fM: Wie schafft man es, mit seinen Bildern nah und direkt zu sein, ohne voyeuristisch zu wirken?
AP: Du musst Dir klar darüber sein, dass Du Teil ihrer Familie bist. Es ist ganz schlicht und einfach: Deine Familie ist nicht nur dort, wo Du geboren wirst.
fM: Was braucht man, um als Fotograf glaubwürdig zu sein?
AP: Die Fotografie ist ein Ausdrucksmittel. Das ist es! Welche Persönlichkeit hat ein Fotograf? Die meisten Fotografen, die ich kenne, sind ziemlich scheu. Sie sprechen nicht viel und ziehen es vor, durch ihre Bilder zu sprechen. Vielleicht haben nicht viele eine soziale Intelligenz, aber ihre Bilder sind sehr intelligent. Ein Fotograf muss zuallererst neugierig sein. Doppelt neugierig auf alles, was das Leben und ihn betrifft. Er muss viel Geduld zeigen, muss verstehen, dass Fotograf kein Beruf ist, sondern ein Leben! Es ist kein Achtstundenjob. Du musst mit Deiner Kamera ins Bett gehen. Und ein Fotograf muss ein wenig gaga sein, er muss einen kleinen Vogel haben. Aber bitte nicht zu viele!
fM: Warum muss das sein?
AP: So kann er andere Räume in der Gesellschaft betreten und vor allem in sich! Du brauchst etwas in Dir, das Dir sagt: der einzige Weg, andere Räume in mir zu öffnen ist, mich jetzt nicht normal zu verhalten, mich nicht akzeptabel zu beneh- men. Stell Dich an die Wand und verteidige Dich nicht. Lass los und sei nicht so kontrolliert. Jetzt spreche ich komplett gegen die Konzeptfotografie, die auf einer Idee basiert. Ich fotografiere aus dem Bauch heraus, aber das bedeutet nicht, dass ich mein Gehirn wegpacke. Natürlich setze ich mein Hirn ein, aber am Anfang.
fM: ... und danach.
AP: Ja. Dann analysiert man. Jedoch nicht, während man dort ist. Du musst so nah wie möglich dran sein. Nicht nur räumlich, sondern auch mit Deinen Emotionen. Du musst die Atmosphäre riechen und schmecken! Du solltest keine Angst vor der Angst haben. Es ist okay, Angst zu haben. Ich habe vor ganz vielen Dingen Angst. Das ist okay, solange man diese Angst einsetzen kann.
fM: Haben Sie durch die Fotografie Ängste überwunden?
AP: Natürlich.
fM: Wie geschah das?
AP: Ganz unterschiedlich. Zum Beispiel im Café Lehmitz. Ich hatte vor vielen dort Angst. Sie bedrohten mich mit Messern und Waffen. Ich musste erst beweisen, dass sie sich auf mich verlassen konnten. Viele Male ging mir das so. Ich war zum Beispiel in einem Gefängnis, in einer Nervenheilanstalt, da war es das gleiche.
fM: Wie wird man dort akzeptiert?
AP: Das hängt vom Ort ab. Um es schlicht zu sagen: Vor allem musst Du ganz authentisch sein. Versuche nicht, jemand zu sein, der Du nicht bist. Verstecke Dich nicht. Manchmal ist es vielleicht nicht genug, ehrlich zu sein. Du musst überzeugend sein.
fM: Was war die größte Angst, die Sie beim Fotografieren überwinden mussten?
AP: (Flüstert) Das ist natürlich die Angst vor mir selbst. Die Quintessenz von mir trifft auf mich in Form von jemand anderem in einer ganz besonderen Situation. Das kann ziemlich Angst einflößend sein, wenn Sie die Erfahrungen machen, die ich habe. Man ist nicht einfach Schwarz oder Weiß. Jeder hat viele Persönlichkeiten in sich und es liegt an uns, herauszufinden, ob uns diese interessieren. Wenn Du ein Fotograf bist, der versucht, sich auszudrücken, musst Du interessiert sein. In der Art von Fotografie, mit der ich zu tun habe, ist das das ABC. Es ist ein kreatives Trampolin, Ausdruck zu finden, sich selbst zu finden, glaubwürdige Bilder zu finden. Ich denke, diese Art Kreativität findet Dich, bzw. Du findest sie im Dreck. Nicht so sehr da oben in den Wolken, im Himmel. Das mag von einem zum anderen Menschen anders sein, aber bei mir ist das so.
fM: Zieht Sie die Fotografie manchmal in solche Tiefen, dass es schwer wird, von dort zurückzukommen?
AP: Ja (leise). Ja.
fM: Wie finden Sie zurück?
AP: Das hängt von der Situation ab. Ich muss zurückkommen. Das ist die beste Antwort. Das Leben ist doch ganz einfach. Ein Punkt ist die tägliche Identität, von hier führt ein direkter Weg zur professionellen Identität und in meinem Fall zur sexuellen Identität. Die muss sehr nahe an der täglichen Identität sein. In diesem Dreieck bewege ich mich. Das muss alles zusammenpassen. Man sollte die professionelle Identität nicht zu weit von der Alltagsidentität trennen, denn wenn Du das machst, kannst Du nicht überleben. Andererseits müssen diese drei Identitäten mit etwas Außenstehenden verbunden sein. Das da draußen hat mit Visionen zu tun. Visionen, die man vielleicht schon seit seiner Kindheit hat. Persönliche Ziele.
fM: Wie stark analysieren Sie alles?
