Urheberrecht: Culture Clash der Generationen

Diskussion: Was würden Sie am Urheberrecht verändern?
25.01.2015

Vor dem Internet und vor den Handykameras blieb das Dokumentieren der Zeitgeschichte überwiegend professionellen Fotografen vorbehalten. Die Zeiten haben sich geändert. Auch die Wahrnehmung auf die Leistung von professionellen Fotografen

Foto: Martin Langer, Rostock

Foto: Martin Langer, Rostock

Die taz verwendete das historische Foto unlängst für eine satirische Illustration zweier eigentlich nicht zusammenhängender News. Und honorierte den Fotografen Martin Langer, der das Foto 1992 bei den Unruhen in Rostock-Lichtenhagen geschossen hatte, mit dem für sie üblichen Satz.

Im Jahr 1992 schießt Martin Langer ein Foto, das Dokument der Zeitgeschichte wird. Um unter anderem dieses Foto machen zu können, hat sich der Fotojournalist im Auftrag für DER SPIEGEL fünf Tage im größten Tumult der damaligen Wirren um die Brandanschläge in Rostock-Lichtenhagen aufgehalten und dabei seinen Kopf und sein professionelles Equipment riskiert.

"In Rostock tobte der Mob, Steine flogen, scharfe Schüsse fielen." erzählt der Fotograf. Eine lebensgefährliche Situation und auch fototechnisch nicht trivial: "Das meiste passierte im Dunkeln. Wenn Du da geblitzt hast, wurdest Du selbst zum Ziel." Er tat es trotzdem, wenn die Situation es verlangte. 
Der Profi-Fotograf puschte seine Filme für bessere Ergebnisse. Kodak Tri-x pan 400 auf 800 ASA. Beschriftete die Patronen. Ließ die belichteten Schwarzweiß-Filme jeden Tag von einem Fahrer in Rostock abholen, der sie nach Hamburg ins SPIEGEL-Fotolabor brachte. 

Rund 30 Filme waren es nach diesen fünf langen Tagen und Nächten. Die Reportage umfasste 25 Fotos. Dieses eine Foto wurde zum Symbol für deutschen dumpfen Fremdenhass, und das ist es auch noch nach 22 Jahren. Zu jedem Jahrestag holen Redaktionen dieses  Bild aus ihren Archiven. Und zahlen Martin Langer auch überdurchschnittliche Honorare für die Zweitverwertung dieses besonderen Fotos, denn sie partizipieren von solchen aussagekräftigen ikonischen Bildern. Doch das Publizieren ist schon lange nicht mehr nur den traditionellen Medien vorbehalten. Und die neuen Mediennutzer und -publizisten halten sich nicht an die Gesetze der alten Medienwelt.

Urheberrechte sind   90er – Sharing   is   caring

2015 wird dieses Foto (nicht nur) von Privatleuten in den sozialen Netzwerken ebenso weiter geteilt wie ein heute von einem zufällig anwesenden Passanten schnell geknipstes Handyfoto auf einer Demo. Ohne Nennung des Urhebers, ohne Wertschätzung seiner Arbeit, ohne Berücksichtigung der damals speziellen Situation. Nicht zuletzt, weil sie nichts darüber wissen. Häufig nicht mal, in welchem Kontext dieses Bild überhaupt entstanden ist.

"Einer der Gründe, warum ich meine Fotos nicht wahllos für die Verwendung für jeden freigeben kann und möchte." sagt Langer. "Ich verliere dann auch die Kontrolle über den inhaltlichen Zusammenhang. Ich möchte meine Bilder nicht überall und in jedem beliebigen Kontext sehen."

Damit kollidiert er mit dem heutigen Geist der Shareconomy: Geteilt wird, was Aufmerksamkeit erregt. Jeden Tag und millionenfach. Sorglos und ohne Gedanken an Urheberrechte oder Zusammenhänge. Das Internet funktioniert so. 

Dokumente der Zeitgeschichte – Allgemeingut?

Ein einmal Foto im Internet veröffentlichtes Foto kann innerhalb von wenigen Minuten um die Welt gehen, wie am 15. Januar 2009 das Foto des im Hudson notgelandeten Airbus A320.

 

Flugzeug im Hudson von Jānis Krūms

Flugzeug im Hudson von Jānis Krūms

Das Foto vom notgewasserten Flugzeug im Hudson von Jānis Krūms war ein Schnappschuss eines Zeitzeugen: Dennoch ist es ein Dokument der Zeitgeschichte.

Der Ersteller dieses Bildes ist weder Fotograf noch Journalist, auch ist das Foto nicht mit professionellem Equipment entstanden, sondern mit einen iPhone 3G. Dennoch gilt auch dieses Foto als Dokument der Zeitgeschichte: Es markiert den Wandel der Technik und den des Bewusstseins für Fotos von Zeitzeugen. Mit diesem Bild  begann die Ära, in der jedermann immer eine Kamera dabei haben und jederzeit Fotos von Ereignissen innerhalb von Minuten in die Welt schicken kann. 

