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Nicolai Linares im fM-Interview: Aufmacher
© Nikolai Linares

Nikolai Linares

"Den Zweiten kennt am Ende keiner"
16.02.2017

Seine prämierte Serie „Second Best“ widmet sich nicht den Siegern, sondern den Zweitplatzierten großer Boxkämpfe. Im exklusiven fM-Interview gab uns Sony World Photography Award-Gewinner Nikolai Linares einen Einblick in seine Gedanken hinter den Bildern.

 

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Nikolai Linares
© Manfred Zollner

Mit seinem Projekt „Second Best“ belegte Nikolai Linares bei den Sony World Photography Awards 2016 den ersten Platz in der Kategorie Sport. Der Däne hatte bei den Zealand Boxmeisterschaften in Kopenhagen die Silbermedaillengewinner portraitiert, unmittelbar nachdem sie ihre Finalkämpfe verloren hatten. Nach der Preisverleihung sprachen wir mit dem 33-jährigen Dänen über Sieger und Verlierer und den Blick des Kämpfers beim Portrait.

fotoMAGAZIN: Wie kamen Sie auf die Idee, Boxer zu fotografieren, die gerade einen Kampf verloren hatten?
Nikolai Linares: Eigentlich wollte ich eine Reportage über eine Boxerin machen. Ihr Kampf wurde aber leider drei Tage vor der Veranstaltung abgesagt und deshalb stand ich vor der Entscheidung, was ich stattdessen machen sollte. Es mag jetzt etwas seltsam klingen, aber in diesem Moment musste ich daran denken, was der Komiker Jerry Seinfeld mal sagte: Wenn du einen 100-Meter-Sprint bei Olympia gewinnst, bist du der Größte, aber den Zweiten kennt am Ende keiner, selbst wenn er nur knapp dahinter lag. Diesen Satz habe ich 15 Jahre im Gedächtnis behalten. Jetzt brachte er mich auf die Idee zu meiner Serie „Second Best“. Mein Ausgangspunkt war hier also folgende Frage: Was geschieht mit denen, die Zweiter wurden, deren Name und deren Gesicht nie bekannt wird, weil sie nur Silber gewonnen haben? Ich brachte also mein Portraitlicht mit zu der Veranstaltung und hoffte auf das Beste. In zwei Tagen sprach ich 15 Boxer an, unmittelbar nachdem sie aus dem Ring gestiegen waren.

fM: Was haben Sie diesen Männern gesagt?
Linares: Ich habe ihnen einfach meine Hand gegeben und gesagt: ‚Herzlichen Glückwunsch zum zweiten Platz. Es tut mir leid, dass Sie nicht gewonnen haben. Dürfte ich Sie portraitieren?’ 13 der 15 Boxer sagten zu. Ich habe ihnen erzählt, dass ich all denen, die auf dem zweiten Platz landen, einen Namen und ein Gesicht geben möchte. Eine Woche nachdem ich die Bilder aufgenommen hatte, wurden sie in der Zeitung veröffentlicht. Und jetzt bekommen diese Boxer sogar mehr Aufmerksamkeit als die Gewinner. (lacht)

Ich habe ihnen erzählt, dass ich all denen, die auf dem zweiten Platz landen, einen Namen und ein Gesicht geben möchte

fM: Haben Sie mit den Boxern später darüber gesprochen, wie sie Ihre Portraits finden?
Linares: Nein. Vor drei Tagen habe ich allen eine Nachricht auf Facebook geschickt, weil ich in Dänemark den zweiten Platz für das „Foto des Jahres 2016“ in der Kategorie Sport gewonnen habe, mit denselben Bildern. Das passiert jetzt alles auf einmal. Ich habe allen geschrieben, dass die Bilder in Kopenhagen und London ausgestellt werden. Alle waren begeistert und wollten natürlich ihr eigenes Portrait haben.

fM: In welchem Bildformat würden diese Portraits für Sie am besten funktionieren?
Linares: Mir wäre es lieber, wenn die Bilder größer wären. Man würde dann mehr Details erkennen, der Schweiß würde besser zur Geltung kommen – schließlich wurden die Aufnahmen ja eine Minute nach dem Kampf aufgenommen. Man würde den Gesichtsausdruck der Boxer, ihre Kratzer und das Blut besser sehen.