AP: Wahrscheinlich mehr als Sie denken.
fM: Sind Analysen hilfreich?
AP: Das hängt natürlich von Ihrer Persönlichkeit ab, aber mich haben immer die Menschen interessiert. Ich mag die Leute. Mich interessiert, was sie machen. Wenn sie zu mir kommen und ihre Gefühle in ihren Bildern mit mir teilen wollen, muss ich versuchen, sie zu verstehen. Doch um sie verstehen zu können, muss ich mich erst einmal selbst verstehen. Für die Analyse meiner Fotografie ist ein Teil, die Fotos anderer zu verstehen. Ich habe immer, seit 1969 Fotos anderer angesehen.
fM: Sehen Sie Ihre Bilder mehr in der europäischen Tradition oder in der amerikanischen?
AP: Ich kann gut der
klassischen, traditionellen europäischen Fotografie folgen. Ich bin ein
Teil von ihr und von ihr beeinflusst. Aber ich will nicht sagen, dass
mich die amerikanische oder die japanische Fotografie nicht beeinflusst
hätten. In Christer Strömholms Fotoschule zeigten sie so viele
Fotografen. Zum Beispiel auch Dr. Erich Salomon. Ich weiß nicht, ob er
erklärt hat, wie wichtig es ist, Freunde zu haben, die Sicherheit der
Familie um Dich herum. Ich glaube, je älter man wird, desto wichtiger
wird das. Ich koche gerne, esse gerne mit meinen Freunden. Das ist eine
Art der Kommunikation, die ich liebe.
fM: Wie gehen Sie neue Arbeiten an:
Wissen Sie, wo Sie hingehen oder landen Sie eher zufällig dort?
AP: Ich weiß, wo ich hin will,
was mich interessiert, aber ich bin auch offen für Dinge, von denen ich
vorher nichts wusste. Beides trifft auf mich zu. Ich habe zweierlei
Arten zu fotografieren. Die eine ist sehr schnell. Schnappschüsse, eine
attackierende Art von Fotografie. Das geht sehr schnell und ich kenne
nicht die Namen der Leute. Die andere Fotografie basiert ganz auf
Begegnungen.
fM: Wo sehen Sie Ihre Fotos ideal repräsentiert?
AP: In Büchern!
fM: Bauen Sie den Bilderfluss in Ihren Büchern instinktiv auf?
AP: Ja. Es ist sehr schwer, ein
Buch zu machen. Es gibt nur drei Bücher von mir, die ich mag und ich
habe vielleicht 26 bis 27 Bücher veröffentlicht. Das Buch über die
Nervenklinik mag ich. Die „Retrospektive 1966-1996“ mag ich auch und
„Ich Dich lieben, Du mich auch“.
fM: Wie stark sind all Ihre Bildbände visuelle Tagebücher?
AP: Es sind keine
Auftragsarbeiten. Das (Tagebuch) ist einfach eine etwas lockerere
Herangehensweise. Eine gute Zeit haben, Leute treffen. Ich bin so
privilegiert, es ist unglaublich. Diese kleine Kamera (zeigt auf seine
Contax T3) hat mir viele Türen geöffnet. Wenn man neugierig ist, ist
sie das perfekte Werkzeug.
fM: Waren Sie schon vor Ihrer Fotografenkarriere ein neugieriger Mensch?
AP: Früher sogar noch mehr.
Heute muss ich es langsam angehen, darf meine Neugierde nicht zu sehr
zeigen. Andererseits: wenn wir über die Fotografie reden, müssen wir
über kindliche Seiten reden. Es ist meiner Ansicht nach extrem gut,
wenn ein Fotograf einen kindlichen Blick hat. Wenn er naiv ist, ist das
fantastisch!
fM: Was ist schön für Sie?
AP: Meine Welt ist Ihre Welt.
Ich stehe in Verbindung zu einer größeren Familie. Das ist ein Weg für
mich, Sie oder andere Menschen zu betrachten. Sie sind Teil meiner
Familie. Das wunderbarste am Leben ist das Gefühl, etwas zu teilen,
etwas Zerbrechliches, ein Geheimnis, das schnell verloren gehen kann.
Wir müssen also darauf aufpassen. Und was ist das? Das zerbrechliche
Leben, auf das wir aufpassen müssen, und dabei demütig bleiben. Wir
müssen vorsichtig damit umgehen und darüber reden.
fM: Das erscheint mir ganz essentiell.
AP: Viele denken, ich sei zu romantisch, wenn ich über diese Dinge rede.
Was bedeutet das konkret, wenn Du da draußen im Leben bist? Wenn ich
ein Bild der schwedischen Königin machen will, wie kann ich das
angehen? Ich sollte sie nicht als Königin fotografieren, sondern sie
fast so fotografieren, als wäre das ein Selbstportrait von mir. Das
reflektiert meine Plattform. Ich bin mir völlig bewusst, dass ich mit
meiner Art von Fotografie zum Fußvolk gehöre.
Interview: Manfred Zollner