Eine revolutionäre Entwicklung – die gleichzeitig die Entwertung der Bedeutung von Fotos einläutete. Ein Foto wie das von Martin Langer könnte heute jeder machen, der zufällig vor Ort ist. Sogar unbehelligt, denn gute Smartphone-Kameras kommen heute mit wenig Licht aus, und Passanten mit Smartphones gelten in der Regel nicht als Bedrohung. Pressefotografen haben es dagegen auch heute noch schwer: Mit ihrem professionellen Equipment ziehen sie häufig den Unmut aufgeputschter Demonstranten auf sich.

Ein Dilemma, das sich nicht lösen lässt?

So vermischen sich in den sozialen Netzwerken Bilder von jenen, die von der Erstellung ihrer Fotos leben wollen und müssen und - nach heutigem deutschen Recht zurecht - teils auch nach Jahrzehnten noch Honorare von jenen einklagen, die sie ungefragt verwenden.  Und jenen, die ihre Fotos gern preis geben. Für Ruhm und Ehr und einige Likes und Follower mehr. Weil sie nicht davon leben müssen. 

Das betrifft nicht nur Pressefotografen. Die neue Einfachheit der Fotografie, die kurzen Wege zu einem großen Publikum und viel Applaus, haben den Wert einer ganzen Branche ins Wanken und manchen Fotografen zum Scheitern gebracht.

Ideen für die Anerkennung von Profi-Arbeit?

Doch wie lässt sich dieser Konflikt lösen? Wie könnte der Schutz der Fotos professioneller Fotografen aussehen?  

Könnten diese Fotos webweit einheitlich gekennzeichnet werden, damit allzu forsche Weiterverteiler gleich sehen, dass sie zuerst lizenziert werden müssen?

Sollten Fotos, die einmal vom ursprünglichen Auftraggeber wie im Fall Martin Langers von DER SPIEGEL bezahlt wurden von Privatpersonen beliebig weitergeteilt werden können? Weil sie Dokumente der Zeitgeschichte sind? Und somit wichtig für die Allgemeinheit?

Wenn ja, dann auch in jedem beliebigen Kontext? Und wann hört eine Privatperson auf eine Privatperson zu sein? Wenn sie 1.500 oder 15.000 oder -  wie im Fall des von Langer abgemahnten Moderators Jan Böhmermanns - 150.000 Follower überschritten haben?

Böhmermann schießt derzeit von allen Kanälen auf den Fotografen Martin Langer. Und erntet dafür mannigfachen Applaus unter seinen Fans, von denen die meisten zu jung sein werden um überhaupt noch zu wissen, in welchem Kontext das Bild entstanden ist. Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind und die die Durchsetzung von Urheberrechten als Freiheitsberaubung ansehen.

Lassen Sie uns drüber reden: Was ist in Ihren Augen heute Recht, richtig und angemessen?

Diskutieren Sie mit uns und erzählen Sie uns, wie Sie es sehen. 

Wie würden Sie das Urheberrecht verändern? Sind Sie selbst Opfer von Bilderdieben geworden? Oder Opfer von Fotografen, die ihre Urheberrechte einklagen?

Finden Sie die aktuelle Regelung fair und richtig? 

Wir sind gespannt auf Ihre Meinungen und Anregungen!

Weiterführende Links

Moderator Jan Böhmermann twittert   über   seine Abmahnung - und löst eine Diskussionswelle um das deutsche Urheberrecht aus. Auf Facebook wird er ausführlicher.

Alexander Josefowicz vom Hamburger Abendblatt echauffiert sich darüber, dass ein Medienmensch wie Böhmermann um das Medienrecht wissen muss.

Journalist und Social Media Experte Dirk von Gehlen bloggt  über den Fall und weist auf die schwere Verständlichkeit des Urheberrechts hin.

Update I 29.1.2015: Martin Langer hat sich bei kwerfeldein  persönlich zur Causa Böhmermann geäußert.

Update II 29.1.2015: Sasha Rheker von freelens äußert sich zur Causa Böhmermann/Langer und klärt über rechtliche Aspekte auf.

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Sandra Schink

Sandra Schink arbeitete seit den frühen 1990ern als Fotoreporterin für BILD, EXPRESS und die Westdeutsche Zeitung. Seit 1996 nutzt sie das Internet als Netzwerk-, Recherche- und Blogplattform und hat als Community Managerin Foren und Communities betreut, darunter bei stern die VIEW Fotocommunity. Von 2014 bis Herbst 2015 war sie Online Redakteurin beim fotoMAGAZIN.