fM: Waren derlei Gedanken von Beginn an Teil Ihres Konzepts?
Linares: Nein. Meine Idee war es schlicht und einfach, so viele verschiedene Aufnahmen wie möglich zu bekommen. Meinen Abstand zum Boxer habe ich zum Beispiel variiert. In der Serie gibt es auch eine Ganzkörperaufnahme.

fM: Werden Sie das Projekt noch weiterführen?
Linares: Ich will auf jeden Fall weitermachen und weltweit daran arbeiten – weil es sich hier um ein weltweites Phänomen handelt. Mein Traum wäre es, nach Japan zu gehen und dort Sumo-Ringer zu fotografieren, in Afrika afrikanische Ringer zu portraitieren und vielleicht in Thailand die Thaiboxer. In Südamerika würde ich gerne bolivianische Ringerinnen und in Nordamerika die Mixed Martial Art-Kämpfer ablichten. Alle Bilder sollen dann in einer Ausstellung oder einem Buch zusammengebracht werden.

fM: Was soll diese Projekte verbinden?
Linares: Für mich geht es darum, den Zweitplatzierten ein Gesicht und einen Namen zu geben. Das ist das Wichtigste. Wir leben in einer Welt, in der die Menschen so fokussiert darauf sind, die Besten zu sein. Warum sagen wir nicht mal, dass wir das Beste geben, was wir können? Wenn dann nicht der erste Platz herauskommt, haben wir immerhin unser Bestes gegeben. Ich möchte mit dem Projekt sagen, dass jeder stolz auf sich sein sollte, sofern er sein Bestes gegeben hat – auch wenn er nur auf dem zweiten oder dritten Platz landet.

Wir leben in einer Welt, in der die Menschen so fokussiert darauf sind, die Besten zu sein. Warum sagen wir nicht mal, dass wir das Beste geben, was wir können? Wenn dann nicht der erste Platz herauskommt, haben wir immerhin unser Bestes gegeben

fM: Warum haben Sie Boxer und keine anderen Athleten ausgewählt?
Linares: Vor allem weil die Idee daraus entstanden ist, dass der Kampf der Boxerin abgesagt worden ist, die ich ursprünglich fotografieren wollte. Aber auch weil man diesen Boxern besonders ansieht, dass sie gekämpft haben.

fM: Man sieht, dass sie verletzt sind. Inwiefern ist das wichtig?
Linares: Einige von ihnen sind verletzt, andere aber auch nicht. Es ist aber schon Teil meines Konzepts, dass man sieht, wie brutal dieser Moment sein kann. Für viele Menschen ist die Vorstellung verrückt, in einen Ring zu steigen und zu kämpfen. Es gibt jedoch auch Menschen, die einfach davon träumen, die Nummer eins zu sein. Sie nehmen es für das Gefühl des Sieges in Kauf, dass ihre Nase gebrochen wird, sie ein blaues Auge bekommen oder sonst etwas. Es ist mir bewusst, dass diese Boxer nicht glücklich waren, als ich die Bilder aufgenommen habe. Trotzdem haben fast alle mitgemacht. Weil sie wussten, dass sie ihr Bestes gegeben hatten, wenngleich das leider nicht genug war. Jeder hat mir gesagt, dass das in Ordnung sei und sie nächstes Jahr wiederkommen und besser sein würden.

fM: Was wäre bei Ihren Portraits anders, wenn Sie stattdessen die Sieger portraitiert hätten?
Linares: Der ganze Ausdruck wäre anders. Meiner Meinung nach kann man sehen, dass die Boxer verloren haben. Ich glaube, die Gewinner wären glücklicher. Man würde das in ihren Augen sehen, vielleicht hätten sie sogar gelächelt – obwohl ich ihnen gesagt hätte, dass sie nicht lächeln sollen.

fM: Haben Sie den Zweitplatzierten Anweisungen gegeben?
Linares: Ich habe gesagt, dass sie einfach in die Kamera schauen sollen. Nach 20 oder 30 Sekunden haben sie aber angefangen, hektisch umherzublicken. Dann habe ich mich ein wenig rückwärts bewegt, um einen größeren Bildausschnitt zu bekommen. Ich habe ihnen also nicht viel gesagt. Einer schaut auf dem Bild tatsächlich gerade seine Freunde an. Aber das funktionierte für mich, weil er eine gute Pose hatte. Er stand zwar zunächst anders, aber die Boxer konnten kaum stillstehen, weil sie noch richtig gepumpt und geschwitzt haben. Ich habe jeden fotografiert bis er mich fragte, ob wir fertig sind.

