Eine junge Frau steht mit einem Hummer in den Händen vor dem Küchentisch. Topflappen hängen an den Kacheln, eine zart gemusterte Tapete bedeckt die Wand darüber. Irgendetwas stimmt hier nicht. Die Dinge wirken merkwürdig verschoben. Die Brüchigkeit des Bildes manifestiert sich in dem weißen Raster, das die Szenerie in 16 Einzelteile zerlegt. Wurde das Bild zerschnitten?
Nein! Jan Wenzel produziert seine Bilder im FotoFix-Automaten, jedes in der unmanipulierten Viererabfolge als Streifen, die er dann als Einzelbild betrachtet oder zu einem Fantasiebild aus mehreren Streifen (wie bei der Küchenszene) montiert. Mit dem Fotoautomaten schafft er aus Abfolgen realer Kabinenwelten eine Gleichzeitigkeit von Raum und Zeit. „Meine ersten Fotos im Passbildautomaten habe ich 1990 in Bautzen gemacht. In der DDR waren Fotoautomaten nicht in Gebrauch; das Patent lag im Westen. Ich ging damals regelmäßig zu der FotoFix-Kabine im Bahnhof. Anfangs allein, später mit Freunden. Wir erprobten die neue Apparatur als Bühne“, erzählt Wenzel über seine Begegnung mit FotoFix.
Rein in die Kabine, Drehstuhl auf die richtige Höhe bringen und Vorhang zu – wer kennt das nicht? Dieses Bewusstsein, dass nun schonungslos in regelmäßigen Abständen geblitzt wird. Wer hat hier nicht schon Grimassen geschnitten oder sich mit Freunden vor das Objektiv gezwängt? Wenzel begann bereits damals zu inszenieren, indem er den vertikalen Streifen als Bildsequenz gestaltete und mit positionierten Gegenständen improvisierte.
Jan Wenzel wurde 1972 in Bautzen geboren, zog 1994 zum Studium der Germanistik und Kunstgeschichte nach Leipzig. Dort faszinierten ihn die leerstehenden Gründerzeithäuser. Ihre Bewohner hatten sie zur Zeit der Wende verlassen. Wie ein Dieb schlich er sich in diese vergangene Zeit, von der noch Möbelstücke und verstreute Kleinigkeiten zeugten. Diese Fundstücke mit dem Fotoautomaten abzulichten, war in der Situation des gesellschaftlichen Wandels eine Möglichkeit, „sich ihrer dokumentierend zu entledigen, ohne sie zu romantisieren oder ganz zu verlieren“. Damit auch größere Gegenstände in der Fotokabine Platz haben, muss er diese demontieren. Dabei interessiert ihn die Arbeitsweise eines Bastlers, der aus dem Vorgefundenen Neues komponiert. Mit dem Einsatz des FotoFix-Automaten als Medium gelingt ihm der Transfer vom Realen zum Imaginären.
Wenzel unterwirft sich dem Rhythmus des Automaten, liefert der Kamera Motive in der von ihr geforderten Schnelligkeit. Dazu bedarf es einer exakten Choreographie. Als seine Bildentwürfe immer komplexer werden, erwirbt er schließlich 1997 eine Maschine.
„Schon im Jahr 1889 nutzen die Menschen den ersten Fotoautomaten für Spaßbilder“
Wenzel ist nicht der erste Künstler, der Fotoautomaten einsetzt, jedoch vielleicht der letzte, der einen analogen Apparat verwenden kann, denn laut Herstellerfirma sind in Deutschland alle durch digitale Systeme ersetzt worden.
Die Firma wurde 1956 von Johannes Schwarzfeldt gegründet und dominiert seit über fünfzig Jahren den deutschen Markt. Neben Pass- und Bewerbungsfotos hat sie den Spaßfaktor entdeckt und wirbt heute mit „Herzensgrüße an den Liebsten“ oder der Illusion des „Traumbodys in zwei Minuten.“ Schon seit der erste Fotoautomat 1889 auf der Pariser Weltausstellung präsentiert wurde, nutzten ihn die Menschen zum spontanen Fotospaß.