"Wish"
© Lisa M. Robinson
Schnee liegt sanft über der Landschaft, wie eine dicht gewobene kristalline Decke. Seine glatte Oberfläche umgrenzt Objekte der kultivierten Natur wie Isolationsmaterial, das unsere Gedanken formt. In Lisa M. Robinsons Projekt „Snowbound“ wird Landschaft zur Leinwand, wirken Pisten wie Pinselstriche. Zart skizzieren ihre Bilder Strukturen der Zivilisation. Eine Sitzbank, eine kleine Holzhütte, ein Trampolin, Zweckbauten der Freizeitgesellschaft, schlichte Grundformen, die scheinbar für den Moment ihrer Funktion enthoben scheinen. Formen schmelzen sich in die Natur. Ein Wasserloch im Teich, ein Erdfleck unterm Trapolin. Aus diesen Aggregatzuständen, aus Wasser, Eis und Schnee entwickelt Robinson ihre subtil-meditative, an japanische Haiku-Lyrik angelehnte Bild-Poesie. „Die „Snowbound“-Bilder beschreiben eine Kulturlandschaft, in der Objekte unserer Freizeit- und Berufswelt mit der Natur verschmelzen und das zugleich subtil verhindern“, schildert die 38-jährige Amerikanerin. Ein mattweißer Pulverteppich ummantelt die Welt in einem scheinbar passiven, inaktiven Zustand. Robinson will bei uns Erinnerungen freisetzen, „Erfahrungen, die in der Zeit eingefroren wurden.“ Ihr Ansatz ist minimalistisch bis zur völligen Abstraktion. „Ich suche die Schönheit in schlichter, einfacher Sprache, indem ich das Gewöhnliche genau beobachte“, sagt sie. Unter dem „ka“, der schönen Oberfläche, besagt die Haiku-Poesie, liegt „Jitsu“, die Substanz. Und so tauchen wir ein in diese fast monochromatische, meditative Welt, in der sich kein Geräusch erahnen lässt und der Schnee zur Reflexionsfläche der Gedanken wird. Die Kristallisation (des Wassers zu Schnee) darf hier durchaus doppeldeutig gesehen werden. „Inmitten dieser scheinbaren Leere tauchen langsam Schichten des Lebens und Kontraste auf“, weiß die Fotografin. Hier, wo Landschaft und Natur zur Skulptur wird, sich vom Menschen Gestaltetes mit den Formen der Umgebung vereint, verdichtet sich der Raum, strukturiert die Erinnerung, der Vergleich mit abgespeicherter Erfahrung, die Reduktion, die Poesie des Augenblicks. Robinsons Kristallland setzt hintergründige Markierungen in unserer Gefühls- und Gedankenwelt.
Manfred Zollner