Malen mit Licht: Schatz ist ein Virtuose der Lichtführung, seine Bilder zelebrieren Textur und Form. Ausführlich hat sich der New Yorker in den letzten Jahren den Portraits von Schwangeren (Bsp. links) gewidmet
© Howard Schatz
fM: Wie viele Leute beschäftigen Sie in Ihrem Studio?
HS: Neben meinen Assistenten beschäftigen wir einen
Photoshop-Spezialisten, einen Printer und einen Archivisten. Aber die
Endverantwortung für das finale Foto, für den Kontrast, die Farben, den
Ausschnitt, die Festlegung all dieser Parameter bis ins letzte Detail,
obliegt alleine mir. Ich nehme mir die Zeit, jedes meiner Bilder selbst
am Computer einer ersten Nachbearbeitung zu unterziehen und lege die
Leitlinien fest für alle, die sich dann Pixel für Pixel meiner finalen
Vorstellung nähern. Dazu gebe ich immer Notizen mit, etwa wie ich mir
die Kontraste vorstelle, wie der Hautton auszusehen hat und dergleichen.
Am Ende muss sich bei allen Beteiligten die Erkenntnis durchsetzen,
dass jedes Detail wichtig ist; besteht doch das gesamte Bild aus einer
Vielzahl von Details.
fM: Viele Ihrer Kunden gehören zur „Champions League“ der Wirtschaft.
Was veranlasst diese, Howard Schatz als Fotograf ihrer Werbekampagnen
auszuwählen?
HS: Sehr oft besuchen Agenturen und Kunden unsere Website, sehen dort,
was wir bereits gemacht haben. Oder man kennt unsere Bücher. Danach sind
wir sehr oft in den Prozess der Ideenfindung eingebunden. Dazu kam
natürlich im Lauf der Jahre unsere Reputation.
fM: Was treibt Sie an, immer besser zu werden in einem Alter, in dem
andere in Rente gehen?
HS: Ich bin mit Energie gesegnet, die reicht bis zu meinem Tod. Sie
treibt mich an. Ich glaube nicht, dass ich je in Rente gehen werde. Das
hängt wohl damit zusammen, dass ich mich gerne selbst überrasche. Ich
gehe nie ohne Kamera aus dem Haus. Ein Urlaub ohne Kamera wäre kein
Urlaub.
fM: Wann haben Sie die Bedeutung der digitalen Revolution für die
Fotografie, bzw. für Ihre Arbeit erkannt?
HS: Ich habe schnell mitbekommen, dass es der Segnung von Photoshop und
Co. bedarf, um mit den besten Fotografen mitzuhalten und war von Anfang
an dabei. Mit einem damals phantastischen Scanner, der 11.000 dpi
draufhatte, wurden alle meine Dias gescannt.Bald dachte ich: wozu, wenn
doch die professionellen Digitalkameras immer besser werden? Ein großer
Vorteil der digitalen Fotografie ist die sofortige Überprüfbarkeit von
Situationen, die einer Evaluierung bedürfen: etwa
Stroboskopblitz-Aufnahmen. Hätte ich nach jeder Aufnahme 90 Sekunden
warten müssen, bis ein Polaroidfoto erkennbar wäre, dann wäre ich bis
heute nicht fertig. Seit sieben Jahren fotografiere ich ausschließlich
digital.
fM: Was machen Sie am liebsten: ein Cover für Sports Illustrated oder
das New York Times Magazine, eine Berühmtheit zu portraitieren oder
einfach immer nur das nächste Bild, an dem Sie gerade arbeiten?
HS: Ich fühle mich geehrt, wenn ich für namhafte Magazine arbeiten darf.
Es ist mir auch ein Vergnügen, an einem spektakulären Cover zu basteln,
doch wirklich interessant ist es, an einem Buch zu arbeiten. Wobei
meine Bücher (es sind mittlerweile siebzehn) nie geplant waren, sondern
sich einfach ergeben haben. Am wichtigsten ist mir das Bild, das ich
gerade vor mir sehe. Diese Woche waren Muhammed Ali und Lennox Lewis bei
mir im Studio. Ich fotografiere seit einiger Zeit aktive und ehemalige
Boxer, Promoter, Veranstalter und Menschen aus dem Ring-Getriebe. Könnte
sein, dass daraus ein Buch wird. Mich fasziniert das Thema und so lasse
ich während meiner Arbeit im Studio stets ein Tonband mitlaufen, um
Texte, Statements und Kommentare der Boxer rund um ihre Profession zu
sammeln. Was ich jedoch immer mache, wenn die Idee zu einem Buch konkret
wird: Ich kaufe alle verfügbaren Bücher zu diesem Thema und lese mich
ein, sehe, wie andere an das Thema herangegangen sind. Nur um selbst
hinterher alles ganz anders zu machen. Clever ist es, etwas zu machen,
dass noch keiner versucht hat. Oft aber denke ich: Mein Gott, der oder
die haben das Thema komplex und ideenreich behandelt. Es gibt so viele
Möglichkeiten, Dinge wahrzunehmen. Ein Freund wohnt in der Nähe des New
Yorker JFK-Airports und über sein Haus donnern Tag und Nacht die großen
Jets. Er saß einen Sommer lang in seinem Garten und fotografierte die
Unterseite der vorüber fliegenden Jets vor weißem oder blauem Himmel.
Daraus wurde ein Buch, das es noch nie gegeben hatte. Darum geht es!
fM: Was ist aus Ihrer Sicht für ein gutes Foto wichtiger: das Briefing,
der Moment der Aufnahme oder die anschließende Optimierung des Bildes
mit Photoshop?
HS: Photoshop ist für mich nur ein Werkzeug. Was sich geändert hat, ist
die Tatsache, dass ich (anders als früher, wo Weiß gleich Weiß und
Schwarz gleich Schwarz zu sein hatte) heute „flacher“ fotografiere, mit
wenig Kontrast, weil hinterher damit ohnehin alles machbar ist. Früher
kostete jedes Drücken des Auslösers einen Dollar. Heute bin ich davon
befreit, fotografiere, bis ich das Gefühl habe, jetzt ist etwas dabei,
das wir hinterher zu einem großartigen Bild machen können.