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Vincent Delbrouck Interview: Aufmacher
© Vincent Delbrouck

Vincent Delbrouck

"In meinen Bildern geht es immer um Obsessionen"
09.02.2017

Er ist der Finalist der Oskar Barnack-Awards 2016: Vincent Delbrouck über intime Bilder, intuitives Arbeiten und die Emotion eines Augenblicks

 

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Vincent Delbrouck Ende September 2016 bei der Verleihung der Oskar Barnack-Awards in Berlin

© Manfred Zollner

fotoMAGAZIN: Wann haben Sie Ihre Collagetechnik entwickelt?
Vincent Delbrouck: 2003, als ich nach Kuba ging. Anfangs erschien mir das etwas seltsam und düster. Es kam ganz aus dem Unterbewussten und dauerte eine Weile, bis ich akzeptieren konnte, dass diese Collagen ein Teil meiner Arbeit sind. Lange dachte ich, dass ich damit meine Zeit verschwendete. Ich kann nicht zeichnen oder malen, habe da kein besonderes Talent. Schließlich begann ich, weil ich das Gefühl hatte, es tun zu müssen. Ich musste meine Sachen aus Kuba einfach ausspucken.

fM: Machen Sie diese Collagen nur mit Ihren kubanischen Arbeiten?
Delbrouck: Nein, ich musste das vermischen. Ich habe noch mein erstes Tagebuch. Es vermengt ganz unterschiedliche Dinge. Ich begann der Collage ein bisschen etwas aus meinem Tagebuch hinzuzufügen, akzeptierte immer mehr, dass die Arbeit verschiedene Schichten hat. Heute weiß ich, dass es bei meiner Arbeit um den Arbeitsprozess geht. Das neue Buch zeigt deutlich, wie ich arbeite.

fM: Sie haben es im Eigenverlag veröffentlicht?
Delbrouck: Ja, ich wollte mehr Kontrolle vom Anfang bis zum Ende!

fM: Funktioniert das für Sie als Künstler, das Buch im Eigenverlag zu veröffentlichen?
Delbrouck: Ja, denn die Leute sind immer mehr für derlei Bücher offen.

fM: In Ihrem neuen Buch „Catalogue“ haben Sie eine signierte Fotokopie eines Motivs beigefügt. Ist die bei jedem Exemplar dabei?
Delbrouck: Ja, das mache ich in der ganzen Auflage von 500 Exemplaren.

fM: Ihre Arbeit zeigt zwei parallele Stränge: Sehr intime Bilder von Menschen und diese beiläufigen, lyrischen Momente: Wie kombinieren Sie beides?
Delbrouck: Mir erscheint das völlig natürlich. Ich brauche diese meditativen Bilder. Das kann ein Objekt sein, eine Art „stilles Portrait“. Andererseits arbeite ich an Geschichten mit starker Intimität. Ich weiß, dass ich mit den Menschen etwas entwickeln kann; eine Art Kurzgeschichte, die ich dann im Ausstellungskontext oder im Tagebuch kombiniere.

Ich ziehe einfach los. Und wenn mir danach ist, mache ich eine Woche lang nur Bilder von Pflanzen

fM: Betrachten Sie Ihre Bilder eher als Einzelmotive, die Sie immer wieder neu kombinieren?
Delbrouck: Ich kann sie unterschiedlich arrangieren. Dabei beginne ich nie mit der Absicht, symbolistische Beziehungen herzustellen. Wenn ich eine Installation mache, ist das ein wenig wie beim Fotografieren. Irgendwann kommt diese Energie und ich bin im Flow. Das ist später nicht einfach, wenn es um die Bildauswahl geht. Sobald ich anfange, darüber nachzudenken, ob die Leute etwas mögen, arbeitet das Gehirn viel zu langsam. Ich muss die Dinge direkt anpacken.

fM: Was reizt Sie an der Fotografie?
Delbrouck: Die Gegenüberstellung von Menschen und Dingen. Du bist irgendwo und etwas passiert. Mit einer Kamera kann ich intuitiv arbeiten. Das will ich auch nicht analysieren. Deshalb wäre die Malerei schwierig für mich. Hier wird ständig analysiert: Soll ich weitermachen oder nicht?

fM: Das klingt so, als ob Sie sich wie ein Kurator definieren, der Momente sammelt und konserviert. Gänzlich von einer Stimmung eines Augenblicks abhängig ...
Delbrouck: Völlig richtig. Sobald ich eine starke Emotion empfinde, ist das so. Immer öfter entstehen meine Collagen in Stresssituationen, wenn ich weiß, ich muss etwas Neues machen. Da ist immer dieser Prozess der Zerstörung, der Dekonstruktion und der Rekonstruktion. Die Fotografie selbst ist für mich in einem Moment einfach da. Ich weiß, wie ich die Bilder bekomme. Wichtiger ist es, was du mit den Menschen aufbaust. Es geht mir letztlich immer um Obsessionen. Ich könnte auf Kuba nie ein Bild eines Ortes machen, weil ich etwas dokumentieren möchte. Ich ziehe einfach los. Und wenn mir danach ist, mache ich eine Woche lang nur Bilder von Pflanzen. Das versuche ich manchmal auch Fotografie-Studenten beizubringen: ‚Wenn du das Verlangen hast, Bilder von Katzen zu machen, dann mach sie! Vielleicht kannst du in 15 Jahren etwas damit erreichen.’

fM: Wenn Sie Ihre Motive ganz nach Belieben präsentieren könnten, wie würden Sie vorgehen?
Delbrouck: Es würden Bilder in verschiedenen Größen sein, aber ohne Passepartout. Und immer mit der Collage und keiner Reproduktion einer Collage.

fM: Wie viele redaktionelle Jobs nehmen Sie heute Sie noch von Zeitschriften an?
Delbrouck: Ich mache das gar nicht mehr. Ich habe früher Mode fotografiert, aber dann begonnen, an Büchern zu arbeiten und Fotografie zu lehren.

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.