weißabgleich. Kein zeitloses Bild, eher was Experimentelles. Lässt sich mit eigenen Kindern und deren Freunden spontan realisieren.

3. Fordern Sie zur Rebellion auf

Diese Produktion mit dem Titel „Deserted House“ wollte aufrührerische Kinder zeigen, nach dem Motto: „Du kannst mir gar nichts“. Die Location war das Kölner Loft Odonien mit abgewracktem Interieur, stilecht mit Filzstiften verziert. Die Hairstylistin verpasste dem Kleinen einen harten Haarschnitt. In den abgeschabten Klamotten brüllt der Junge seine Wut überzeugend in die Kamera. In Familienalben finden sich solche Kinderbilder zu selten, obwohl derlei Emotionen zum Aufwachsen gehören.

 

4. Haben Sie gemeinsam Spaß am Strand

​Seeufer und Strand sind bei Profis wie Amateuren beliebte Locations. Es müssen ja nicht immer Sandburgen-Bilder sein! Achim Lippoth inszenierte hier für Americam Eagle mit Weitwinkel und offener Blende aus kurzem Abstand ein frisches Portrait. Im Look mal niedlich, mal störrisch – auch mal mit schrägem Horizont. Im Hintergrund sollten nicht zu viele Elemente vom Portrait ablenken. Die Nachmittagssonne kam von rechts. Von halblinks reduzierte ein Aufheller die Schatten und liefert einen hellen Fleck in den Augen. Bei der Belichtung müssen Strandbilder erfahrungsgemäß stark plus-korrigiert werden.

5. Tauchen Sie in fiktive Welten ein

Nach dem Sujet „Der geheime Garten“ inszenierte Lippoth im mystischen Licht eines stimmungsvollen Spätnachmittags. Das Gegenlicht kam nicht von der Sonne, sondern von einem starken Blitz mit 40-cm-Tubus. Die Blendenflecken sind beabsichtigt. Damit Kinder und Inszenierung authentisch wirken, kommt es darauf an, sie in eine nachvollziehbare Phantasiewelt zu versetzen. Lippoth: „Auch Kinder müssen ‚directed‘ werden, wie in einer Filmszene.“
 

Unser Tipp: Stellen Sie doch mal mit Ihren Kindern und deren Freunden Film- oder Buchszenen nach!

6. Spielen Sie mit Proportionen

In einer Touristen-Spielhalle faszinierte den Kleinen das Laser-Videospiel. Mit Ironie betont Lippoth die Größenverhältnisse. Durch das 28-mm-Objektiv und Naheffekt wirkt die Knarre monströser. Das Licht der kühlen Leuchtstoffröhren passt dazu. Grundidee: an speziellen Locations reportageartig fotografieren.

7. Halten Sie glückliche Momente unbedingt fest

Entspannt am Strand, lautet die Devise. Da gelingen solche unbeschwerten, zeitlosen Doppelportraits (auch mal mit dem Vater). Spontan und lebendig wirkt das Bild durch den leichten Wind in den Haaren und schrägen Horizont. Nachmittagssonne von rechts, Aufheller von links (zur Not tut es auch ein helles Badetuch). Mit 90-mm-Tele, wenig Schärfentiefe und frei von sonstigen Bildelementen wirkt diese Szene gerade in Schwarzweiß konzentriert und pur.

8. … und Action!

Für Nike entstand dieses Bild im Street-Style. Die Jungs standen auf festen Positionen, ihr Anschnitt sorgt für „Livecharakter“ und Blickführung. Der Basketball sollte kameraseitig geführt werden. Feinsinniger Farbcode stützt den Bildaufbau. Das Blitzlicht kam von rechts oben. Szenen & Bildaufbau vorskizzieren.

9. Fazit: Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf

„Stell dir vor, der Fisch ist echt“, motivierte Achim Lippoth den Kleinen. Wie er schauen sollte, machte ihm der Fotograf vor. Sein Motiv hat er stark überblitzt. Das skurrile Bild bezieht seine Kraft aus dem speziellen Blick des Kleinen. Erweitern Sie Ihre Bilder doch auch mal durch experimentelle Inszenierungen.

P. S. Bei den Shootings sind übrigens weder Kinder noch Fische zu Schaden gekommen ;-))

Mehr zu Fotograf Achim Lippoth

Achim Lippoth fotografiert und filmt nicht nur, zweimal im Jahr gibt er auch den mittlerweile international bekannten Bilderkatalog „Kid’s Wear“ heraus, in dem neben eigenen Bildproduktionen auch die anderer, avancierter Fotografen zu finden sind. Eine (mit Design- und Layoutpreisen ausgezeichnete) Fundgrube für trendige Kinderfotos.

Einen Besuch lohnt auch die Website des Fotografen mit dutzenden innovativen Aufnahmen und Ideen für Ihre privaten Inszenierungen. Vielleicht Ihr Start in eine etwas andere Kinderfotografie?

Dieser Artikel ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 5/2013 im Rahmen eines Speicials zur Kinderfotografie entstanden.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Heinz-Jürgen Kruppa