Grund dafür ist die Behäbigkeit mancher Sensoren, die mit der schnellen Rotation nicht mithalten können. Beliebt sind Selbstportraits, die allerdings durchweg wenig vorteilhaft ausfallen. Also nichts für eitle Menschen. Außerdem erfolgreich: Die Indoor-Variante im Studierzimmer. Hier kann man Lichtquellen nach Gutdünken verschieben und kombinieren, etwa CDs zum Lichtbrechen verwenden. Das Reizvolle beim TV Toss sind die Wiederholungsraten, die gleich eine ganze Salve von Mattscheiben übers Bild verteilen. Das Spektrum der Wurfbilder reicht von Aufnahmen, die aus dem wissenschaftlichen Nanobereich stammen könnten bis zu astronomischen Spiralnebeln. Aber fast nie hat das, was wir sehen, etwas mit dem zu tun, was bei der Aufnahme zu sehen war. Schließlich lässt erst der Flug der Kamera das Motiv entstehen.
Die Mini-Anleitung der Szene liest sich knapp gefasst folgendermaßen: Kamera besorgen, Motiv suchen, Selbstauslöser oder lange Belichtungszeit einstellen, Auslöser drücken, Kamera hochwerfen, Kamera auffangen. Hört sich simpel an, doch mit zwei linken Händen sollte man die Finger davon lassen.
Nobudget wird erste Wahl
Beruhigend, dass oft günstige Kameras die besseren Ergebnisse erzielen. Natürlich geht es immer darum, den Dreh rauszubekommen, mit der Technik zu spielen und Erfahrung zu sammeln. Verwerflich wäre es, die Kamera etwa am Gurt zu schwingen oder an einem Gummiband aufzuhängen. Sie muss frei und flüssig fliegen können. Auch zu viel Photoshop diskreditiert, denn Camera Toss ist eine In-Camera-Technik. Ein Zurechtmachen des Fotos mittels Zuschnitt und Korrekturen von Sättigung, Kontrast, Helligkeit und Farbwiedergabe geht in Ordnung, man darf auch Farben ändern und Bilder invertieren, um Lichtspuren klarer zu zeigen. Alles Weitere wäre gemogelt. Was man außerdem nicht tun sollte: „Lass nie deine Kamera fallen, gib sie niemand Ungeschicktem zum Ausprobieren und werfe keine, bei der du es dir nicht leisten kannst, sie zu schrotten. Und wenn du es doch tust: Gib mir nicht die Schuld“, so Ryan Gallagher. Der 29-jährige Licht- und Bühnentechniker ist im Nebenberuf Künstler und Webdesigner und der Erfinder von Camera Toss (
www.kineticphotography.net).
Wahrscheinlich ist er nicht der Erste, der seine Kamera in die Luft geworfen und abgedrückt hat. Doch er war der Erste, der drangeblieben ist, die Technik vor knapp zwei Jahren publik gemacht und eine Community aufgebaut hat. Einem Blog (
www.cameratoss.blogspot.com) und einer Flickr-Group (
www.flickr.com/groups/cameratoss) folgte die erste internationale Ausstellung in Hamburg.
Wer steckt hinter all den bunten Bildern? Da ist zum Beispiel Jonathan Vo, ein 16 Jahre alter Highschool-Schüler aus Texas. Jonathan tosst gern mal auf dem Weg zur Bushaltestelle oder statt einer langweiligen Schulstunde – sein liebstes Motiv aber sind Computermonitore (
www.lightxposed.blogspot.com). Was ihn am Camera Tossing begeistert? „Allein die Tatsache, dass meine Kamera da oben ist und ein Bild macht, während ich sie nicht unter Kontrolle habe, gibt mir einen Thrill. Man hat keine Ahnung, was passieren wird. Das Bild, das nach dem Fangen aufpoppt, bringt mich dazu, es immer wieder zu tun.“