Eiswand Dani Arnold

Eiswand Dani Arnold
Foto: Thomas Senf/www.visualimpact.ch

Norwegische Eiskulissen: Der Zapfenstreicher

Expedition ins Eis
01.06.2015

Poppig-bunte Lichtspiele mit nächtlicher Kletter-Exkusrion ins Eisparadies. Thomas Senf inszenierte nachts in Norwegen eine bizarre Winterlandschaft mit Lichspektakel

Eis Oper

Eis Oper

Eis-Oper: Ein Farbmischpult des Lichkünstlers David Hedinger brachte vor Ort wechselnde Lichtstimmungen ins Shooting

Foto: Thomas Senf/www.visualimpact.ch

​Schon Bayerns Märchenkönig Ludwig II. entdeckte 1875 beim Bau seines Lieblingsschlosses Linderhof den Zauber der beleuchteten Zapfen als royale Bespaßung. Seine unter Leitung des Bühnenbildners August Dirigl errichtete Venusgrotte im Schlosspark der Gemeinde Ettal bestrahlte zu melancholischen Melodien aus Wagners Tannhäuser-Oper kunstvoll gespritzte Beton-Tropfsteine in den Farben des Regenbogens, während der gemütskranke Monarch sich über die sanften Wellen seines Kunsttümpels rudern ließ. Ein seinerzeit avantgardistisches „Sound & Vision“-Event in der feucht dampfenden Entertainment-Variante des 19. Jahrhunderts, die in abgespeckter Version heute tausende Schloss-Besucher fasziniert. Waren Ludwigs Lichtspiele nun Vorbild einer winterlichen Fotoproduktion der Superlative in Skandinavien?

Kabelsalat in der Frosthöhle

Nein, Thomas Senf kennt Ludwigs Freizeit-Grotte überhaupt nicht. Die Idee für seine poppig-bunten Natureis-Lichtspiele kam dem Bergfotografen, als er zuhause am Schreibtisch im Berner Oberland über neue Darstellungsweisen des Eiskletterns nachdachte. Er liebt diesen Sport, macht aber beim Fotografieren immer wieder die frustrierende Erfahrung, dass sein Sujet oft unter schlechten

Vøringsfossen-Eisfall

Vøringsfossen-Eisfall

Stephan Siegrist klettert am mit Fackeln beleuchteten Vøringsfossen-Eisfall

Foto: Thomas Senf/www.visualimpact.ch

Lichtbedingungen allzu schnell im Reich der Schatten verschwindet. Diesmal sollte alles unter kontrollierten Bedingungen fotografiert werden. Die Location für seine Großinszenierung hatte er bereits gefunden. Der gefrorene Vøringsfossen-Wasserfall ist im winterlichen Norwegen mit seinen majestätischen Formationen ein Paradies für Eiskletterer. Der nach einem spektakulären Fotoshooting mit dem kanadischen Kletterstar Will Gadd im Jahr 2010 international populär gewordene Eidfjord bietet mit Eisrouten über 300 Höhenmeter reichlich Adrenalinkicks für erfahrene Kletterprofis.

Mit einem zwölfköpfigen Produktionsteam inszenierte hier Thomas Senf schließlich 2012 einen kühnen Traum. An dem eisbedeckten Wasserfall und in einer riesigen Eishöhle schickte der Fotograf nächtens Kletter-Profis in die gläsern glänzenden Steilwände des Naturwunders drei Stunden östlich von Bergen. Im Drama des Kunstlichtes und unter dem nervösen Flackern grell leuchtender Fackeln entwickelt sich vor dieser Kulisse eine Symphonie bizarrer Formen und Farben, wird in den Bildern des Leipziger Fotografen die archaische Frosthöhle zur Kathedrale der geronnenen Zeit. Doch wie beleuchtet man eigentlich einen eisigen Wasserfall, eine 30 x 50 qm große Höhlenlandschaft? Zum Beispiel mit Hilfe des Schweizer Lichtkünstlers David Hediger, mit einem Farbmischpult vor Ort, Scheinwerfern im Eis und Stirnlampen an den Helmen der Kletter-Cracks.

Zapfen-Shooting

Zapfen-Shooting

Zapfen-Shooting bis nachts um 4 Uhr: Tagsüber wurden die Stromkabel verlegt, bei Einbruch der Dunkelheit kletterten die Profis durchs Kunstlicht

Foto: Thomas Senf/www.visualimpact.ch

Kurzum: mit einem gigantischen Logistik-Know-how und einem Team, in dem der Fotograf als Regisseur gefragt ist. Tagsüber wurden also ein Notstromgenerator durch die Natur geschleppt und 500 Meter Stromkabel in der Eislandschaft verlegt, danach von Einbruch der Dunkelheit bis vier Uhr nachts fotografiert. Zehn bis zwanzig Lichtpunkte ließ der Bildermacher pro Motiv in oft schwindeliger Höhe im Eis setzen – kompliziert und nicht ganz gefahrlos hinter Eiszapfen befestigt. Eine längerfristige Vorarbeit war unmöglich: „Dann wären die Kabel sofort von einer dicken Eisschicht überdeckt gewesen“, weiß Senf. Seine Profi-Kletterer hatten am Set mehrere Aufgaben zu erfüllen. Sie halfen als „Material-Sherpas“ beim Transport des Equipments, installierten alle Lichtquellen und übernahmen schließlich in Senfs Bildkomposition die Funktion, die Größenordung vor Ort in Proportion zu setzen. Winzig klein verschwindet der Mensch hier im bunten Eisspektakel, klettert waghalsig durch die Zapfenlandschaft.

Arbeit mit extremen Lichtbedingungen

Visual Impact

Visual Impact

Top-Alpinist Dani Arnold (oben) an der Eiswand und unten mit Rahel Schelb von Thomas Senfs Bildagentur Visual Impact

Foto: Thomas Senf/www.visualimpact.ch

​Seit etwa 15 Jahren ist der 32-jährige Bergfotograf Thomas Senf im Eis unterwegs. Nach eigenem Bekunden war er der Erste, der mit diesem Projekt das Eisklettern im Dramalicht visualisiert hat. „Fotografisch waren die Lichtkontraste die größte Her- ausforderung“, sagt der Leipziger, der seit 2003 in den Schweizer Bergen lebt. Senf arbeitete hier mit einer Nikon D3 und einer D800 und benötigte bei den schwierigen Lichtverhältnissen meist Belichtungszeiten von 1/30 Sekunde bei Blende 5,6 und 1000 ISO. Seine bevorzugten Objektive waren ein 14-24-mm- und ein 24-70-mm-Zoom. In der Bildbearbeitung eliminierte Senf später das leichte Farbrauschen seiner Nachtaufnahmen. Der studierte Maschinenbauingenieur kam einst über den Job als Bergführer zur Fotografie und arbeitet seit drei Jahren mit den Schwerpunkten Schnee und Eis als Profifotograf für Zeitschriften und Firmen im Outdoor-Bereich. „Bei einem Projekt wie diesem sind alpines Wissen und Erfahrung nötig“, sagt Thomas Senf. „Vor Ort musst Du mit der extrem begrenzten Zeit zurecht kommen. Man unterschätzt, wie kompliziert der Aufbau ist.“

Dieses Portfolio ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 03/2014 erschienen. 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.