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Reportagen • 19.11.2010
Wiederbelebt: DHW Fototechnik führt Rollei-Erbe weiter
Sie lebt wieder, farbenprächtig wie nie: die Kleinbildkamera Rollei 35
Wer glaubt, mit der Insolvenz von Franke & Heidecke habe sich das Thema Rolleiflex 
& Co. endgültig erledigt, der irrt: Die neue Gesellschaft DHW Fototechnik hat die 
Kameraproduktion in Braunschweig wieder aufgenommen – bunter als je zuvor
Schon wieder“, stöhnten die einen. „War ja klar“, besserwisserten die anderen. Als die Nachricht über die Insolvenz von Franke & Heidecke im Februar 2009 durch die Medien lief, löste sie kaum Überraschung aus. Wer soll in digitalen Fotozeiten auch einen analogen Mittelformat-Klotz in die Fototasche packen? Und der wievielte Versuch war es, den leckgeschlagenen und in Auflösung befindlichen Seelenverkäufer mit dem Superman-artigen „Rollei F&H“-Emblem auf der Fahne in sicheres Fahrwasser zurückzulenken? Einen deutschen Hersteller von Produkten, die auf der Liste bedrohter Arten ganz oben stehen? Diaprojektoren, zweiäugige Kameras für Rollfilm, Fachkameras, Mittelformatobjektive!
Geschäftsführer Hans Hartje und die Drei von „DHW“: Frank Will, Katharina Hartje und Rolf Daus (von links)
© Lars Theiß
Neustart mit kleinerer 
Mannschaft


Im September 2009 gründeten ehemalige Franke-&-Heidecker die DHW Fototechnik GmbH. Ziel: Das Kerngeschäft möglichst unbelastet und schlank weiterzuführen. DHW steht für die drei Gesellschafter Daus, Hartje und Will. Rolf Daus ist der Leiter der Objektivmontage, Katharina Hartje ist die stellvertretende Geschäftsführerin, leitet die Kaufmännische Abteilung und Personal, und Frank Will schlussendlich ist der Leiter der Kameramontage. Die Geschäfte führt Hans Hartje; kein Unbekannter in der – nennen wir sie der Einfachheit halber – Rollei-Geschichte, er bekleidet diese Position seit 2002 bereits zum dritten Mal. Mit einer Kernmannschaft von 20 Leuten nahmen sie das Projekt auf, nachdem die Gläubigergemeinschaft dem Kauf der wichtigsten Produktionsmittel zugestimmt hatte. Es sind alles frühere Rollei-Mitarbeiter, versammeltes Know-how, ohne das es nicht geht. Erfahrene Männer wie Uwe Dettmann, der sich schon gar nicht mehr erinnern kann, wann er mit dem Zusammenschrauben der „Doppelauge“ begonnen hat, wie hier die Rolleiflex, eine zweiäugige 6x6-cm-Kamera, genannt wird. „Vielleicht vor 25 Jahren“, überlegt Dettmann. 
Auf dem ehemaligen, riesigen Rollei-Gelände in Braunschweig, irgendwo zwischen einer Praxis für Pathologie und der Kindergruppe Rumpelstilzchen, ist es das Gebäude, auf dem nicht in riesigen Lettern die Rollei-Schriftzüge thronen. Verteilt auf drei Etagen und Keller mit rund 3500 Quadratmetern arbeiten mittlerweile schon über 30 Leute. Man kann nicht von beengten Verhältnissen sprechen, zu den Anfängen von DHW war die Fläche sogar doppelt so groß. 
Die kleine Belegschaft von der DHW stellt mehr oder weniger die gleichen Geräte wie zuvor Franke & Heidecke her. Sogar mehr: Die alte Rollei 35 ist wieder in das Sortiment gerückt. Die äußerst kompakte Kleinbildkamera, erstmals 1965 urkundlich erwähnt und ein Jahr später in Serie gegangen, wird heute wieder in Braunschweig gefertigt. Und zwar in allen möglichen Materialien und Oberflächen, graviert und bedruckt, mit Vergoldung und Glitzersteinen von Swarovski, wenn gewünscht. Denn der Kunde hat natürlich die Wahl.
Uwe Dittmann kennt die Doppelaugen in- und auswendig
© Lars Theiß
Alles wie gehabt? Fast!


Rund zehn bis fünfzehn Stück der über viele Jahre kleinsten Kamera der Welt für 135-mm-Film verlassen im Monat die Manufaktur. Vom Auftrag bis zur Lieferung vergehen normalerweise etwa vier Wochen, „aber das geht auch schneller, denn wir arbeiten hier praktisch auf Zuruf“, erklärt Hartje. Das weitere Sortiment der DHW Fototechnik liest sich fast wie der Franke & Heidecke-Katalog. Das jüngste Kind, die für Rollfilm und Digitalrückteile von Leaf und Sinar konzipierte Rolleiflex Hy6, ist darin in der analogen und modifizierten Variante ebenso enthalten wie die 6008 AF und die 6008 Integral 2 aus dem 6000er-System. Die drei Versionen der zweiäugigen Rolleiflex – die 2,8 FX, das Weitwinkelmodell 4,0 FW und das Telemodell 4,0/FT plus Sonderserien – werden wieder gebaut, auch die Fachkamera X-Act 2 und die Diaprojektoren Rolleivision 66 dual P, MSC 315, MSC 325 P und MSC 535 P sind lieferbar. Jeweils natürlich mit dem Systemzubehör und Objektiven. „Wir wollen nicht nur Ausverkäufer des Insolvenzverwalters sein“, bekräftigt Geschäftsführer Hartje und weist auf das neue 6x6-Magazin zur Hy6 sowie die beiden Objektive 150 und 120 Millimeter hin, die noch in diesem Jahr erscheinen. Zur Hy6 wird es zudem einen neuen Akku geben. Laut Hartje produziert die DHW auch Komponenten für andere Kamerahersteller.

Behutsamer Aufbau


Zum Unternehmen mit reicher Tradition passt es beinahe, keinen Auftritt im Internet zu haben. „Die Kunden wissen, wo sie uns finden“, schmunzelt Hans Hartje, ergänzt aber sogleich, dass die eigene Webseite in Arbeit ist und noch in diesem Jahr online gehen soll. 
„Das erste Jahr ist für uns sehr zufriedenstellend gewesen“, sagt Hartje, auch die photokina 2010 verlief erfolgreich. Vornehmlich in Südostasien finden die Kameras von DHW guten Absatz. „Wir wissen, dass wir nur eine Nische bedienen, aber das hat auch seine Vorteile.“ Ein Messen mit den Großen der Branche hat sich die DHW jedenfalls nicht auf die Fahnen geschrieben. Vorerst bleibt der Schuster bei seinen Leisten. Einen Versuch ist es allemal wert.  Lars Theiß
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