Stefen Chow: Das neue China

22.10.2012

Reich des Wandels: Stefen Chows China-Portraits zeigen Maos Erben in einem Land zwischen Tradition und Moderne. Stimmungsbilder einer Nation

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© Stefen Chow

Die Chinesische Mauer ruht verlassen im sanften Grün der Bergwelt. Das größte je von Menschen errichtete Bauwerk, archaisch, imposant, ein bedeutendes Stück Geschichte inmitten der Natur. Wäre da jetzt nicht jener Sonnenschirm, dieser kleine bunte Klecks, der Kontrapunkt im historischen Ambiente. Ein findiger Händler hat auf dem alten Schutzwall seinen Verkaufsstand für Erfrischungsgetränke errichtet und wartet inmitten seiner kleinen Konsuminsel auf durstige Touristen. Stefen Chow hält mit einem Tilt&Shift-Objektiv auf der Spiegelreflexkamera diese Situation fest. Dabei situiert er das Jahrhunderte alte Gemäuer fast komplett im Unschärfebereich und zelebriert so das Unwirkliche dieses Augenblicks. Alles hier soll wirken wie in einem diffusen Traum, den jemand vor langer Zeit und zugleich irgendwann in ferner Zukunft träumen könnte. Dies ist aber auch das Foto eines Kontrastes, der sinnbildlich für vieles im heutigen China stehen könnte. Chows Bildserie Imperial Awakenings greift eine Welt der Gegensätze auf, sie zeigt uns das Leuchten der Moderne hinter Pekings Verbotener Stadt und moderne Wohnklötze neben Chongqings meisterhafter Architektur der Ming-Dynastie. Mich hat immer schon Chinas Verhältnis zu seiner Kaiserzeit interessiert, da ich selbst ein Nachfahre jenes Kaisers bin, der einst die Song-Dynastie begründet hat, berichtet Chow. Zudem glaube ich an das Konzept der Unbeständigkeit und wollte hier das Gefühl einer Zeit wecken, die es so weder in der Zukunft geben wird, noch in der Vergangenheit gegeben hat. Er beobachte das heutige China mit gemischen Gefühlen, sagt Chow.

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©Stefen Chow

Der Fotojournalist ist in Singapur aufgewachsen und wurde dort mit westlichen und östlichen Wertesystemen vertraut gemacht. Das ständige Pendeln zwischen den Kulturen hat den Fotografen mit Wohnsitz in Peking und Singapur letztlich überall zum Fremden gemacht., doch daraus zieht er heute seine kreative Inspiration und seine Ideen. Die chinesische Zivilisation entwickelt sich rasend schnell weiter und damit entstehen auch enorme Probleme, während hunderte Millionen Menschen aus der Armut gebracht werden. China ist ein faszinierendes Land voller packender Geschichten. Das Alte und das Neue stehen hier in einem ständigen Kontrast. Dieses Land ist so strukturiert, dass die Fotos von heute schon morgen keine Bedeutung mehr haben werden. Ich halte in meinen Bildern eher eine Stimmung oder einen Gedanken fest, als dass ich darüber nachdenke, was momentan gerade modern ist.

Der Ingenieur wird Profifotograf

Der studierte Maschinenbau-Ingenieur ist 2005 über das Bergsteigen als Mitglied einer Mount Everest-Expedition zur Fotografie gekommen. Bereits im Folgejahr würdigte ihn die japanische Discover Nikon-Kampagne als einen der besten Fotografen Asiens. Heute arbeitet der 32-jährige als Fotoreporter für Zeitschriften wie Geo, Time Magazine und Sports Illustrated, seine Arbeiten sind international ausgezeichnet worden. Bei Auftrags-Portraits seiner Landsleute wie jenen Bildern chinesischer Wissenschaftler (siehe Bild rechs) für die deutsche Illustrierte Geo versuche er, den Charakter eines Menschen so authentisch festzuhalten, dass auch Freunde und Angehörige in den Aufnahmen seine Persönlichkeit erkennen, sagt Stefen Chow. Warum hat sich dieser vielseitig begabte Kosmopolit für die Fotografie entschieden? Ich bin von Natur aus neugierig und meine Kamera hilft mir dabei, meine Neugier zu stillen! Dieser Tage widmet sich Stefen Chow intensiv seinem neuen Fotoprojekt The Poverty Line. Mit wissenschaftlichem Eifer, gründlicher Recherche inszeniert er hier Bilder, statt wie sonst instinktiv zu arbeiten. Ein baldiger Wechsel in die reine Konzeptkunst steht fürs Erste dennoch nicht an: Ich liebe genau eben diese Vielfalt in meinem Arbeitsumfeld, schwärmt der Fotograf. Das moderne China hat jedenfalls noch viele Geschichten, die auf den talentierten Bildreporter warten. 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.

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