Die Boxer konnten kaum stillstehen, weil sie noch richtig gepumpt und geschwitzt haben

fM: Inwiefern hat Sie Ihr fotojournalistischer Hintergrund auf Aufgaben wie diese vorbereitet?
Linares: Ich bin darauf sehr gut vorbereitet. Ich war auf der Danish School of Journalism und habe ganz verschiedene Storys gemacht – darunter sehr viele Geschichten aus dem Bereich Sport. Ich war vor zwei Jahren bei den Sony World Photography Awards bereits in der engeren Auswahl für die Kategorie Sport. Ich mag diese Sport-Atmosphäre sehr und habe auch selbst viel Sport betrieben. Und ich liebe es, mit Menschen in Kontakt zu kommen und zu sehen, wie weit das geht, unmittelbar nach einer Niederlage, vielleicht der bisher größten Niederlage ihrer Karriere. Ich habe dieses Resultat nicht erwartet. Ich dachte, wenn ich drei Bilder bekomme, kann ich zufrieden sein. Aber am Ende bekam ich 13.

fM: Haben Sie die Bilder auch beim World Press Photo-Wettbewerb eingereicht?
Linares: Ja, aber ich habe nichts gehört. So ist das nun mal bei Wettbewerben, vor allem in der Fotografie. Es gibt hier kein Richtig oder Falsch. Es geht immer um Geschmack. Eine Jury mag etwas und die nächste Jury mag es nicht.

Es gibt hier kein Richtig oder Falsch bei Fotowettbewerben. Es geht immer um Geschmack. Eine Jury mag etwas und die nächste Jury mag es nicht

fM: Haben Sie sich während Ihres Studiums schon auf den Bereich Sport konzentriert?
Linares: Ich würde nicht sagen, dass ich darauf fokussiert war. Ich mochte diese Sport-Geschichten allerdings schon immer. Ich habe viele Sport-Reportagen gesehen, deren Erzählweise nicht wirklich gut war und möchte zeigen, dass eine Sport-Reportage wirklich interessant und wichtig sein kann. Vor zwei Jahren fotografierte ich eine Geschichte über einen Martial Arts-Kämpfer, der auch Vater ist. Die eine Hälfte meiner Bilder zeigt ihn als Kampfsportler, die andere Hälfte als Vater. Man sieht ihn im Ring auf einen Mann einschlagen und mit seinen Kindern auf dem Sofa liegen. Anstatt nur den Kämpfer zu zeigen, wollte ich auch dessen menschliche Seite zeigen.

fM: Sehen Sie Ihre Boxer-Portraits eher in einer Galerie oder in einer Zeitschrift?
Linares: Ich kann sie mir gut in einer Galerie vorstellen. Ich habe sie ja auch schon in Dänemark ausgestellt, aber ich habe die Aufnahmen zunächst an eine Tageszeitung verkauft.

fM: An welche?
Linares: Berlingske. Dort machte ich mal ein Praktikum und hatte einen guten Kontakt. Schon nach meinem ersten Tag habe ich dort angerufen und dem Verleger von meiner Reportage erzählt. Er lachte und meinte, er könne es kaum erwarten, die Fotos zu sehen. Als ich ihm ein paar Aufnahmen schickte, fand er das Konzept wirklich gut und meinte, er würde die Reportage natürlich kaufen. Die Zeitspanne von der Idee bis zur Veröffentlichung war wirklich sehr kurz – alles ist innerhalb von neun oder zehn Tagen passiert. Das hatte ich noch nie zuvor versucht.

Der Fotograf

Nikolai Linares (*1983) machte 2012 einen Abschluss im Bereich Fotojournalismus an der renommierten Dänischen Schule für Medien und Journalismus in Aarhus.

Heute arbeitet er als freier Fotograf. Bei den Sony World Photography Awards 2014 war er bereits unter den Finalisten der Kategorie Sport, 2016 siegte er in dieser Kategorie und gewann mit seinen Boxer-Portraits den 2. Platz bei der Wahl von Dänemarks Sportfotos des Jahres.

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Zu den weiteren Gewinnern der Sony World Photography Awards 2016 gehört u. a. Maroesjka Lavigne. Sie wollen auch einmal versuchen, einen Sony World Photography-Award zu erhalten? Dann nehmen Sie doch bei der nächsten Runde teil und versuchen Sie Ihr Glück bei den Einsendungen für das Jahr 2018. Einsendungen werden hier ab dem 1. Juni 2017 entgegen genommen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.